Samstag, 22. Juli 2017

In sieben Tagen um die Welt oder doch nur von München nach Berlin // Schreibend auf Reisen Teil I

Samstagmittag, Starnberger See. 
Zwischen Porschefahrern und Polohemdenträgern sitze ich mit Freundin und Autorenkollegin Nicole Neubauer im Biergarten des Strandbads und lese. Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz. 
Vorgestern hat sie mir das Buch geschenkt, nachträglich zum Geburtstag. Schon einige Male bin ich um diesen Titel herumgeschlichen, konnte mich aber bisher nicht dazu überreden, ihn zu kaufen. Ich wusste, dass dieses Buch etwas mit mir tun würde. Manche Geschichten ziehen einen in einen Lesebann, man will und kann ein Buch dann einfach nicht aus der Hand legen, bis es ausgelesen ist. Wenn man gerade weder Zeit noch Kopf für ein solches Anwesenheitsloch in der Alltagsdimension hat, ist das eher ungünstig. Hier in München ist mir das egal, München tut mit mir, was es immer tut. Es saugt mich auf und ich sauge München auf, verschwimme mit dem Stadtbild. Ich beobachte, analysiere, reflektiere und scheitere an meinem Wunsch nach einem Fokus.
Jetzt.
Nein, jetzt.
Aber jetzt doch!
Nein, kein Fokus. Ich treibe. Melancholisch verträumt wie beinahe immer sammle ich Details. Gerüche, Geräusche, Menschen, Momente. Inspiration.




Ich liebe das Panikherz, es gibt mir den Fokus, den ich gerade von alleine nicht einstellen kann. Es spricht aus, was ich denke. Oft.

Man trauerte Erlebnissen hinterher, von denen man träumte, sie schon gehabt zu haben. Lektionen in Melancholie. It must have been good but I lost it somehow.

Nur schwer gestehe ich es mir ein, aber: ich mag das. Mehr als mich durch die festgefahrenen Abläufe eines geregelten Tagesablaufs selbst zu beschränken. Kreativität geht ihre eigenen Wege, aber wir können diese erleichtern oder erschweren.
Melancholie ist für mich ein sehr hilfreiches Werkzeug, mit dem ich Zugang zu ihr bekomme, aber ich weiß auch, dass ich den Hahn nicht zu weit aufdrehen darf. Depression ist keine Option und sehnsüchtig zu sein ist etwas, das ich nur genießen kann, wenn ich weiß, wo ich den Hafen finde. Für immer kann und will man nicht umherschippern. Und das tötet die Kreativität auch irgendwann, denn Unglück ist nicht auf ewig eine Quelle für Ideen. Sie versiegt, wenn Sehnsucht destruktiv wird, wenn man sie wie einen Kult betreibt. 

Deshalb ist mein in Wien neu begonnenes Romanprojekt auch ausnahmsweise mal keine harte und bitterböse Dramödie, sondern eine Liebesgeschichte mit satirischen und humoristischen Elementen. Natürlich mit dem gewohnten Tiefgang, aber eben leichter als die vorherigen Romane. Eine kleine Jolle, nur wenig Seegang. Die Wasseroberfläche glitzert und die Gewitterwolken am Horizont fliegen nur drohend vorbei, ohne abzuregnen.

Nicole und ich waren produktiv, haben in den letzten zwei Tagen beinahe die gesamte geplante Kurzgeschichte geschrieben. Dabei komme ich mir ein bisschen surreal vor, dass mein Protagonist Luc tatsächlich auf Nicoles Ermittler Hannes gestoßen ist und die beiden sich gegenseitig von ihren Verfehlungen berichten. Unsere bereits im Frühjahr angedachte Idee wurde real, greifbar, lesbar und hat uns einige Male laut lachen lassen. Ich hatte richtig Angst davor, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert, dass wir keine gemeinsame Sprache für diese so ähnlichen und dennoch grundverschiedenen Protagonisten finden.
Luc und Hannes sind sich zum Glück grün, nachdem sie die Münchner Nacht, in der sie sich nun literarisch begegnet sind, kompostiert und ausgespuckt hat. München hat Luc eingeatmet, nächstes Jahr um diese Zeit erscheint diese Geschichte in einem Sammelband, als Teil vier der Romanreihe um Luc und Inga.

Also atme ich auch tief (aber nur mittelmäßig erleichtert) ein, genieße die verbleibende Zeit in der Altbauwohnung in der Nähe der Münchner Freiheit und höre zu. 
Gerade dem Stimmengewirr der Straßencafés vor dem offenen Fenster und meinem eigenen Panikherz, das sich gemeinsam mit meinem Panikmagen gegen mich verschworen hat. Morgen Abend geht es mal wieder ins Hassobjekt Flugzeug. Berlin. Von der Bayernmetropole in die Hauptstadt, zum Interview mit Erfolgsautor Martin Krist und diversen kleineren Terminen rund ums Schreiben, Kreativsein und wie man von etwas leben kann, das ekstatischer Rausch und nüchterner Fokus zugleich sein kann.

Johny Doluptas im Interview // Anthologie #Sehnsuchtsfluchten

Hallo Johny, du bist mit frischen achtzehn der Jüngste in unserer Autorenrunde und gerade dein Text "Dein Liebeskummer" hat mich total begeistert. Seit wann schreibst du schon?

Ich schreibe seit vielleicht vier Jahren. Das ist eigentlich aus einen Gag und bisschen Spinnerei geboren. Richtig intensiv, viel und in der Form wie es jetzt vorliegt, schreibe ich ungefähr seit zwei Jahren.

Deine Texte sind sehr emotional und spiegeln die Gedanken junger Menschen, die viel nachdenken und versuchen, die Welt zu begreifen. Bist du selbst auch so ein Vieldenker?

Bei Emotionen ja, da gehört es für mich einfach dazu, viel nachzudenken. Da gibt es so viele Punkte die bedacht und reflektiert werden müssen. Leider entstehen so auch Sorgen und Ängste, wie sie sich in meinen Texten finden lassen, aber dieses Nachdenken ist wichtig und führt zu guten Entscheidungen.
Bei Action und Abenteuer bin ich aber überhaupt kein Vieldenker.

Einfach drauf los und das Leben genießen?

Ja, meist schon und dabei gehen schnell mal wichtige Dinge wie Schule unter – beziehungsweise ignoriere ich sie.

Diese Phasen haben wir, glaube ich, alle einmal durchlebt. Was ist denn dein Plan für nach der Schule?

Da stehe ich genau jetzt. Ich würde gern Soziale Arbeit studieren, dafür wurde ich dieses Jahr aber noch nicht angenommen. Also schiebe ich ein FSJ ein und werde in dieser Zeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Dort gibt es hoffentlich auch neue Ideen und Ansichten, die in meinen Texten Einfluss finden.

Das kann ich mir bei dir auch richtig gut vorstellen. Glaubst du, dass das berufliche Umfeld die Kreativität und die Richtung, in die sie fließt, sehr beeinflusst?

Ja, das denke ich. Zumindest habe ich es bei mir selbst so erlebt. Wir sind ja auch die meiste Zeit des Tages mit arbeiten beschäftigt und auf der Arbeit. Da entstehen doch fast automatisch Dinge, die uns und unsere Texte beeinflussen. Auch, weil uns manche Berufe mit Gedanken und Gefühlen Konfrontieren, die wir so gar nicht gehabt hätten.

Das sehe ich auch so. Gerade die Themen, die einem vermeintlich öde vorkommen, werfen manchmal riesige Fragen auf, die man dann erst einmal zerdenken muss. Wie war das für dich, deine Texte abzugeben und andere Leute darüber urteilen zu lassen?

Andere urteilen zu lassen war nicht so schwer, weil ich sie für mich schreibe und wenn sie andere begeistern, sie erfreuen, ist das sehr schön. Wenn andere sie schlecht finden kann es mir egal sein, die Kritik nehme ich gerne an, aber es zieht mich nicht runter. Dass sie veröffentlicht werden hat mich dafür erst mal ziemlich in Panik versetzt.

Das ist spannend, dass du das so locker siehst und Kritik gerne annimmst. Ich glaube, wir sind alle sehr aufgeregt, dass dieses Projekt endlich veröffentlicht wird und leiden mit dir. Aber ich bin überzeugt, dass es gar nicht so viel Grund dazu gibt, sich zu sorgen. Auf jeden Fall hätte ich dich gerne wieder dabei, falls wir noch einmal so ein Projekt starten!

Ich bin auch gerne wieder in der Runde, es war sehr lustig und gab mir persönlich viel Antrieb beim Arbeiten und Schreiben. Auch das Arbeiten mit einen Lektor war für mich ja etwas ganz Neues.

So muss es sein! Der Antrieb ist das, was ich mir für uns alle erhofft habe. Dann warten wir jetzt mal die Veröffentlichung ab und schauen in ein paar Monaten, ob wir alle noch motiviert sind, eine zweite Anthologie zu einem neuen Thema zu starten. Für deine Zeit und dieses Interview bedanke ich mich herzlich bei dir, lieber Johny!


Bitte, ich bedanke mich dafür, mitmachen zu dürfen und freue mich, bald endlich die Geschichten der anderen lesen zu können.

Johny Doluptas
Bild: Johny Doluptas

Montag, 10. Juli 2017

Ein Rückblick auf die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Anlässlich der Verleihung des Ingeborg Bachmann-Preises vergangenes Wochenende frage ich mich, welchen Stellenwert Literatur für unsere Gesellschaft hat. Aufgrund organisatorischer Anreiseschwierigkeiten war es mir leider nicht möglich, die Lesungen von Anfang an zu verfolgen. Erst ab Freitag konnte ich die Texte vor Ort verfolgen und mit Kollegen darüber diskutieren. Auffällig war bei fast allen Vorträgen, dass sich sowohl Juroren als auch Zuschauer und Journalisten interpretativ im Kreis drehten. Das Wort „Interpretationskoma“ wurde in unserer Runde zum Motto des Wochenendes.

Es fiel mir schwer, den meisten Texten etwas gesamtheitlich Positives abzugewinnen, sie wirkten formal (und zudem befremdlich experimentell) konstruiert, steril und nahezu inhaltlos. Auch „mein lieblingstier heißt winter“, der Text des Preisträgers Ferdinand Schmalz, hatte für mich zwar einige sehr gute, komödiantische und sozialkritische Ansätze, verlief sich aber in seiner Struktur und der eigenwilligen Sprache als schwer greifbare Groteske, wirkte am Ende als halbherzig ausformulierte Inszenierung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben.

Im Nachgang muss ich sagen, der erzählende und gleichzeitig bildende Charakter guter literarischer Auseinandersetzungen hat mir beim diesjährigen Wettbewerb weitestgehend gefehlt. Einzig bei Gianna Molinaris Text „Loses Mappe“ hat mich vollends erreicht. Dieser Text war für mich persönlich der Favorit, da er journalistisch, aber emotional sehr gut reflektiert berichtet, aktuelles Zeitgeschehen und erzählendes Element zugleich in einen einfachen und klaren, konsistenten sprachlichen Rahmen gesetzt hat. „Loses Mappe“ hat sozial-gesellschaftliche Gegensätze aufeinanderprallen lassen, auf subtile Art und Weise mit den Grenzen unserer Ordnung und den Ängsten, diese zu verlieren gearbeitet.

Auch der Text „Die Mieter“ von Barbi Markovic hat mich in weiten Teilen mitgenommen. Weniger sprachlich als inhaltlich, aber die Idee des Zerfalls von innen heraus, des Stillstandes durch Erhaltung des sicheren Raumes, der eigenen Wohnung, bis hin zum Scheitern an ihr, fand ich großartig.


Nach vier Tagen Literaturdiskussion versuche ich für mich selbst zu klären, was gute, zeitgenössische Literatur ausmacht und ausmachen sollte. Konstruierte und unnahbare Geschichten, die keinen erzählerischen Charakter haben, sondern wie eine Lichtinstallation im Museum wirken, entsprechen nicht meinen Anforderungen. Gute Literatur sollte berichten, infrage stellen, kontrastieren, konstruktiv aufwühlen und dabei im passenden sprachlichen Rahmen stehen. Die Kunst eines guten Textes erschließt sich mir in der richtigen Mischung aus kreativer Brechung sprachlicher Konvention und sensibler, emotional ausgereifter Darstellung eines Themas. Der Grat zwischen avantgardistischer Ästhetik und überinterpretierter Wortwüste ist so schmal, dass es schwer fällt, Literatur noch als gesamtgesellschaftliches Medium der Weiterentwicklung und greifbarer Option zur Bildung zu verstehen. 

Ich wünsche mir - ungeachtet der Tatsache, dass all diese Einreichungen ihre positiven Aspekte hatten - mehr dieser schriftlichen Auseinandersetzungen, die sich selbst als symbiotische Interessengemeinschaft emotional-analytischer Hinterfragung und kunstvoll inszenierter Sprachform verstehen. Literatur sollte etwas sein, das sich auf mehreren Ebenen eröffnet, selbstironisch und leicht sein darf, aufbrausend und gewaltig, aber nie nur ganz um sich selbst willen existent. 
Es wäre schade um das verschenkte Potenzial.

Sonntag, 9. Juli 2017

Jessica Iser im Interview

Jessi, dank dir mag ich derzeit nicht in den Spiegel schauen. Du hast eine knackige Kurzgeschichte von sechs Seiten bei uns eingereicht und die hat es in sich! Kannst du uns ein bisschen was über sie erzählen?

Dann habe ich ja genau das erreicht, was ich wollte! Spaß beiseite. Tatsächlich kam mir die Idee, als ich Studien recherchiert habe, die etwas Unheimliches an sich haben, das mit der Psyche zu tun hat. Dabei stieß ich auf eine Studie, bei der es darum ging, was passiert, wenn sich zwei Menschen mehrere Minuten lang ansehen.
Da ich die beschriebenen Effekte vor Jahren bei meinem Spiegelbild selbst schon erlebt habe, fand ich das Thema auf Anhieb sehr spannend.

Hat es dich beim Schreiben selbst gegruselt? Oder kannst du dich gut von deinen Geschichten distanzieren?

Ich kann mich eigentlich immer ganz gut distanzieren, aber testen möchte ich es in dem Fall nicht.

Ich durfte ja bereits dein großes Roman-Projekt Test lesen und sage Hut ab, dass du unbedarft über Blut und Gemetzel schreiben kannst. Fühlst du dich in der mystischen und düsteren Welt zu Hause?

Auf jeden Fall! Das fasziniert mich schon seit Kindertagen und das Interesse ist nach wie vor da. Ich interessiere mich stark für düstere Geschichten, aber auch wahre mysteriöse Fälle und könnte stundenlang über solche recherchieren. Gleichzeitig gefallen mir aber auch vollkommen gegenteilige Geschichten, Filme, Bücher. Darum ist mein Roman wahrscheinlich auch so ein Mix aus romantisch und blutig geworden.

Ich finde auch, dass das wunderbar nebeneinander laufen kann! Das Leben besteht ja immer als Gesamtes aus mehreren Phasen, die sich abwechseln oder überschneiden. Wie war das für dich, den Spannungsbogen in eine so kurze Geschichte zu bauen? Sind Kurzgeschichten langfristig etwas für dich?

Definitiv. Romane sind zwar meine große Leidenschaft, aber in Kurzgeschichten kann ich meine kleineren Ideen ausleben, die vielleicht einfach kein ganzes Buch füllen würden. Ich liebe es, in Kurzgeschichten mit Twists zu spielen und zu versuchen, den Charakteren und der Story auf nur wenigen Seiten trotzdem Leben einzuhauchen. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

Das sehe ich auf jeden Fall so und hoffe, dass wir wieder einmal zusammenarbeiten. Vielleicht in einem Buch, bei dem es nur ums Gruseln geht? Hast du denn schon ein neues Projekt angefangen?

Das wäre großartig, die Zusammenarbeit hat mir nämlich auch sehr viel Spaß gemacht. Man kommt durch so etwas oft erst auf Ideen, die man sonst nicht hätte. Ich habe kürzlich zwei weitere Kurzgeschichten abgeschlossen und ein neues Romanprojekt begonnen. Ein weiteres habe ich auch schon im Hinterkopf, aber die Überarbeitung meines (hoffentlich bald erscheinenden) Debütromans hat erst einmal Priorität. Danach bin ich wieder für alles offen.

Das klingt, als hätten wir noch eine Menge vor uns - sowohl du und ich in einem Projekt als auch die Leser mit deinen Werken. Ich bin jedenfalls sehr gespannt und hoffe, dass dein Roman bald erscheint (ein echter Geheimtipp, wenn ihr mich fragt!)
Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview mit dir und bleibe gespannt auf die Erscheinung unseres Schreib-Projekts "Sehnsuchtsfluchten".


Vielen Dank dir auch, dass ich bei der Anthologie dabei sein darf. Ich freue mich schon auf die Geschichten der anderen Autoren!


Jessica Iser, "Dysmorphia", erscheint in "Sehnsuchtsfluchten", 2017 bei TWENTYSIX

Künstlerdasein - Stellenwert und Schattenseiten // Schauspiel und Schriftstellerei

Ganz in der Nähe des Wiener Praters sitze ich mit der Wiener Autorin Anni Bürkl in einem Gartencafé und sinniere bei Topfentorte und Cappuccino über die österreichische Identität, wohltemperierte Ignoranz, das gesellschaftliche Hamsterrad und Künstlerneurosen. Wir reden über Zentrierung, Fokus und Beständigkeit von Kreativität. Mit der Erfahrung, die Welt erwartet so lange einen bodenständigen, unauffälligen und gesellschaftlich unbedenklichen Beruf für uns, bis wir mit etwas Kreativem utopisch erfolgreich sind, sind wir nicht allein. Aber ist das denn so? Ist Kunst nicht bodenständig? In mir tut sich ein Abgrund auf. In einem langen Gespräch mit einem Bekannten aus der Werbebranche, der den Künstler an sich als Märtyrer-ähnliche Figur empfindet, versuche ich, diesen Abgrund ein paar Stunden später an der Hotelbar zu beleuchten. Nach diesem Gespräch habe ich das Gefühl, meine Sichtweise hätte sich verändert, aber vermutlich war sie nie anders. Ich gestehe sie mir nur offen ein.

Wir nicht konformgehende Visionäre und Idealisten, Träumer und Schaffens-Pedanten fallen doch immer auf, raus und um, wenn wir nicht hart daran arbeiten, uns neben dem Finden und Umsetzen von Themen bestmöglich in Szene zu setzen. Bodenständigkeit ist für mich vor allem in Kalkulation, Disziplin und Weitsichtigkeit verankert. Das Künstlertum verlang genau das, wenn man es ernsthaft und mit Bedacht betreibt. Ob die Verausgabung zwanghafter oder "freiwilliger" Natur ist, ist dabei erst mal irrelevant. Die Form der Exposition entscheidet in jedem Fall über die Marktfähigkeit unserer Werke.

Das Geschäft mit der Kreativität ist ein dreckiges, denn es ist Prostitution und schöpferischer Selbstfindungsprozess in einem.
Die Bühne, auf der wir uns beruflich bewegen, muss so gut ausgeleuchtet sein, dass das Publikum sieht, was es sehen soll. Meist impliziert das eben auch alle Unreinheiten, Fehler und Fehltritte, die wir lieber ab- und ausblenden würden.

Panoptikum des Grauens, so nenne ich die Quersumme meiner Menschenforschungen oft. Im Zuge unseres Praterbesuchs und der Geisterbahn wird dieser Begriff zum ironischen Selbstläufer. Das Gruselkabinett der Gesellschaft ist durch alle Stände hindurch gleich hässlich und unangenehm. Es macht mir Unbehagen, dass wir Künstler das Publikum beobachten und das Publikum uns. Wie ein Wettstarren, getrennt durch eine Milchglasscheibe des Unverständnisses füreinander, findet diese symbiotische Skepsis immer wieder Raum, sich seines eigenen Klischees zu bedienen: das Künstlertum als allseits belächelter sowie gefürchteter Ausdruck anarchistischen Freigeists und Ablehnung konventioneller Strukturen.
Aber: es hat vor allem einen gesamtheitlichen Bildungseffekt. Schauspiel, Kunst und Literatur prägen, polarisieren, tangieren und verunsichern die Gesellschaft, reiben sich an ihr, regen den Diskurs an und ziehen zwangsläufig Entwicklungseffekte nach sich. Kunst bedient sich einer Sprache, die kulturübergreifend vermitteln kann.

Dieser Typus des Künstlers, egal, welcher Form der Aussage er sich bedient, ist überwiegend noch immer ein sich selbst zersetzender. Denn es ist ja so, dass wir als Künstler exhibitionistisch und momentgenau unsere Neurosen preisgeben; das Publikum damit füttern, das eigentlich schon längst übersättigt, aber noch immer voller Appetit ist. Watte macht satt, aber sie befriedigt nicht und der Mensch ist ein Genussmensch. Er liebt den Verriss und das Lob.
Zwischen Opium fürs Volk und ekstatischer Avantgarde steht der Künstler mit allem was er hat – sich selbst und seinen Zweifeln – zwischen Selbstaufgabe, Masochismus und narzisstischem Exzess. Das Clownsproblem. Was des Schauspielers Applaus, ist des Literaten und bildenden Künstlers Rezension.

Ich habe mich oft gefragt, in welchem Verhältnis diese Faktoren zueinander stehen und wie sie sich am intensivsten gegenseitig beeinflussen. Ohne Empathie und Vorstellungskraft können sich Autoren und Schauspieler nicht in eine andere Rolle versetzen, auch wenn allgemein die Annahme kursiert, dass der Schauspieler selbst keinen Charakter haben muss, um das leisten zu können. Vermutlich ist es eher andersherum, der Akteur gibt Teile seiner überbordenden Präsenz ab, weil diese in ihrer Gesamtheit unerträglich belastend sein kann.

Der Applaus ist nicht nur Abgleich der Arbeitsqualität, sondern auch Nährboden des Narzissmus, ohne den der Künstler wiederum nicht in der Lage wäre, sich selbst und damit seine innersten Verletzlichkeiten zur Schau zu stellen. Der Masochismus der Selbstinszenierung ist der Kamineffekt des Stellenwerts von Kunst für einen Kulturkreis. Gerade Schauspieler stehen in direktem, ungefiltertem Hagelfeuer, denn Kritik an ihrer Arbeit ist zugleich Kritik an ihrer Person. Sie sind die offene Handelsgesellschaft der Berufswelt, haften ohne doppelten Boden mit ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Empathie für Rolle und Erwartung des Publikums.

Schauspielerei ist für mich der Inbegriff von Selbstverkauf, Auslieferung, fehlender Abgrenzung und Absicherung der eigenen Notsysteme. In dieser Kausalsituation aus Teilzeitaufgabe oder Flucht vor der eigenen, realen Rolle und der Sehnsucht, diese gänzlich auszufüllen, bekommt Schauspielerei beinahe einen aufopfernden und zum Scheitern verdammten Charakter. Sich selbst und einen anderen zeitgleich zu spielen ist anstrengend, erfordert ein Höchstmaß an Stabilität und Reflexion.

Für die Kunst bedeutet für das Publikum, denn ohne dieses hat sie keinen Wirkungsgrad. Die Rolle des Künstlers ist eine tragische, immer.
Seelenstriptease.

Für den Schriftsteller sind die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt nur minimal besser gesichert, denn auch er gibt mit jedem Text bis zu einem gewissen Grad etwas von sich preis, das aus seinem eigenen Seelenrepertoire entspringt. Was könnte intimer sein, als mit Körper und Geist für die Masse zugänglich zu sein? Lediglich die mediale Präsenz ist beim Schriftsteller variabel. Text ist zweidimensional, entfaltet sich jedoch dreidimensional beim Konsumieren. Die physische Rolle des Verfassers ist somit eine andere und erlaubt, ungeachtet der Frage nach Marketingpräsenz eines Autors, für selbigen den Rückzug in eine halbprivate Ebene, eine Privatheit des Körperlichen.

Die für mich wichtigste Frage in dieser Diskussion um Selbstvermarktung und -geißelung durch den inneren Kritiker war, ob der Preis gerechtfertigt ist. Meiner persönlichen Einschätzung nach steckt der Zwiespalt aus feierlicher Selbstzerstörung und dem Wunsch nachhaltiger Bereicherung oder Anregung des Zeitgeschehens einfach wertfrei in uns. Künstlerdasein ist meist weitaus weniger glamourös, erstrebens- und beneidenswert als es die Masse annimmt; keine Entscheidung zu einem anti-integrativen Lebensstil und der Entsagung von Konvention und Tradition, es ist Berufung, Zwang und Neurose, etwas zu hinterlassen, das bleibt und formt, vorantreibt. Oft auf Kosten des eigenen seelisch-emotionalen Verbleibens.
Wer das in sich trägt, wird in Professionalität, Authentizität, Ausführung und Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten überzeugen.

Vielleicht sollten wir unser Bild der schnelllebigen Unterhaltungsindustrie von Zeit zu Zeit überdenken und unserem medialen Konsumverhalten eine respektvollere Note verleihen.


Kunst trägt die Verantwortung sich selbst gegenüber, existieren zu müssen. Kunst ist nicht streitbar, sie ist der Streit. Und der ist wichtig für den Abgleich unserer Kultur, die Basis einer jeden Gesellschaft ist.

Außerdem dazu (aus 2015 bereits, aber noch immer mein liebster Artikel):


https://bordsteinprosa.blogspot.de/2015/12/mach-blo-theater-weihnachten-in-berlin.html