Samstag, 26. Dezember 2015

Mach bloß Theater! Weihnachten in Berlin Kreuzberg

22.12.2015 Kreuzberg


Mach kein Theater! Ein Befehlssatz, den wir alle kennen. Meist von den Eltern runter gebetet, wenn man als Kind mal wieder vorzügliche, dramaturgische Arbeit geleistet hat. Dabei ist Theater so viel mehr als Drama. Theater ist die analoge, urreine Form darstellender Unterhaltungsindustrie. Inszenierung, Bühnenbild, Interaktion zwischen Akteuren und Publikum. Interaktion gab es in meinem Leben auf jeden Fall eine Menge in den letzten Jahren.

„Lass das liegen, keine Schokolade jetzt!“ – „Doch!“
„Gottverdammt um zehn bist du wieder da und keine Minute später!“ – „Schauen wir mal“
„Nur, weil wir rauchen, heißt das noch lange nicht, dass du das auch darfst!“ – „Joa, ich schau dann mal, ob ich demnächst zum rauchen raus gehe“

Mannigfaltig. Mehr Elternmonolog als -dialog. Per Definition ist die Darstellungsform des Theaters in vier Kategorien unterteilt, die da wären:

Sprechtheater oder Schauspiel (Tragödie, Komödie)

Musiktheater (Oper, Operette, Musical

Tanztheater/Ballett

Figurentheater

Mit einer ganz besonderen Person in meinem Leben teile ich diese Liebe für all diese Formen kultureller Konfrontation schon seit 25 Jahren. Alice heißt sie und ist meine beste Freundin. Sie lebt seit ein paar Jahren in Berlin, studiert Schauspiel. Was sonst. Sie ist schon immer meine ganz persönliche Alice vom Wunderland und kaum eine andere Person in meinem Leben hat sich parallel und frei jeglicher Absprachen, so nah zu mir hin entwickelt. Ich schreibe die Bücher, sie spricht die Dialoge. Ich bin die Seele, wenn sie mein Körper ist. Eine symbiotische Lebenskrise verbindet unser Dasein auch über hunderte Kilometer Entfernung. Wir sind waschechte Frankfurterinnen, die sich den Wunsch nach geistigem Freiraum und Weltenbummlertum teilen. 

Wahnsinn, Idealismus, Träumerei und der Innenwelt- Außenweltkonflikt verbindet uns seit einem Vierteljahrhundert. Dieses Jahr verbringen wir die Feiertage zusammen, weil die Situation nach einem unkonventionellen Weihnachten verlangt und wir uns so oder so viel zu selten sehen. Ihre Wohnung in Kreuzberg ist eine gemütliche und chaosfreie WG, in der man schnell mit dem liebevollen Charme des Ghettos verwächst. Über uns wohnt das nette türkische Rentnerpaar und hinter dem Block dekorieren 30 verschiedene bepflanzte Milchtüten den Zaun. Ihr Hund kennt den Block auswendig. Vordertür große Runde, Hintertür. Kleine Runde. Wir laufen zur Sparkasse und frühstücken danach in einem Café.





22.12.2015
„Berlin stinkt irgendwie immer nach U-Bahn, Imbissbude, Pennern und Hundescheiße“, sagt sie so nebenbei, als wir über den Kotti zurücklaufen. Es ist wie jedes Mal, wenn ich in Berlin bin ein Kulturschock für mich, aber nach ein paar Stunden habe ich mich akklimatisiert. In Frankfurt sind selbst die Nutten, Penner und Druffis alte Businessbitches und Diven, kaum zu vergleichen mit der liebevoll surrealistischen Lebenddeko, die diese Frankensteins der Gosse hier sind. Vor allem sind sie ehrliche Kunst, die sich sang- und klanglos ins Stadtbild einfügen. Ich suhle mich in Inspiration, hin- und hergerissen zwischen kreativer Euphorie und Ekel. Dabei frage ich mich, ob die Berliner Bürger ein generell besseres Immunsystem haben als wir Frankfurter Börsenwürstchen und ob es hier einen gesamtberliner Keimstamm gibt, auf den jeder Bürger irgendwann klar kommt. Die Alte mit der Kolterknotenneurose (Kolter ist ein hessisches Wort für Wolldecke) ist die fleischgewordene Erscheinung der Katzenfrau bei den Simpsons.


Alice 2015, Bleistift


23.12.2015
Ich habe ganz ostalgisch im Westberlin gesessen und mir analoge Chocolate Chip Cookies reingezogen, während ich schnell Notizen verfasst habe. Zwischen DnB, Bauhaus, Ai Wei Weis Foam und Frau Tonis Berlin in a bottle. Berlin hat schon immer die Gabe gehabt, mich genau in dem aufzufangen, was ich gerade suche. Gerade suche ich wohl noch immer nach Gedankengut in Blau, Weiß, Rot. Zumindest sagt mir das die Stadt. Berlin begann für mich schon in den ersten zehn Minuten mit Frankreich und bewirft mich damit wohl bis zum Ende. Den angedachten Urlaub in Paris kann ich mir schenken, ich hätte mir einen Klicker kaufen sollen. Hier sind auch unabhängig von Galeries Lafayette fast mehr Franzosen als Deutsche. Dabei ist es sonst wie immer, 10% Freaks auf H, Meth und Existenzkrüppel, die auf 90% Neonlicht leuchten.

Kreuzberg ist ruhig, keine Spur von multikulti Rassenhass. Keine offensichtliche Konfrontation mit Flüchtlingsproblematik, dafür aber mit jeder Menge Obdachloser auf den Bänken, dem Boden und in den Parks. Die, die ein Zuhause haben und integriert sind, wirken auf mich wie Produkte einer Zweiklassengesellschaft, bestehend aus vegan-alternativ und Businesspunk-innovativ. Dabei unterscheiden die sich optisch fast gar nicht. Hier ist meine Befürchtung wahr geworden, dass der Trend gerade unentschlossen ist zwischen Marushas 90er Rave-Dutt und Wednesday Adams. Uniformiert sehen die alle aus, mit ihren Tattoohalsbändern (Die hatte ich als ich 12 war!), den zwei Sailermoon-Haarknoten, dem superkurzen Pony, den Platform Creepers, den überlangen Strickjacken und dem düsteren Goa-Goth-Charme von Grimes.
Nein. Mehr mag ich dazu nicht sagen.

Mein vorweihnachtlicher Abend gestaltet sich nach einer halben Weltreise durch die City auch als amüsantes Schauspiel meines Karmas. Vom Kotti über Rathaus Steglitz bis hin zum Alex habe ich den stillen Beobachter gemimt, der heimlich immer das Notizbuch rausholt. In der Galeria Kaufhof steht auf einmal eine junge und bildhübsche Französin (!) neben mir. Ich nehme halb abwesend wahr, wie sie das Personal mit ihrem mehr als hypnotisierenden Akzent nach dem Salzstreuerset mit der Aufschrift Cocaine und Speed fragt. Weil ich lachen muss, dreht sie sich zu mir um, wir kommen kurz ins Gespräch und ich entschuldige mich dafür, dass ich mich jetzt an sie dran hefte, weil ich wissen möchte, ob es diese Dinger hier wirklich gibt. Wenn ja, will ich die auch haben. Aus Prinzip, versteht sich. 
Tatsache, Donkey Products hat die im Programm und es gab sie hier wohl, bis sie vergriffen waren. Schade, aber nicht zu ändern. Weil ich jetzt einen Ausgleich für mein unbefriedigtes Konsumverhalten benötige, kaufe ich mir im Zeitungsladen am Alex den Fruchtfliegendompteur. Der wird gerade fleißig vom Böhmermann, Piper und dem Internet gehypt und scheint thematisch ganz gut in mein Befinden zu passen. Gegen kurz nach acht bin ich wieder auf dem Markt und quetsche mich durch die Leute durch. Wahrscheinlich ist der Glühweinabsatz dieses Jahr weit hinter dem von Cocktailschirmchen, aber mich interessiert das alles eh nicht, ich will Champagner.

Au Programme ce soir – la catastrophe du jour

Die unerwartete Katastrophe des Tages war ein echt hübsches, männliches Desaster. Nur Schaufenstershoppen und nicht einpacken, erst recht nicht auspacken. Nur anschauen und das am besten nicht zu lange, sonst fällt meine fehlende Kaufkraft auf. Immer diese unberechenbaren Angriffe auf meinen Hormonhaushalt, dachte ich mir und versuchte das Bluthochdruckgebiet zu ignorieren. Ich hätte mich umdrehen und gehen sollen, aber ich wollte ja gar nicht. Davon abgesehen war meine Puffbrause noch nicht leer und ich fungierte als Abholer hier. Wie die letzten Tage auch. 
Ich liebe diese kleinen, feinen Katastrophen in meinem Leben so oder so – in all ihren Facetten. Sie war so zuvorkommend, einfach die superste beste Freundin, die man nur haben kann. Deshalb hatte sie auch schon die Antwort auf meine Frage parat. Ich bin immer zu spät oder zu früh und vor allem falsch, mein Zeitmanagement suckt. Mein Karma und ich kennen uns ja schon seit ein paar Jahren, weshalb mich dessen kreativer Schachzug auch nicht schockiert. Murphy, der alte Wiederholungstäter, plante schon wieder ein technisches K.O. meinerseits. Mit Ansage. Heute nicht – habe ich mir dazu gedacht, denn zu Hause haben eine halbe Flasche Riesling und eine beste Freundin noch auf Geschichten und Abstürze aus Lucs Leben gewartet. Trotzdem. Ich konnte gar nicht hinsehen, hat mir Kopfschmerzen vom Denken bereitet. *Schnippschnipp, Garcon! La catastrophe, S´il vous plait …



Inkognito

Wenn ich etwas gut kann, dann ist es Katastrophen erspähen, sie weiträumig umkreisen, perfektionieren und ihnen einen Terminismus verpassen. Auch wenn ich es gerne so hätte, ich bin keine Véro, ich bin die andere weibliche Spaßfigur aus meinem eigenen Buch, die ihre Milch ganz verpeilt ins Apfelsaftglas kippt. Drei Tage inspirative Tour de Currywurst und der ersehnte Fick-dich-Moment kommt quasi im Wohnzimmer meines Kurzurlaubs. Exquisit, wie die Quiche Lorraine und der Champagner. 
Vive la France, merde alors! 
Wer will Glühwein? Wir haben hier 13 Grad karibisches Hängemattenklima, im Großraum oberhalb des Limes. Mein Leben fragte mich ob ich jetzt oder später dekadent in Melancholie eskalieren möchte. Ja! Antworte ich. Die Katastrophe hatte weder eine emotionale Farbe, noch einen Geruch für mich – wie geht das denn? Nicht mal Persil oder Lenor und dennoch ist sie, er auf meinem Radar. Mittig, sozusagen Frontalkollision, Titanic. Blub blub. 
Geblubbel befindet sich auch in meinem Glas, zum Glück. Ein fettfingerfreies derselben Sorte darf ich auch behalten, ein nettes Souvenir der allabendlichen, profitablen Befriedigung meiner Frankophilie. Der Abend endet mit einem weiteren Glas Champagner im Hotel am Steinplatz. Dabei hören wir Geschichten aus dem Off hinter der Theke, vernichten Eisbeinkroketten auf korallenartigem Salat und texten den deutschen Taxifahrer zu, in dessen Berförderungsvehikel echt guter Jazz läuft. 

Anmerkung der Redaktion: Nächstes Jahr möchte ich den kleinen Eifelturm als Andenken haben, der im Lafayette auf dem Fass steht. Nur so, als Zepter für die angedachte Gründung meines ganz eigenen, kleinimperialistischen Diktaturstaates.


24.12.2015
Früher war mehr Kommerz und the Lametta einfach Bätta.

Mein Plan war bis gestern die Überdenkung des vergangenen Jahres, meiner Prinzipien und der Natur des Wesentlichen in mir und dem Rest der Welt. Deshalb kochen wir heute vegan (Zutaten aus dem siffigen Kaiser´s am Kotti) Veganes Abendessen passt nicht in meine bisherige Vorstellung von Weihnachten und erfüllt mich schon viele Stunden davor mit einer seltsam boshaften Vorfreude über meine Erkenntnis, die ich gar nicht mehr durchs Kochen eruieren muss. 
Piper wünscht mir gerade auf Twitter ebenfalls frohe Weihnachten und retweetet mein morgendliches Pennerbild mit Pokerbeats auf dem Cover. Der Piper Verlag hat mir in der letzten Zeit eine Menge Arbeit gemacht, als ich verzweifelt versucht habe, die neuen Eigenbedarfsexemplare aller Bücher von Richard Schwartz irgendwo zu verstauen. Das Regal in dessen Wohnzimmer platzt und ich scheitere langsam am Büchertetris. Der Fruchtfliegendompteur war die einzig nennbare Errungenschaft nach meiner gestrigen KaDeWe - Hardcoretour, bei gefühlten 55 Grad Celsius in der Gucci-Botox-Wasserstoffperoxid-Hölle, aber sie hat sich gelohnt. 
Ich lese weiter sinnlos Gezwitscher und bin medium irritiert. Nein Twitter, diesmal bekommst du meine Seele nicht – Meine digitalen Lippen bleiben verschlossen, auch wenn ich gerade ein bisschen über deine Lemminge, das ätzend volle KaDeWe und mein bereits erwähntes Zeitmanagement gelacht habe. Der unheilige Abend beginnt bei uns im Agnostikerlager mit einem gediegenen Frühstück um halb eins. Fast schon ein verstörendes Szenenbild, weil die Beleuchtung der Bühne 17 Grad und knalle Sonne spricht.

Im Hintergrund laufen die Ami-Klassiker aus den Fünfzigern, einmal im Jahr leben die Stimmen der Toten noch einmal auf. Nach Schnee, Weihnachten und besinnlich ist mir irgendwie so gar nicht, aber ich schlüpfe in meine Rolle als traditionsbewusste deutsche Kartoffel. 
Ich frage Alice, ob Schauspielerei den eigenen Charakter festigt oder verflüssigt. Weder noch, sagt sie darauf. Schauspielerei sei wie ein Schleifstein. Sie holt alle Seiten aus dir heraus und schleift sie zur Perfektion. Dabei verdoppeln sich deine Eigenschaften einfach, filtern sich heraus. Ich frage mich dabei, was sich aus mir herauskristallisieren würde und glaube, ich will das gar nicht so genau wissen. Als ich meine Trilogie dieses Jahr geschrieben habe, kamen schon Abgründe aus meinem Unterbewusstsein heraus, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber Alice hat mich und mein nicht vorhandenes Ego schon immer beflügelt und beeinflusst, denn sie ist für mich der Inbegriff der Gravitation. Sie ist die Aura jedes fremden Raumes, den sie betritt. Ähnlich meiner eigenen Ausstrahlung polarisiert sie und landet auch unfreiwillig immer und immer wieder im Zentrum ihrer eigenen, empathischen Umlaufbahn. Für mich ist sie die außergewöhnlichste Person, die ich kenne. Für alle anderen ist sie schon ohne ein Wort in ihrer hellen und klaren Stimme auffällig, weil sie dieses bildhübsche, filigrane Gesicht und diese wundervollen Afrolöckchen hat. Sie sagt sie empfindet sich eigentlich als Weiße, solange sie keiner damit konfrontiert. Ganz normal eben, sie ist hier geboren, aufgewachsen und ihre Mutter ist weiß. Rassendiskriminierung hat sie bis auf ein einziges Mal nie erlebt und war nie ein Thema. Alice passt nirgends in eine Schublade und das ist auch gut so. Man kann sie nicht definieren, ihre Haut ist Milchkaffee und ihre Augen mandelförmig. Für mich ist sie unverkennbar und das soll bitte auch so bleiben, egal wer zu ihr sagt, sie sei zu weiß für ihren Typ.

Alice ist ein ganz eigener Typ und ich habe selten einen Menschen erlebt, der so barrierefrei ins Handlungsgeschehen eingreift. Mit ihrer surreal weit entfernten, früheren Existenz als Krankenschwester zieht sie Herausforderungen manchmal an und ist oft genau dann zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Sie springt ein bei Herzinfarkten in der U-Bahn, Schlägereien und Streitereien. Ihr Verhalten hat keine Naivität an sich, eher einen überlegten Idealismus, den sie verfolgt. Irgendwie seltsam, dass sie beruflich in Rollen schlüpft, fiktive Charaktere an und auszieht wie ich Klamotten und doch ist sie in ihrem eigenen Wesen so unverwechselbar. Vielleicht fasziniert mich auch genau diese Feststellung, dass ein Mensch mit einem so speziellen Erscheinungsbild und Charakter, so vielseitig wirken kann. Der Spagat zwischen Anpassungsfähigkeit, neutralem Erscheinungsbild und markanten Besonderheiten ist genau das, was es so schwer macht, in der Schauspielszene zu bestehen. 

Man ist quasi immer gezwungen sich entweder in seinem Anderssein zu etablieren, oder mit seiner blassen Neutralität aus der konformen Masse zu stechen. In jedem Fall aber ist es ein Kampf um den besten Platz an der Scheinwerfersonne. Ist man zu weit davon entfernt wird es kalt und steht man zu nah dran, verbrennt man sich eben. Verheizen ist auch hier kein unbekannter Begriff, die Lebensdauer einer Schauspielkarriere ist eben keine Verbeamtung im Rathaus. Aber was macht es aus, in der heutigen Zeit noch analoge Bildungsformate zu bedienen? Alice sagt, es war ihr schon als Kind eine Freude, andere zum Lachen zu bringen, sie zu unterhalten. Alles sein zu können, alles erleben zu dürfen, das man in einer fremden Rolle sein kann. Der Peter-Pan-Effekt hat sie gereizt, das ewige Spielen mit den Grenzen der Vorstellungskraft. Dass sie sich Alice vom Wunderland nennt, kommt nicht von ungefähr. Im Theater oder im Film kann sie zum Beispiel fliegen und genießt diese Freiheit, von ihrem echten Leben beurlaubt sein zu können. Die Phantasie ist permanent gefordert, wenn man sich mit dem eigenen Charakter und dessen Möglichkeiten auseinandersetzt. Für Alice ist es faszinierend, wie manipulativ Theater ist. Theater ist ein direktes Feedback vom Publikum, die Stimmung eines Stückes lässt die Akteure direkt auf die Zuschauer Einfluss nehmen. Schauspiel ist die direkte Verbindung zwischen Aussage der Handlung und der Analyse des Beobachters.

Viel zu schnelllebig ist unsere Unterhaltungsindustrie und in den zwei Stunden Film überfluten uns so viele Bilder, dass der Kopf die Aussage oft gar nicht wirken lassen kann. Es ist der besondere Effekt der Auge-, Ohr-, Gedankenkoordination, der die Entschleunigung herbeizaubert. Manche Menschen verändern die Welt alleine mit ihrer Anwesenheit, ihrer besonderen Aura oder dem, was sie für andere leisten. Leistung meint hierbei nicht eine in Zeiteinheiten bewertbare, finanziell messbare Dienstleistung, sondern den Effekt den ihr Tun bei anderen Hinterlässt. Schauspiel manipuliert das Gehirn, sich aktiv zu beteiligen und nicht nur retrospektiv belehren zu lassen. 
Theater lebt und formt Gedanken und Gefühle in Echtzeit, jedes Mal aufs Neue, unberechenbar und transportiert eine ganz besondere Magie des Moments. Sie ist nicht greifbar und ohne das Publikum geht sie verloren. Eine bevorzugte Sparte an Stücken hat Alice nicht, sagt sie. Natürlich ist es sowohl eine Herausforderung als auch zeitweise eine Belastung, sich in Rollen hineinzuversetzen, deren emotionale Aussage gerade nicht die eigene Verfassung widerspiegelt. Hamlet sei so eines, erwähnt sie. Manchmal würde sie dann lieber eine Komödie spielen, aber genau das macht die Professionalität und die Liebe zum Loslassen des eigenen Bedürfnisses aus. Vielleicht ist es auch die Ekstase, die zwischen Schauspieler und Publikum entstehen kann, wenn die Situation es zulässt. Kein Film hat mich je so fasziniert, wie das Theaterstück Gold – 92 bars in a crashed car. 

Und es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man sich einen Film ansieht, in dem unangenehme Dinge dargestellt werden, oder ein Theaterstück. Nackte Menschen auf einer Bühne, die sich degradieren und diskriminieren lassen. Die Echtheit einer Inszenierung kann einen vermeintlich gut erträglichen Handlungsverlauf schon mal zum Verlassen eines Stückes führen. Erlebt habe ich so einen Spannungsbogen tatsächlich schon ein zwei Mal, vor ein paar Jahren im Schauspielhaus in Frankfurt.

Ich erinnere mich gerade an das Casting in unserer Schule, bei dem Alice die Hauptrolle für unser Musical bekam und ich wegen einer fetten Erkältung nicht mal im Recall vorsingen konnte. Das war das einzige Mal, bei dem ich wirklich neidisch auf sie war. Heute bin ich einfach nur noch stolz auf sie und würde am liebsten zwanzig Filme und noch viel mehr Musik mit ihr zusammen machen. Unsere Stimmen und Talente sind schon immer ähnlich ausgeprägt gewesen und doch sind wir so konträr in deren Ausgestaltung, dass ich alles Kreative heute als unglaubliche Bereicherung zwischen uns sehe. Da ist keine Konkurrenz, nicht mal ein klitzekleines Bisschen. 

Es ist kurz vor zehn, als wir die WG verlassen ohne vorher zu kochen und uns auf den Weg in die Innenstadt machen. Am Kotti muss ich kurz zur Bank, weil ich vielleicht nachher Geld für ein Taxi brauche. Bei uns blubbert nachher der Champagner und bei den zwei halbwegs friedlichen Eingangsbesetzern vor der Sparkasse blubbert was anderes in der Alufolie. Es ist mir nicht neu, dass man hier den direkten Kontrast aus reich und drogenabhängig und arm und drogenabhängig miterlebt und doch befremdet es mich einfach immer wieder aufs Neue. Ich kann weder mit der einen, noch mit der anderen Sorte Opfer umgehen. Mit der U fahren wir bis zum Zoo und alleine die paar Haltestellen sind schon ein Gruselkabinett. Unter gefühlten hundert männlichen Moslems sind wir die einzigen, die deutsch sprechen. Irgendwann kommt ein weißer Typ zu uns ins Abteil und nervt uns mit Gepfeife und dummen Bemerkungen. Frankfurt ist einfach völlig anders, auch wenn wir es liebevoll Krankfurt nennen. Diese Masse an unberechenbaren Menschen auf Realitätsverlust gibt es bei uns einfach nicht. Wir haben die ganzen Banker, Finanz- und Konsumopfer und jede Menge Nutten. Hier ist das einfach alles extremer und durchmischter. Es ist ja nicht so, als hätten wir keine Spinner, Freaks, Voodooschamanenpenner oder Tourettepöbler in Frankfurt, aber unsere sind meist weniger aufdringlich. Vor allem sind es viel weniger von ihnen und sie sind nicht überall.


Etwas das ich an Alice unheimlich bewundere, ist ihre Fähigkeit nein zu sagen. Ich habe das irgendwie nicht gelernt. Jedes Mal wenn ich dumm angemacht werde, bekomme ich Panikanfälle. Sie schreit aufdringliche Pöbler am Zoo einfach an, wenn sie ihr zu nahe kommen. Ich würde wahrscheinlich wegrennen. Aber auch das ist ein Resultat von Schauspiel, denn man lernt sich schneller in Rage zu versetzen oder runter zu kommen. All das, was in einem schlummert kommt auf Kommando herauf gekocht und ist viel schneller verfügbar. 
Wir beschließen in die Monkey Bar zu gehen, bevor wir uns mit Freunden im Hotel am Steinplatz treffen. Im zehnten Stock der Bar hat man eine grandiose Aussicht auf die Stadt, die Siegessäule und das andere Extrem der gesellschaftlichen Abgründe. Nobelhipsterkoksnasen im Anzug und die passende Musik um mit dem Fuß mit zu wippen. Abgehungerte Schickimickitussis in High Heels und kurzen Kleidchen, alle irgendwie gleich aussehend und nichtssagend. Aber ich kann das schon verstehen, kann ja nicht jeder so arm und gewillt sein, seine eigenen Komplexe mit so viel Hassliebe und Stolz zu tragen wie ich. Vielleicht will ich auch gar nicht wissen, wie ich wäre, wenn ich mich selbst auf dem Gottkomplex feiern würde. Ich muss mal seufzen. Meine Welt und deren Welt kollidiert ja schon immer, reingepasst habe ich nirgends. Aber die hier sind mir auch irgendwie nicht angenehmer als die unten am Zoo. 

Es ist erschreckend, wie viele Leute ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, die regelmäßig koksen, saufen und oder sich zerfeiern. Familienväter, Bankangestellte, Kindergärtnerinnen, von A bis Z alles dabei. Selbst wenn ich wie heute ausnahmsweise mal aussehe, als würde ich mich mit meinem mittig befindlichen, restlichen Babyfett im Bleistiftrock wohlfühlen, bin ich irgendwie fehl am Platz. Entschuldigung, ich spreche kein Gucci, auch wenn die Uhr mit selbigem Label an meinem Handgelenk echt ist. Ein Geschenk von meiner Ommi, die die Uhr vor fünfhundert Jahren mal auf dem Friedhof gefunden hat und der Meinung ist, dass sie ihr nicht steht. Meine Ommi ist halt nicht so der Typ für Gold. Findet sie. Letztlich habe ich geschaut, ob es die passenden Steigbügelohrringe zu der Uhr noch gibt. Ja, gibt es. Aber sie kosten das Fünffache der Uhr, weil es die nur in Massivgold und nicht vergoldet gibt. Danke nein. Ich möchte keinen Gebrauchtwagen an den Ohren hängen haben und so oft wie ich Schmuck verliere oder meine Tochter den abzupft und in den Mund stecken will, macht das keinen Sinn.

Nachdem wir irgendetwas gut knallendes getrunken haben, bei dem ich mich nur noch an Maracuja erinnere, laufen wir zum Hotel. Die Bar ist nur von uns besetzt, ein paar Freunden und Familie. Gegen halb vier endet der Abend für uns mit einer Menge experimentellen Cocktails, Champagner, Käsekuchen und einer Brot-Wurst-Käse-Platte. Dabei habe ich ein nettes Gespräch über Bücher, Beziehungen und die Stadt geführt.


25.12.2015


Take me back to Wonderland – Kunstschnee im Kinderzimmer bei reichen, weißen Vorstadtkindern - Fällt mir als erstes zu diesem Tag ein.

Ich wache gegen zehn auf, die Sonne scheint mir gefährlich freundlich ins Gesicht und die Vögel zwitschern. Fast bin ich gewillt, vorsichtshalber einen Psychiater zu konsultieren. Meine Laune ist super gut, ich bin hellwach und ich habe keinen Kater. Noch immer haben wir es nicht geschafft zu kochen, was ich jetzt nachhole. Vegane Spaghetti Bolognese mit Rucula zum Frühstück. Alice und ich tauschen beim Kochen unsere Geschenke aus, ganz wie es sich für ein britisches Weihnachten gehört. Ich weiß schon, weshalb sie meine beste und längste Freundin ist. Sie hat mir ein wunderschönes Skizzenbuch gekauft, so eines mit massivem Einband und rein weißen Seiten. Ich sehe das schon kommen, nächste Woche kaufe ich mir doch das Hunderterset Copic Marker, obwohl ich mir geschworen habe, das dieses Jahr nicht mehr zu tun. Mein Plan sagt Bilderbuchcafé, das wurde mir empfohlen. Nach dem Essen trennen wir uns vorerst, sie muss arbeiten und ich mit dem Hund raus. Dabei wird mir bewusst, dass Berlin einfach die krasseste Aufkleberrate der ganzen Republik haben muss. Wenn man all die Aufkleber zusammenrechnet, die hier das Stadtbild verschönern, wiegen die bestimmt so viel wie der Fernsehturm.




Ask Helmut? Ok. Werde ich.

Ich fahre mit der U bis zur Eisenacher Straße und bemerke dabei das Gebäude von der AWO, an dem der Schriftzug „There is no time for this“ prangert. Ja, sehe ich auch so. Leider. 
Im Café angekommen suche ich mir einen kleinen Tisch und packe mein neues Skizzenbuch aus. Mein Bild folgt dem Leitspruch von Immendorff und beschließt bereits zu wissen, was es werden will. Ich beginne mit Blumen, denke danach an Klimt und die Frau mit den schwarzen Haaren. Ich zeichne ein Gesicht, vernichte währenddessen ein Stück Schokokuchen mit Orange und einen Milchkaffee. 
Nach über einer Stunde Konzentration macht mein Kopf dicht und ich möchte zahlen. Bis dahin ist das Bild halb fertig geworden. Die Bedienung sieht mich ehrfürchtig an und erwähnt, dass sie mich vorher nicht ansprechen wollte, ob alles noch so passt. Ein klein wenig positiv irritiert nehme ich ihr Lächeln über mein Bild zur Kenntnis und packe meinen Kram zusammen. Während ich mich in meinen Mantel schmeiße, kommt mir ein alter Mann entgegen und verkündet mir, wie toll er meine Skizze findet. Ich freue mir ein Loch in den Bauch, ehrlich. Ich verstehe Alice und ihre Freude an der Inszenierung, der Interaktion mit dem Publikum. Wenn ich arbeite und dabei irgendwo rumhänge wo ich Publikum habe, werde ich oft selbst zu einem One-Woman-Theater. Ich weiß nur immer nie, wie das Stück ausgeht.


Meine erste Zeichnung im neuen Skizzenbuch

Mit meinen sieben Sachen fahre ich zu meinem allabendlichen Weihnachtsmarktwohnzimmer am Gendarmenmarkt und fühle mich mittlerweile wie ein Teil des Inventars. Während ich mir Diskussionen über Käselabor, Fresskoma und Nüsse anhöre, stelle ich mein Bild fertig. Wieder verbringe ich Stunden um Stunden in der Dekadenzbude von Lafayette und genieße meinen letzten Abend mit den Jungs von vor und hinter der Bar, dem kleinen Eiffelturm, hormoneller Erderwärmung und meinem medium brauchbaren Französisch, das ich nach 2 Promille auch fleißig kommuniziere. 
Bevor wir heim fahren, machen wir einen kleinen Abstecher zum Hotel am Steinplatz und ich ärgere mich über mein geschmacksaffines Gehirn. Wir hatten es von Käsekuchen – ich bestelle wieder einen. Erst gegen Mitternacht sind wir in Kreuzberg, alles ganz ruhig. Kein Pogoballett, keine Penner, die einen auf Bahnhof-Zoo-Gandalf machen. Du kommst nicht, vorbei! Von der Sorte hatten wir gestern genug. Kurz bevor der Tag beschließt zu Ende zu sein, gehen wir noch mal mit dem Gremlin raus. Dabei treffen wir andere Gassigänger und verquatschen uns.

„Unsere Penner sind halt frei Schnauze. Wenn die Probleme ham, müssen die halt ma Pöbeln und rumschreien, danach is wieder jut“

Ich mag die Erklärung irgendwie, klingt authentisch. Trotzdem mag ich keine Heroinjunkies in der Sparkasse an der Hauptwache hocken haben, irgendwie befremdet mich das. Bei dem Gedanke wird mir bewusst, dass das Heroin meiner Generation unter Anderem die Likes in den Asozialen Netzwerken sind. Ganz schön traurig, dass da eine Art Amerikanisierung stattfindet. Five minutes of fame, rise and fall, Selbstvermarktung über Internet. Die Sicherheiten fehlen uns heute so sehr wie schon viele Jahrzehnte nicht mehr. Es ist utopisch, ein Leben lang im selben Betrieb bleiben zu können. Meine Oma hat genau das noch erlebt, wurde mit 15 bei der Versicherung angelernt, ist später verbeamtet worden. 40 Jahre derselbe Laden, heute kaum denkbar. Ich frage mich ernsthaft, wie all diese vielen kleinen Abschnitte sich irgendwann im Lebenslauf lesen. Ob es eher ein Vorteil oder ein Nachteil sein wird, flexibel zu sein. Ich frage Alice zum Abschluss des Tages, ob sie diese besondere Unsicherheit in ihrem Berufszweig als Problem empfindet.

Arbeit gibt es immer und wenn man flexibel ist, kann man sich selbst verwirklichen. Idealismus sei das keiner, Alice sagt sie sieht das realistisch. Wenn sie wegen einer Flaute anders Geld verdienen muss, findet sich eine Lösung und es geht immer irgendwie weiter. Man muss sich die Verbindungen eben aufrecht erhalten, auch ein Lernprozess, der viel mit Diplomatie und Verlässlichkeit zu tun hat. In der Gastro zum Beispiel, gibt es immer kurzfristig Jobs. Etwas aber aus Prinzip nicht zu tun, was einem Spaß macht, ist für sie der falsche Ansatz. 
Ich bewundere diese schnelle Auffassungsgabe die sie hat, denn wenn es etwas gibt das sie wirklich gut kann, ist es schnell und effektiv Lösungen finden. Wahrscheinlich ist es auch genau das, was einen guten Schauspieler ausmacht. Der gesunde Mix aus Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Durchsetzungsvermögen. Gerade in Berlin schmiert man relativ hart ab, wenn man die Balance nicht auf die Reihe bekommt und es ist eigentlich wie immer: es wird zu viel und zu wenig Theater um alles gemacht. Oft ist es zu viel Drama, weil man krampfhaft den Komödien hinterherläuft. So ein geistreicher, publikumsfreier Monolog kann dabei vielleicht helfen, sich nicht im einen oder anderen Extrem zu verlieren.


26.12.2015
Es ist früher Nachmittag und gleich fahre ich wieder ins gemütlich kleine Hessen und erhole mich von meinem viertägigen französischen Hauptstadtexzess auf Crémant. Dabei habe ich für mich erkannt, dass mein größter Feind meine Ungeduld ist und ich mich manchmal einfach dem Planlosen hingeben muss. Auch wenn es mir schwer fällt. Ich glaube, nächstes Jahr möchte ich Weihnachten alkoholfrei im Flugzeug verbringen. Sicherheitsverwahrung, egal in welcher Zeitzone. Da ist die Aussicht auf den Schlitten vom Oberbefehlshaber des Coca-Cola-Kommerzfestes auch besser. Solange freue ich mich über meine neuen Errungenschaften musikalischer Natur und drehe im Auto Forkida – come on und Kate Havnevik – New day voll auf.

Samstag, 19. Dezember 2015

Jazz, Jazz, Jazz - Eine schöne Bescherung mit Gerd Baier und der Gerdband

Heidelberg ist irgendwie schlecht für meinen Hormonhaushalt, merke ich. So viele gutaussehende, vermeintlich glückliche Menschen, Pärchenalarm und Weihnachtsmarktgedränge am Kornmarkt. 

Um kurz nach acht trudel ich im Jazzhaus ein und stelle fest, dass sich mein Bargeld noch in meiner Hosentasche befindet und die liegt auf dem Boden in meinem Schlafzimmer. Also fülle ich erst einmal den Antrag auf Vereinsmitgliedschaft im Jazzhaus aus, laufe dann zurück und hebe zu überteuerten Kosten Geld bei einer Fremdbank ab. Wieder im Jazzhaus angekommen, verstaue ich Mantel und Hut und zahle freudig die zwölf Euro Eintritt, die sich mehr als lohnen werden. Sobald ich ein Teil des Abends bin, gehe ich meinem Ritual hier nach und bestelle mir einen Apfelsaft und eine Brezel. Nicht irgendein Apfelsaft, nein, das ist Apfelsaft mit Stückchen und er schmeckt wie ganz frisch gepresst. Danach suche ich mir in weiser Voraussicht über meine geräuschvolle Invalidität einen Platz im hinteren Eck des Raumes. 

Wieder drücke ich durch meine Anwesenheit den Altersdurchschnitt bis auf die Hand voll Kinder im Raum, um ein Jahrzehnt nach unten und frage mich dabei, wieso Klassik und Jazz in meiner Generation nicht mehr integriert sind. Aber die Frage nach dem allgemeinen Bildungs-Muss ist heute auch so diffizil, wie in keiner Generation zuvor. Wir werden überflutet von Möglichkeiten, Angeboten und Reizen, die sich in einem Tempo fortbewegen, das eine große Aufmerksamkeitsspanne gar nicht zu lässt.

Die meisten sind heute Spezialisten auf einem kleinen Gebiet, kennen sich mit einer bestimmten Menge an Themen aus, die sich mit jeweils der Menge einer anderen Gruppe überschneidet. Was dazwischen an Kommunikation stattfindet, reicht leider oft nicht mehr aus, um Bildungsstandards aus der Vergangenheit umfassend aufzugreifen und weiterzugeben. Die Wurzeln fehlen bei vielen Themen, da entsteht einfach kein Bezug mehr zum Kulturgut vor unserer Zeit. Hinzu kommt noch, dass Lesen und interpretationswürdige Musik, deren Aufmerksamkeitsanspruch die zwei Stunden eines Filmes übersteigen, heute einfach schlecht ins Leben einbauen lassen. Natürlich gibt es diejenigen, die genau das machen. Sich Zeit nehmen und Dinge analysieren, deren Inhalt sich Gebietsfremd zu ihrer Schnittmenge an Bildung verhält. Eingehendes Befassen mit einem neuen Thema widerspricht dem Zeitmanagement der Unterhaltungsindustrie, die oberflächlich gesehen viel mehr Information auf kürzer Zeitspannen vermitteln kann. Manche Dinge benötigen aber einfach die ausgiebige Kontroverse, den Dialog und so empfinde ich das gerade beim Thema Musik auch. 

Ich habe erst spät angefangen, mich mit Jazz auseinanderzusetzen und würde mich nicht als Kenner bezeichnen, eher als neugierigen Weltenwandler, der gerne dem Klang von neuen Ufern lauscht. Dieses neue Ufer heute heißt Gerdband und ist mir vor vier Jahren zum ersten Mal begegnet. Damals war ich auch hier im Jazzhaus und habe nach Inspiration zu meinem ersten Buch gesucht. Tatsächlich gab es diesen Funken, der direkt von Gerd Baiers Piano auf meine Ideenmaschine übergesprungen ist. Damals war ich hier zufällig auf einem Konzert von ihm und habe mir im Anschluss die CDs Berggeflüster und Perpetuum (Duo mit Philipp Gutbrod, Drums/Percussion) gekauft. Der sich auf diesem Album befindliche Auftaktsong heißt Milena und hat sich orange und eisblau in mein Gehör gefressen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal erwähnen, dass ich Synästhetikerin bin und Musik, Formeln, Buchstaben und Zeit, in Formen, Farben und Gerüchen "sehe". Demnach sind meine Anmerkungen bezüglich Interpretation sehr subjektiv und nicht unbedingt gültig für die Allgemeinheit.

Milena. Der Fluss in meinem Kopf (2011, Öl auf Leinwand)
Milena war für mich auf Anhieb eine Reise zu mir und durch mich selbst hindurch, wie ein Fluss an einem glasklaren Herbsttag, dessen Verlauf sich wild und sanft zugleich durch die Landschaft zieht. Auf der Basis dieses Gedankens habe ich 2011 eine mehrschichtige Interpretation der Melodie begonnen und mich auf den musikalischen Teil meines Romans eingestimmt. Dabei kamen ein Ölgemälde, eine daraus wieder resultierende Umsetzung in meine musikalische Sprache (Stratoscope – Fog) und eine Protagonistin namens Inga ans Licht. Ohne dieses Stück hätte ich wahrscheinlich die Geschichte so nicht schreiben können, wie ich es getan habe. Als ich meine Analyse beendet hatte, ließ ich Gerd Baier meine Ergebnisse zukommen und erfreue mich seitdem gelentlich an einem Plausch mit ihm über Gott und die Welt, Musik und New York. Bevor das Konzert beginnt, begrüßen Gerd und ich uns noch kurz und herzlich an meinem Tisch. Danach bekommen wir gespannte Zuhörer von Joachim vom Jazzhaus eine Unterweisung bezüglich der Sicherheitsregularien. Da wir jetzt alle zwangswahlweise Vereinsmitglieder geworden sind, fehlt die Vereinsrede bezüglich der Notausgänge noch. Auf jeden Fall ist die amüsanter als das abgenudelte Sicherheitsballet im Flugzeug und erzeugt hier und da einen Lacher. Eine sympathisch schwäbische Aufforderung an das Publikum, den Feuerlöscher im Notfall (den es seit dem sechzehnten Jahrhundert wohl nicht gegeben hat), doch auch zu gebrauchen. Falls sich wer damit auskennt, natürlich.

Der Raum ist so voll, wie er klein ist und ich fühle mich positiv an einen ähnlich beklemmend vollgestopften Abend im Jazzkeller Frankfurt erinnert. Gerdband betreten die Bühne, bestehend aus Gerd Baier am Piano, Dirik Schilgen an den Drums und Mario Fadani am Bass. Eisenhans eröffnet den Morgen, dessen Sonnenstrahlen durch die dahinziehenden Wolken unterbrochen werden. Das Bild in meinem Kopf verflüchtigt sich und der Song groovt sich direkt danach ebenso melancholisch, aber mit flotten Tempo ins Ohr. Wie aggressives Vogelgezwitscher, der perfekte Start in den Tag. 

Das Drumsolo von Dirik Schilgen fängt die Stimmung des Songs auf und treibt sie voran, bis der Bass von Mario Fadani dazu vermeintliche Gespräche aus dem Bauch heraus mit ihm führt. Nach Eisenhans stürzt Gerd Baier erst mal das Soundmodul ab, die Technik hat sich ein wenig verschworen. Aber kurz darauf geht es schon mit einem meiner Lieblingssongs weiter, dem grünen Elefanten, der nicht fliegen kann. Frag' nicht warum. A green elephant cannot fly, don't ask why. Warum er das nicht kann, weiß Gerd selbst nicht mehr, sagt er. Ürsprünglich war es mal ein Gedicht, das er selbst geschrieben hat und ihm der Text leider abhanden gekommen ist. "Es war einmal ein Elefant und der war grün. Und er ging nicht nach Berlin", merkt Gerd an und betont dabei, dass es SO auf jeden Fall nicht ging. Aber der Elefant geht trotzdem, vor allem voran. 

Nach der Einstimmung auf der Kalimba vermutete der Zuhörer ein spirituell angehauchtes Stück und wird mit einem fetten Coolnesseffekt überrascht. Wie der Titelsong zu einem Bösewicht klingt der Song, smooth und irgendwie einer Sonnebrille würdig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mit dem Stift hin und her wippe, anstatt zu schreiben oder zu zeichnen. Aber der Rest des Publikums nickt zustimmend und ich lasse den Flow einfach Besitz von mir ergreifen. Mario Fadanis Solo bringt eine lässige, aber flotte Leichtigkeit in den Song, bevor er wieder in sein murmelndes und grollendes Mantra zurückrollt. Gerds Tasten formulieren scheinbar Fragen in das Grummeln des Basses hinein und viel zu schnell endet dieser großartige Song, der einen einfach von Kopf bis Fuß ergreift.

Ein Midikabel fehlt, im Studio mit dem wunderschönen Steinway-Flügel wäre das nicht passiert, klärt Gerd auf. Der nächste Song heist La route ancienne und ist vom neuen Album. Never the less heißt es und ist gerade erst aufgenommen worden. Bis nächstes Jahr müssen wir uns leider noch gedulden, aber zum Glück ist dieses Jahr schon fast zu Ende, denke ich mir. Die alte Straße klingt irgendwie nach Wüste, hat diesen hypnotischen Rhythmus von 1001 Nacht und das Piano holt die Dunkelheit von den Dünen am Horizont bis hin zur Beduinenstadt. Im Verlaufe der nächsten Minuten wandelt sich das Bild für mich, wirkt jetzt wie eine alte Liebe, vertraut und doch verloren, sehnsüchtig, wild und noch einmal aufbäumend. Wie ein innerer Disput zwischen Erinnerung und Neuanfang schlängelt sich die alte Straße durch die Landschaft des Lebens. Zwischen zurückgelassenen Meilen und holprigem Horizont hat dieses Lied einfach alles für mich und die Euphorie der Reise trägt immer wieder den Schatten des wehmütigen Blickes nach hinten. Gerd bekommt ein neues Midikabel, während Dirik die Drums in einen tranceartigen Tanz ums gedankliche Lagerfeuer spielt. Als Gerd mit dem Piano wieder einsteigt, klingt die alte Straße nach Vollgas und Aufbruch und lässt am Ende die Leichtigkeit der Wolken am Horizont Besitz von der Melodie ergreifen.

2041 heißt der nächste Song, eine akustische Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Situation hier in Deutschland und auch überall sonst auf der Welt. Viel muss dazu auch nicht gesagt werden, finde ich. Die Melodie erzählt und beobachtet, übt Kritik und gibt sich dem Moment des Überdenkens hin. Die Gedanken haben freien Lauf, die Melodie stellt keine Fragen, sondern reflektiert den Dialog zwischen Gedanken und Außenwelt mit einem akustischen "Dennoch". An diese Stimmung knüpft auch der schon ältere Song Humanity an. Er ist der letzte vor der Pause, die gleich folgt. Er beginnt mit einem Basssolo von Mario Fadani und wirkt wie ein Zwiegespräch mit sich selbst. Wie in Zeitlupe eingefrorene Bilder voller Leid und Staunen, Verzweiflung und Hoffnung, schleichen sich in meinen Kopf. Humanity regt zum nachdenken an, fordert zum Handeln auf und steigert sich am Ende ein eine mitreißende Welle, die Amplitude eines gesellschaftlichen Aufschreis. 

Wegen mir müsste jetzt keine Pause folgen, ich bin gerade total in der Musik gefangen. Aber weil mein Glas leer ist, stelle ich mich an der Bar an und bestelle mir einen Caipirinha und komme mit anderen Gästen ins Gespräch. Nach der Pause geht es weiter mit dem little robot, lebendig wie ein Sommertag klingt er für mich und löst die Melancholie von Humanity in mir ab. Danach wird es noch einmal informativ, denn Gerd erzählt eine kleine Anekdote zum nächsten Song. Puppets heißt der und ist eine kleine Hommage an einen Jazzclub in Brooklyn, den es heute leider nicht mehr gibt. Der Besitzer war wohl früher Baseballspieler und wurde durch eine Verletzung am Arm berufsunfähig. Danach hat er den Club eröffnet, der sich nicht dauerhaft halten konnte. Wenn Gerd mal keinen Bock mehr auf Musik haben sollte, will er einen Kiosk aufmachen, sagt er. Aus dem Publikum kommt der Einwurf "Oder Baseball spielen". Der Beat von Puppets geht steil voran, für mich ein bisschen DnB der halb analogen Musikszene, äußerst erfrischend. 

Fast alle im Publikum haben die Augen geschlossen, wie eine unaufhaltsam tickende Uhr saugt sich der Song ins Ohr und beschwört dabei die mystische Aura des vergangenen Clubs herauf. Wie eine vom Wind umhergewirbelte Tüte zwischen den Häuserschluchten klingt er und fängt sich gegen Ende wieder. Der Schluss klingt wie ein Nachwort mit viel Liebe zum Detail, sehnsüchtig und versöhnlich. Das nächste Lied heißt einfach Lied und weil der Gong nicht mit ins Jazzhaus gekommen ist, müssen wir Zuhörer jetzt einen nachamen. Der erste Versuch scheint nicht zu überzeugen, "Tiefer" sagt Gerd und wir geben unser Bestes. "Höher, ein bisschen lauter?", fragt er jetzt und wir gongen etwas lauter. "Naja", kommentiert er unseren Einsatz und verursacht damit ein Schmunzeln in den Reihen. Lied verursacht in mir auf jeden Fall den Drang zu singen, die Melodie möchte von mir begleitet werden. Erst der erneute Aufruf zu einem kolletiven Gongen, holt mich wieder aus meinem gedanklichen Singsang heraus. Danach klingt Lied für mich wie eine Debatte, eine Meinungsverschiedenheit in violett und dunkelblau. Am Ende schreit sie ausdrucksvoll Ja, ja, ja! oder auch doch, doch, doch!

Momentaufnahme meiner Gedanken (Gerd Baier)

Ein neuer Song, ein neues Gefühl. Wieder und wieder heißt er und erzählt mir die Geschichte von einem Hotelzimmer, irgendwo in einer russischen Metropole. Die Stadt leuchtet vor dem verregneten Hotelzimmerfenster in die dunkle, alles verschlingende Nacht hinein. Im Zimmer befindet sich die Anderswelt der Personen, die sich darin befinden. Ein wortloser Dialog zwischen der geistigen Sackgasse der Protagonisten und der Nacht findet hier statt, die Schwere eines russischen Winters liegt in der Luft und lässt einen zeitlosen Moment voller trübsinniger Eleganz entstehen. Direkt im Anschluss folgt das gleichnamige Lied zum neuen Album. Never the less. Ein warmer und frischer Song, der Strom in den Beinen und Wolken im Kopf erzeugt. Klingt nach Central Park und dem Ausdruck des Lebensgefühls der Metropole. Als Zugabe kommen wir in den Genuss eines sich auf der Berggeflüster befindlichen Songs namens Cyberdance. Einer von Gerds Lieblingssongs, wie er betont. Der Mario ist allerdings nicht in Stimmung, merkt er an und lässt diesen seinen Bass nachstimmen. Der musikalische Jahresabschluss knüpft an mein erstes Gefühl zu Gerd Baiers Musik und zu Milena an. Die Laufgeschwindigkeit dieses musikalischen Flusses verwandelt, verändert sich und überrascht immer wieder aufs Neue. 

Die Luft im Keller ist verbraucht und ich fühle mich wie ein Goldfisch, der aus dem Aquarium gehüpft ist. Trotzdem peitscht der letzte Song für heute noch einmal richtig die Stimmung hoch, atmen wird so oder so überbewertet. Finde ich. "Das ist jetzt aber das Letzte. Das allerletzte!", stellt Gerd klar, ein Lachen geht durch den Raum. When I was a child sollte der Song mal ursprünglich heißen und die eigene Kindheit musikalisch reflektieren. Da hat die Gema den Rotstift angesetzt, weil Led Zeppelin den Titel schon einmal verwendet haben. Aus dem I wurde ein he und das Namensdilemma hatte ein Ende. Keine Einwände der Gema. Gerd findet die Noten nicht, sagt das muss auch so gehen. Wahrscheinlich haben sich die Noten mit dem Soundmodul verschworen und sind getürmt, denke ich mir.

Das Intro mit der Spieluhr lässt einen direkt in eine düstere Nostalgie verfallen, der Bass fühlt sich an wie der Rhythmus eines ganzen Lebens. Wahrscheinlich ist es das auch, die Rückblende auf ein ganzes Leben. Der Song zeigt sich versöhnlich, in Erinnerungen versinkend und endet mit einem Schmunzeln. Und mit diesem entlässt mich die wunderbare Gerdband nach einem anschließenden Plausch, in die letzten Tage der Adventszeit und die Heidelberger Nacht. Die ruft trotz woklenlosem Himmel eher nach Martini und Cocktailkleid, als nach Glühwein. Auch ohne Schnee und Weihnachtsstimmung hat sich die Anreise wieder einmal gelohnt. Vielen Dank, bitte mehr Konzerte!


http://www.jazzhaus-hd.de/programm/

http://www.gerdbaier.de/

https://myspace.com/gerdbaier

Dienstag, 15. Dezember 2015

YOLO, happy beards und Monokultur

Macht der Emmerich jetzt auch einen auf Cameron? Mal eben zwanzig Jahre am Film arbeiten, in der Hoffnung, dass die Technik jetzt reif für ein Revival ist? Ich wollte es ja fast nicht glauben, als ich gelesen habe, dass das kein Witz ist. Ohne Will, aber mit dem Bubi Hemsworth – Bitte? Kommt schon! Es gibt auch einfach Stories, die nicht auferstehen müssen, auch wenn sie in der Umsetzung gelingen. Laufen da nicht schon genug echte Aliens draußen rum? Ach ne, das waren Smombies, oder? Vielleicht muss man sich den Film einfach unvoreingenommen angetan haben, damit man mitreden kann. Ich hoffe, dass ich nicht so sehr der Besetzung hinterher heulen werde. Mein Bauchgefühl sagt trotzdem einfach: Die Titanic kam auch nicht wieder hochgeblubbert und das ist auch gut so. Wenigstens hat der Cameron thematisch was anderes für seinen Coup Nr. 2 gewählt, wenn die Geschichte auch schon ein langen Bart hat. 

Apropos Bart – Warum eigentlich Bart? Mit diesem Mythos befasst sich das Neue Museum in Berlin in diesen Tagen und geht der Frage nach, wieso die Hipsterkultur so bärtig ist. Ja ist schon klar, wenn man als großer Literat unserer Zeitgeschichte den ganzen Tag in seiner Gedankenwelt abhängt, kommt man halt nicht zum Rasieren. Wenn man den ganzen Tag Bomben bastelt, übrigens auch nicht. Körperbehaarung ist ja schon immer Auslöser hitziger Debatten gewesen und wandelt sich in der gesellschaftlichen Anerkennung ja in etwa so häufig, wie manche Menschen ihre Socken wechseln. Vielleicht. Bis auf die, die ihre Socken anziehen, das nächste Mal auf Links drehen und wieder anziehen, dann auf den rechten und linken Fuß tauschen und sie erst in die Wäsche geben, wenn sie an der Wand kleben bleiben, wenn man sie dran wirft. Die männlichen Exemplare dieser Gattung haben meist aber auch Bärte, weil Rasierklingen teuer sind, oder die Läuse, die darin wohnen nicht obdachlos werden sollen.

Aber im Angesicht des nahenden Coca-Cola-Kommerz-Festes, ist so eine hübsch gezüchtete Hipsterkinnmatte auch noch legitim. Ich meine mich nicht an einen Bart beim Christkind zu erinnern. Sobald es noch wärmer wird, als wir es dank dem mysteriösen Phantom Klimawandel eh schon gerade haben, wird es haarig für den Trend. Wir Deutschen sind ja nicht so abgehärtet wie unsere Lieblingsausländer aus den südlichen Regionen. Aber ich verstehe das schon, wenn einem schon dank Genetik und oder zu hohem Testosteronspiegel die Wolle auf dem Kopf ausgeht, kann man sie ja wenigstens eine Etage tiefer hegen und pflegen. Frauen stehen auf gepflegte Haare, sagt man(n). Letztlich habe ich die ersten Banker mit Hipsterhaarschnitt erspäht und mir gedacht, dass diese Doppelmoral unserer Generation wieder einmal ihr verführerisches Spiel getrieben hat. Die Kasse muss halt bei der Generation Ökostrom für's Phone klingeln und so ganz hohl sind die meisten ja nicht, die wissen ja, dass die finanzielle, staatliche Grundversorgung nicht für immer und alle Antis reicht. Vor allem nicht mit der Flüchtlingswelle, die gerade so mancher Leute Meinung nach unsere nicht vorhandene, deutsche Identität gefährdet. Ökomatte, Schäferhund unter den Armen, neues I Phone, Kinder nackt in den Sandkasten setzen, Yolo. 

YOLO? You only live once. Leider nicht: "Du lebst nur einmal, mach was Verantwortungsvolles außer: auf Milch, Eier, Fleisch und Leder verzichten", sondern auch "Hau rein und mach all das, was du nur einmal erleben kannst." Früher haben die Kinder auch nackt im Sand gespielt, aber weil sie nix zum Anziehen hatten. Übrigens auch in diesen Tagen wieder ein Thema für eine große Bevölkerungsgruppe. Für uns allerdings bisher noch weit weg, in der Berichterstattung. Auf jeden Fall weit genug weg, um einen seltsamen Rucksack von Fjällräven vorzubestellen, der viel zu teuer ist, irgendwie nichts kann und derzeit überall vergriffen ist. Haben wir echt so viele Hipstermütter?
Ich verfolge ja ständig die Wirtschaftlichkeit des Hipstertums und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Katatonie und ektstatischer Boshaftigkeit. Es liegt mir einfach am Herzen, auch wenn es nicht halb so ernst gemeint ist. Ich bin tolerant, wenn ich mein Steak weiterhin essen darf.

Wann wurde eigentlich aus Sex, Drugs and Rock 'n Roll, Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer?

Als ich das letztlich gelesen habe, konnte ich mich gar nicht entscheiden, ob ich lachen oder heulen möchte. Wie immer ein Trend, basierend auf (natürlich veganen) Cookies der Marktforschungsinstitute in der Schattenwelt unseres Surfverhaltens. Auf einmal haben sie alle Bärte, trinken lieber Monokultursojazeugs, für das der Regenwald in Südamerika abgeholzt wird, anstatt Milch. Aus ethischen Gründen, versteht sich. Halbdurchdachte Kritik an unserem Konsumverhalten. Ja, Tierleid. Ja, fraglicher gesundheitlicher Vorteil. Und ja, fehlende Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Wir haben aber auch keine Rückenschmerzen weil wir falsch sitzen, sondern weil unser Körper mal auf 20 KM Laufen am Tag ausgelegt war. Evolutionsfail, würde ich behaupten. Ich sehe all diese Kritikpunkte trotzdem als beachtungswürdig, aber unser System ist für diese Massen an Menschen (noch) nicht ausgelegt, die nach einer schnellen und einfachen Lösung für den vermeintlichen Fehlkonsum suchen. Das Gesamtchaos, das wir Menschen durch unsere Art zu wirtschaften auf dem Planeten verursachen, bleibt auch mit einem veränderten Bewusstsein leider im Gleichgewicht. Unsere Gesellschaft ist einfach dafür ausgelegt, einen Trend bestmöglich zu bedienen, dafür in jeglicher Hinsicht alle Reserven zu mobilisieren und dann die Wüste zu räumen, um ein neues Feld abzugrasen. Welches das nach der Generation Yolo sein wird, macht mich neugierig. Der Trend überrolt seine eigenen Kapazitäten und lässt eine Marketinglüge entstehen, die so weitreichende Folgen haben wird, wie die Verharmlosung von Contergan für eine ganze Generation. Nicht jetzt, aber in naher Zukunft. Ich bezweifle aber, dass wir als gesamtschwarm schon clever genug sind. Unsere wahre Protestkultur ist schon seit den Siebzigern irgendwie tot, dafür haben wir noch immer zu viele Freiheiten. Noch.

Früher haben die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und sich auf LSD inspirieren lassen, während sie nackt Sitzblockaden veranstaltet haben. Heute gibt es ja kein Bauchgefühl mehr, wie ich bereits erklärt habe. In einer Welt, in der Bäuche wegretouchiert und ihrer Daseinsberechtigung dank Super Size me Lifestyle entzogen sind, gibt es auch kein kollektives Bauchgefühl mehr. In New York gibt es jetzt ein Museum der Gefühle, in dem man sich in einem LSD-artigen Umfeld seiner Gefühle bewusst machen lassen kann. Kurzer Abgleich mit meiner Stressfalte auf der Stirn. Wenn ich nicht weiß, was ich fühle, lasse ich es mir auf jeden Fall vorbehaltlos vom Raumdufthersteller Glade diktieren. Glade kennt keiner? Gehört zum Überkonzern S. C. Johnson & Son, besser bekannt als Vertrieb von allgegenwärtigen Marken wie WC Ente, Autan, Drano und Kiwi. Vertrauen macht blind, sogar wenn man dabei angeblich glücklich ist. So blind, dass der Autor des Artikels (aus Die Welt v. 14.12.2015) im Selbstversuch erstmal gegen eine Spiegelwand gelaufen ist. Das klingt gefährlich nach kreativer Marktanalyse und potentieller Instrumentalisierung durch das immer weiter wachsende Netz des gläsernen Bürgers. 

Yolo im Überwachungsstaat? Die kollektive Schwarmintelligenz diktiert uns doch eh schon viel zu viel und wirft uns vermeintliche Optionen hin die wir ergreifen, weil wir in der medialen Überflütung verloren sind. Das ist zeitgenössische Lebensberatung, die Erfüllung des damaligen, analogen Bildungsauftrages von Büchern und Zeitungen. Ich BILD' mir nicht meine Meinung. Möchten Sie Tee oder Kaffe, Merkel oder Dschihad? Antwort: Ja, Titten! Das Museum verkauft die Erfahrung der Gefühlsanalyse als Inspiration durch eine Muse, wie die olfaktorische Diktatur von Glade liebevoll bezeichnet wird. Das ist Manipulation auf neuem Niveau und riecht ja offensichtlich gewaltig nach Promoaktion, was soll ich dazu sagen? Ich weiß auf jeden Fall, wer da Kopfschmerzen und Aggressionen bekommen würde. Zum Glück bin ich krank und meine Nase ist zu. Ob die mir auch ohne Riechorgan meinen Gefühlszustand analysieren können und ich danach freiwillig einen Rumduft kaufe? Bis ich wieder gesund bin, schaffe ich es auf jeden Fall nicht nach NY. Fast schon muss ich mal wieder schmunzeln, Equlibrium anders herum. Aber auch die Geschichte hat einen Bart, Raumdüfte werden schon lange als Massenberuhigungs- und Wohlfühlmittel genutzt.

Auch die Deutsche Bahn AG macht das, weil der Mensch in der Regel sehr empfänglich für entspannende Duftstoffe ist. Das ist nicht nur gut für's Raumklima, sondern auch fürs menschliche Klima. Vielleicht sogar ein heimlicher Versuch, die Bahnkunden weniger negeativ auf Verspätungen zu stimmen. Also wenn ich mir meiner Gefühlslage nicht bewusst bin oder meinem Bauchgefühl nicht mehr trauen kann, gehe ich in ein Sponsorenfreies Sinnesmuseum wie das Schloss Freudenberg in Wiesbaden. Hier lernt man Innenwahrnehmung durch die Steigerung der Außenwahrnehmung. Sinnesorgane ganzheitlich stärken, den Bezug zwischen der Außenwahrnehmung und deren Effekt auf unsere Gefühlswelt bewusst machen. Konnektivität. Ich bin immer wieder geschockt, wie wenig Kinder (und auch Erwachsene!) heute noch z.B. das Wort Tomate einem Geschmack und einem Geruch oder noch viel schlimmer, einer Farbe zuordnen können. Wir werden total von unserer Umwelt entfremdet und wundern uns dann, wieso ein Kind sagt: „Das Grüne da esse ich nicht“. Dass das Grüne eine Erbse ist, weiß das Kind gar nicht. Zum Glück ist es ja nicht überall so, aber der allgemeine Verlauf ist beängstigend.

Ich glaube ich rieche jetzt mal eine Weile an meinem Handgelenk um mich runterzufahren. La vie est belle, ruft es. Dann kaufe ich mir auf diesen Adrenalinschock von vorhin ein Wunderbäumchen (im Übrigen von Car-Freshner Corporation und nicht von S. C. Johnson & Son) und eine Mütze mit Strickbart. Inkognito auf Blitzerfotos und happy dabei. Seit zwei Jahren noch immer ohne Facebookaccount. 
YOLO!

Freitag, 4. Dezember 2015

Molly Crabapple - Drawing Blood / Meine persönliche Buchempfehlung des Jahres

Meine Augen fressen die 352 Seiten des Buches Drawing Blood von Molly Crabapple förmlich, das am ersten Dezember erschienen ist. Es ist vier Uhr in der Früh, meine Augen fallen fast zu. Ich. Kann. Einfach. Nicht. Aufhören. Zu. Lesen.

Molly Crabapple - Drawing Blood. Erschienen am 1.12.2015 bei Harper, ISBN: 978-0062323644

Bild: https://www.amazon.de/Drawing-Blood-Molly-Crabapple/dp/0062323644/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488048103&sr=8-1&keywords=drawing+blood

Schon gestern habe ich jede freie Minute genutzt, um auf das lächerlich kleine Display meines Telefons zu schauen. Ich habe nicht einmal meine eigenen Bücher auf dem Display korrektur lesen können, weil es mich wahnsinnig gemacht hat. Ich besitze kein Tablet und keinen E-Reader, bis das Buch in Papierform bei mir angekommt, wäre Weihnachten rum. Aber es hat sich mehr als gelohnt, diese Geschichte aus dem Leben der Autorin zu lesen. Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende zu und das Beste kommt ja bekanntlich oft zum Schluss. 

Ab der ersten Seite zieht einen der liebevoll boshafte und ungeschönt ehrliche Erzählstil voller Passion für ihre Arbeit, mit in die Geschichte. Eine Geschichte über Aufrechterhaltung des Selbstwerts, Berufung, Charakterstärke, Idealismus und Erkenntnis. Ihre Worte hinterlassen eine kontinuierliche Spannung beim Lesen und einen Hauch von Magie, der durch das Zeichnen ihrer Gedankenwelt entsteht. Es sind die Memoiren einer jungen Frau, die von Kindesbeinen an diesen alles übertönenden Drang in sich verspürt, zu zeichnen. Dabei hat sie Eltern, deren starke Charaktere und Sicht der Welt sie ermutigen, niemals aufzugeben. Molly Crabapple ist nicht einfach ein begabtes Mädchen, das mit Stiften umgehen kann. Nein, sie lebt für ihre Zeichnungen, die ihrem Dasein Selbstwert verleihen und ihre Kollision mit der Außenwelt abbremsen. Zeichnen ist ihr Austausch zwischen ihrem eigenen Innen und Außen und reflektiert dabei unweigerlich und beständig ihr Dasein.

Frühe Ausgrenzung, soziale Isolation und der nahende Rand der Gesellschaft sind ihr dadurch oft näher, als die Erinnerungen an die verhasste Kindheit und ihr eigener Körper. Und doch schafft sie immer den Spagat zwischen Funktion, Anpassung an die Situation, Stolz und Respekt sich gegenüber. Das gesamte Buch über verliert sie sich nie in ihren Grundsätzen, verkauft nie ihre Seele für den Erfolg. Molly Crabapple reist schon früh um die Welt, um sie in ihrer bunten Handschrift zu verewigen, ihre Essenz einzufangen. Sie trifft dabei auf Menschen und deren Geschichten, entwickelt ein außerordentliches Gespür für Details, Ausdruck und Bedeutung der Geschichten, die sie zeichnet. Die Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit, Entscheidungsfindung und Erfindergeist, sind ständig präsente Themen des Buches. 

Die Autorin schafft es fortwährend, den Fokus auf ihre Arbeit und ihre Berufung des Zeichnens nicht zu verlieren. Auch nicht, als sie aus Mangel an finanziellen Perspektiven, in die Schattenwelt des körperlichen Ausverkaufs gerät und unter anderem für sich die schwierige Entscheidung trifft, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Molly Crabapple trifft ehrliche Entscheidungen und steht für diese ein. Der Weg den sie geht, beschreibt auf erstaunlich beflügelnde und erschreckende Weise eine Gesellschaft, in der Querdenker, Künstler und Gedankengutvisionäre ohne Vitamin B nur schwer Fuß fassen können. Die Macht des Geldes, der profitablen Beziehungen zur Oberschicht und deren Abgründen, sind Teil ihres Findungsprozesses. Sackgassen, Seifenblasen und Phasen voller Enttäuschung formen ihren Kampfgeist, ohne dabei fanatistisch zu werden.

Stets behält sie einen klaren Kopf, entwickelt einen guten Unternehmergeist und ein Feingefühl für die kapitalistische Welt, in der sie lebt. Molly Crabapple versteht es, wie man als Freidenker zwischen zwei Abseitswelten umherwandelt und sich dabei auf respektvolle Art all das zunutze macht, das einen weiterbringen kann. Als Molly Ende zwanzig durch ihren Bekanntheitsgrad von Ihren Arbeiten lebt, begreift sie, dass ihre Bilder stagnieren, einen reproduktiven Charakter bekommen haben. Durch den Kontakt zu einer befreundeten Journalistin in England, wird Molly ein Teil einer jungen Protestkultur und realisiert, dass sie in der Lage ist, mit ihrer Arbeit eine geistige Haltung zu repräsentieren. Die politischen Veränderungen und die Wandlung der Gesellschaft zum Kontrollstaat, lösen in ihr den Wunsch nach Partizipation aus. Ihre Arbeiten werden politisch, aktivistisch und führen nicht nur zu Verhaftung und Frustration über die Ereignisse, sondern auch zu einer enormen Energie, diese zu überwinden. 

Fortan schreibt sie Berichte, Artikel, zeichnet reale Geschehnisse aus persönlicher Überzeugung. Aus der wütenden, kleinen schwarzen Eule, die ihre eigene Unfähigkeit nicht duldet, wird im Verlauf des Buches ein wütender Phoenix, dessen Flügel genug Wind erzeugen, andere mit ihrem Schaffen zu berühren, mitzuziehen und zu inspirieren.
Hier findet Selbstfindung durch den inneren Trieb zur Kreativität, Idealismus und der Leidenschaft für eine weit unterschätzte Sprache, frei von Akustik statt. Dieses Buch ist eine spannende Reise durch und zu sich selbst, ein fortwährender Lernprozess. Die Autorin ist authentisch und ihre Erzählungen schockieren, beleben und regen zum Nachdenken an. Diese Geschichte vermag im Vergleich zu den großen Werken unserer literarischen Welt eine von vielen sein, die tagtäglich auf dieser Welt erzählt werden, aber sie lässt den Leser stärker zurück, als er es zuvor war. Ich wünschte mehr Menschen würden auf ihre Weise aus dem Alltäglichen die Magie herausholen, die es benötigt, um etwas zu verändern. Ein Mensch, dessen Charakter so stark ist, dass er die Konfrontation als Herausforderung sieht, wird immer die Verbindungen knüpfen die es benötigt, um an sein Ziel zu gelangen. Immer dort, wo die Sprache eine Barriere bildet und Worte nicht mehr greifen, bauen Musik und Kunst Brücken des Verständnisses. Molly Crabapple ist eine von diesen Brücken über dem East River und ich hoffe, sie trotzt noch lange den Fluten und dem Wetter um sich herum.

Drawing Blood ist ein mehr als empfehlenswertes Buch darüber, wie man vor allem mit Herzblut zeichnend, die Welt beeinflussen kann.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ist das Kunst oder kann das weg? - Demoscene

Vor ein paar Jahren habe ich bereits schon einmal über die Demoscene geschrieben und seitdem ein paar Partys besucht, die meine Begeisterung für diesen Kosmos der digitalen Kunst nur erweitert hat. Finally inside - Der Name einer wie ich finde, äußerst gelungenen Demo von STILL aus dem Jahr 2010. Eine was? Eine Demo. So nennt man kleine animierte "Filme", die nicht einfach ein Video sind, sondern eine Software. Sie errechnen sich beim Abspielen selbst und sind meist nur sehr klein. Wie klein, ist unterschiedlich. In den Kampfdisziplinen der Schönheitswettbewerbe stehen meist die 4K oder 64K Demos ganz weit oben, die können auch richtig was. Das ist Kunst und resultiert aus dem ewigen Drang des Menschen, die Lücke zu finden, die ein anderer nicht beachtet hat.

Die Demoszene ist das, was passiert, wenn aus Hackern und Crackern, Künstler und oder Aktivisten werden. Kunst ist Kunst, oder? In diesem Falle digital und anfänglich illegal. Zumindest im Ursprung, denn sie entstand als Hack-Gag, vor Jahrzehnten, als die Ära der Computerspiele gerade begonnen hatte. Die Leute waren Sportler außerhalb des Gesetzes, die Kunst ohne physikalische Interaktion geschaffen haben. So ein Satz aus der Moleman 2 - Doku über die Demoscene. Fachkundige waren sie, sozusagen Hacker der ersten Stunde, haben Spiele vervielfältigt, ihre Namen, Zeichen oder anderes in Spiele einprogrammiert und mit den selben Methoden, die auch die Spiele entstehen lassen, irgendwann kleine Kunstfilme gebaut. Hacken geht wie die Technik die es als Plattform nutzt, mit der Zeit und aus den Intros der PC- und Konsolenspielen wurde ein weltweites, politisches Phänomen. 

Sicherheit ist auf allen Ebenen unser großes Thema heute, sowohl unsere persönlichen Daten betreffend, als auch in politischer Hinsicht. Transformation der gesellschaftlichen und sozialen Mittelpunkte, digitale Kulturkollision. Auch wenn die Demoscene sich nicht auf politische Interaktion versteht, transportiert sie zeitweise doch eine Botschaft. Finally inside ist eine meiner Lieblingsdemos, wenn auch schon ein paar Jahre alt. Die Komposition aus Kamera- bzw. Bildführung, Musik und Thematik ist grandios. Der Überwachungswahn und das Spiel mit der Unsicherheit des Bürgers, der Regierung und der Unternehmen – die Angst vor dem faschistischen Polizeistaat ist bittere Realität. Im Vordergrund stehen jedoch Selbstinszenierung durch digitale Umsetzung einer mehrschichtigen Idee und der Spaß am Programmieren. Die Entstehung einer Demo ist ein kreativer Schaffensprozess, eine Entwicklung aus dem Wunsch nach Effizienz, Lösung technischer Probleme und der Umsetzung von kreativen Impulsen. Ohne Vorstellungskraft keine Story für die Demo und ohne Technik keine Plattform. Demos sind die Schnittstelle zwischen mathematischer Sprache und akustischer, sowie visueller Kunst. Die Kunst des Algorithmus. Zweidimensional, live und in Farbe. Meist. Vor allem mit Ton.

Dabei hat sich die Herangehensweise bei der Programmierung einer Demo in den letzten Jahren stark verändert. Im Vordergrund steht nicht mehr nur die Auslotung der technischen Grenzen, sondern der künstlerische Effekt. Die Technik erlaubt es uns heute, ungeahnte Möglichkeiten zur Erstellung von Grafiken zu nutzen. Demos bestechen durch viele Aspekte. Grafische Umsetzung, maximale Nutzung alter Plattformen wie dem C64 oder dem Amiga, oder die Übertragung einer Botschaft sind ein paar davon. Die Annäherung an die technischen Grenzen auf diesen Retrogeräten hat bisher keinen Aufmerksamkeitsverlust. Noch immer huldigen Gamer und Coder weltweit dieser antiken Epoche der Computergeschichte. Dieses ganz besondere Flair von 8Bit-Musik aus Nullen und Einsen und Ascii-Grafiken, verspürt man auch heute noch so präsent, wie damals. Aber prinzipiell ist das Ausgabemedium für die Fertige Demo, Musik oder Grafik nicht festgelegt. Im Zweifelsfall laufen diese Kunstwerke auch auf einem EC-Automaten oder einem Hochhaus.

Bordsteinprosa interpretiert ATW

Doch die Szene wird seiner Arbeitsweise gegenüber fortlaufend anspruchsvoller. Die Limits werden in ihren eigenen Disziplinen immer mehr ausgereizt, das Ziel ist gerade heute die verwendete Eingabesprache, weil sich die technischen Möglichkeiten ständig verbessern. Die Herausforderung ist noch immer der Effekt, ein Kunstwerk so spektakulär und effizient zu machen, wie möglich. Dabei ist die Szene ziemlich gesellig, erfreut sich an gemeinsamen Events, bei denen man sich oft zu Hunderten trifft, codet und am Ende mit seinen Werken in einem Wettbewerb über Leinwand an den Start geht. Diese Events nennt man Demopartys, sie sind so etwas wie die LAN-Partys der Computer-Kunstszene. hier wird nicht gezockt, sondern gebastelt. Menschen aus aller Welt treffen sich dort, bringen ihre Rechner mit und feiern, setzen Ideen um und tauschen sich aus. Schon lange sind diese Veranstaltungen nicht mehr nur für diejenigen interessant, die auch aktiv daran teilnehmen. 

Demopartys werden oft für die nichtanwesenden Interessenten live ins Netz gestreamt und sind Ausdruck von einem gemeinsamen Gefühl für diese Art von Kunst und bei weitem nicht mehr frauenfeindliche Kellerzone. Zwar ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern noch immer unausgeglichen, aber es werden ständig mehr Frauen, die coden, komponieren und Grafiken erstellen. Die bekanntesten deutschen Partys sind und waren seinerzeit unter anderem The Ultimate Meeting (tUM), die letztes Jahr pausiert hat und ersatzweise von der Demogroup ATW (Attentionwhore) unter dem Namen Under Construction in Gernsheim angeboten wurde. Weiterhin gab es lange die mit etwa eintausend Gästen größte Veranstaltung in Bingen am Rhein, die sich Breakpoint nannte. 2011 wurde der bedauerliche Wegfall der Breakpoint mit der Revision Easter Party in Saarbrücken aufgefangen. Last but noch least gibt es in Deutschland die großartige Evoke in Köln.

2010 war diese die erste Demoparty, die ich in meinem Leben besucht habe. Dieses Erlebnis hat meine Sichtweise über Kellerkinder und Colaglasbrillen - Nerds maßgeblich verändert. Zum ersten Mal habe ich damals nach einer Menge guten und albernen Gespräche über Musik, Kunst und Alkohol, unter dem Tisch und neben den Rechnern, auf der Isomatte geschlafen. Als Frau, die zwar mit dem PC Musik macht, aber nicht dessen Sprache spricht, war das für mich äußerst lehrreich. In meinem Freundeskreis gab es die Coder, Nerds und Technikfreaks schon immer und als mir J.A.K. (ATW) 2008 eine Demo am PC gezeigt und deren Funktion erklärt hat, war ich sofort begeistert. 

Nach der Evoke zwei Jahre später, war ich überrascht von der Offenheit dieser Leute, denen man direkt beim Arbeiten zusehen kann. Diese Mischung aus Schlaf- und Arbeitszone, Alkoholabsturz auf Elektromusik und interkulturellem Austausch von Wissen und Ideen, hat mich unglaublich begeistert. Die Menschen in dieser Szene haben ihren ganz eigenen Humor, ihren ganz eigenen Respekt voreinander und sind alles nur nicht sozial unfähig. Dass diese Szene nicht in einer Form honoriert wird, die sie wachsen lässt und die Arbeit sich selbst tragen kann, ist für mich unverständlich. Hierbei handelt es sich um Kunst, die unsere Welt wahrscheinlich genauso verändern wird, wie all die klassischen Formen, die wir bereits benutzen, um uns kulturell zu verständigen.

Das digitale Zeitalter ist in der Kunstszene ein relativ neuer Stern am Himmel und wird sich meiner Meinung nach auch in den kommenden Jahren weiter durchsetzen. Mich beschäftigt ja schon seit langem die Frage nach dem Grund für die Umsetzung einer Idee. Kreativität ist auch hier ein Trieb, der sich nicht darum kümmert, ob er einen ultimativen Sinn erfüllt. Es ist das Schaffen an sich, das einen dazu bringt, die Grenzen des technisch Machbaren in einen visuellen Kontext zu setzen. Was dabei alles möglich ist, wird einem bewusst, wenn man sich mal so eine Demo ansieht. Die Menge an Informationen, die in ein 4 oder 64 Kilobyte große Datei reinpasst, ist enorm. Zum Vergleich kann man sich dazu mal die Größe einer Datei verinnerlichen, der wir tagtäglich begegnen. Eine MP3, ein Schriftdokument, ein Bild. Konkret bedeuten 4Kilobyte Datenmenge etwa eine Seite Text. Eine Demo schafft es in genau diesem Umfang komplexe Darstellungen, Animationen und Musik darzustellen. Erweitert man diesen Faktor auf 64 Kilobyte, erhält man auch gerade nur einen Bruchteil einer Mp3. Wie also passen all diese Infos in so eine winzige Datei? Die Antwort ist der der Code, der es ermöglicht, Informationen maximal zu komprimieren.



 Kleiner Gedankenaustausch mit ./neuralNET von ATW

Pic by Ray Montag // Gothsick.de

Bordsteinprosa: Wie bist du zu dieser Szene gekommen?

./neuralNET: Mit Zehn oder so, kam ich in den Besitz einer CD mit haufenweise FLI Animationen und ein paar demos von Future Crew und andern Groups. Die naechsten Zehn Jahre habe ich damit verbracht Mod files zu hoeren (pre-mp3 Musikformat der Scene, aber nicht wie mp3) und Demos zu schauen, sofern ich sie in die FInger bekam. Irgendwann 2004/5 habe ich dann auf einer Website die Breakpoint Invitation gefunden und dachte mir: jetzt geh ich endlich mal dahin. Bin dann auch prompt mit einem Freund, nthnl Samstag morgens gegen 9 in der Halle aufgeschlagen, wo wir mit Happy Hardcore und angenehmer Noch wach, grade am Aufstehen, whateverthefuck-Stimmung empfangen wurden. Seitdem war ich auf jeder Breakpoint, Revision und tUM. Und mittlerweile Mitorganisator von Revision und tUM/Under-Construction.

B: Was sind das für Leute, die sich in der Demoszene zuhause fühlen, sie aktiv gestalten und weiterentwickeln?

./n: Menschen.

B: Leider wird diese Art von Kunst nicht wirklich finanziell gefördert. Dabei sind sie bereits seit vielen Jahren auf den großen Nachrichtenportalen wie Heise vertreten. Wie finanzieren sich denn solche Events?

./n: Soweit ich weiß, sponsoren Hardwarehersteller wie Intel, AMD, NVIDIA diverse Partys, dann gibt es den digitale Kultur ev.

B: Lernt man das irgendwo?

./n: Das Demo-scenen? Ich denke das lernt man dadurch etwas erschaffen zu wollen. Wenn man dann noch den Wahnsinn einer Demoparty erlebt, einfach nur auf Pouet rumhängt und demos schaut, oder im irc-channel mitliest, kriegt man ne gute Einführung. Aber am besten ist es denke ich auf ne Party zu gehen, Seminare zu besuchen, oder mit andern Scenern rumzuhängen und sich auszutauschen. Your mileage may vary.

B: Was macht den Reiz aus, solche Kunstwerke zu erschaffen?

./n: Also für meinen Teil denke ich, dass es Spaß macht, andere zu beeindrucken, oder ihnen eine coole Achterbahnfahrt der Empfindungen zu verpassen. Evtl. sogar anzuecken um den Denkapparat wachzurütteln, oder Leute aus der Comfortzone zu holen.

B: Was ist deine persönliche Lieblingskategorie in der Computerkunst?

./n: Wild.

B: Du komponierst selbst Musik für die Szene, wie siehst du die Entwicklung in der Szene, hat das kommerziellen Anspruch?

./n: Ich verweise mal auf "Diskoschlampe" von Akustikrausch das man als Jamba-Klingelton erwerben kann ;) haha - nein, also ich muss sagen, dass die Qualität der Tracks in Streamed meistens definitiv kommerziellen Status haben könnte, sofern der Author das denn vermarkten möchte. Da ist doch recht hohes Niveau anzutreffen.


B: Ihr habt im letzten Jahr als Group ein völlig neues Event auf die Beine gestellt, das in die Erwartungshaltung einer Weltbekannte Party getreten ist. Wie ist das gelaufen?


./n: Also bis auf dass die Gäste durch diverse Schneeattacken daran gehindert wurden zur Party zu kommen, lief alles besser als erwartet. Es war doch recht gemütlich.

B: Was für eine Organisationsstruktur steckt hinter so einem Event und wie finanziert sich so etwas?

./n: Es gibt einen Main Orga, dann jeweils Orgas für die restlichen Bereiche.
Finanzierung: Privat, Sponsoren.

B: An was arbeitest du / Ihr im Moment?

./n: Meiner eigenen Cybersecurityfirma ;P

B: Du warst früher starker Raucher und Kaffeekonsument. Vor einiger Zeit hast du aufgehört zu Rauchen, geht das mit deiner Kreativität noch klar?

./n: Seit ich nicht mehr rauche, hab ich mehr Zeit für kontinuierlichen Fokus. Also ich habe so gesehen "mehr" Kreativität am Stück, da ich nicht mehr vor die Tür rauchen gehe, wenn ich grad mitten im Track bin.

B: Drink, code, dance, repeat. Die nächste Demoparty die ansteht ist?


./n: Under Construction Ende des Jahres.
http://under-construction.tum-party.net



Neugierig geworden? Wer sich gerne mehr in dieses Thema reinfinden möchte, sollte sich folgende Seiten und Demos einmal ansehen:

Wrath - Matt Current

5 Finger Discount - Shitfaced Clowns

Chaos Theory - Conspiracy

Scottie - nonoil & SystemK

Error23 - Resource & The Dreams

Syntax Infinity - Tulou & Traktor 


Pouet.net
Slengpung.com



Dienstag, 1. Dezember 2015

Weltaidstag

Immer wenn ich Panik bekomme, weil mein Körper mir unbekannte Macken hat, denke ich daran. Der liebevoll boshafte geistige Auswurf "Aidskrebs", der einem die Nacht und die innere Ruhe raubt. Dabei ist er gar nicht so weit her geholt. Jeder kennt bestimmt mindestens einen, der das eine oder das andere hat. Auch, wenn Krebs wesentlich wahrscheinlicher und offensichtlicher im Umfeld kursiert. Ja, wir können nicht all unsere Probleme weg ignorieren, aber in kleinen Stufen ein großes Ganzes ergeben. Dieser Tag ist ein Anflug von Wohltätigkeitssinn für die, die es nicht haben, aber sich dadurch bedroht fühlen oder einen kennen, der es hat. Ignoranz von denen, die sich sicher fühlen und lieber was anderes lesen. Bedrohlich für die, die sich nicht sicher sind, ob sie es vielleicht haben. Aber wie so oft ist es schwer, sich in einem sinnvollen Maß mit den Katastrophen auseinanderzusetzen. Verzweifeln nein, trauern und daraus lernen, vielleicht etwas verbessern ja. Forschung betreiben, vorausschauend handeln und lernen, Vertuschung von einer Farce zu unterscheiden. 

Vielleicht ist das in der heutigen Zeit der medialen Überflutung einfach auch kaum mehr möglich. Zu viele Meinungen und zu wenig Bauchgefühl. Aber wen wundert's, in einer Welt, in der Bäuche mittels Fitnesscenter und Photoshop auf ein lebensfeindliches null-Fett-Maß runter reduziert gewünscht werden. Eine noch immer nicht heilbare Seuche kursiert um die Welt, frei von kulturellen, politischen und sozialen Barrieren. Fast. Interkulturelle Sozialkompetenz hilft dabei, die Vorurteile und die Ansteckung zu verringern. Verringern. Ist auf jeden Fall realistischer als ausrotten. Dabei denke ich an den Bericht über dieses Mädchen, das von Geburt an positiv ist und ihr Weg zum Erwachsenwerden. Viele Gründe, viele Schicksale. Nicht nur dort, sondern auch in Krisengebieten, im Altersheim, im Flüchtlingslager und in den Wohnzimmern, Hängematten und Hinterhöfen dieser Welt. Vergewaltigungen in Indien, Skandale in Politik und Wirtschaft. 

Missstände überall. Und dabei soll man noch die Kraft aufbringen, sich auf das Leben zu konzentrieren, sich daran zu erfreuen und möglichst in der Gesellschaft zu funktionieren. Dann wird man noch gefragt, wieso man den Zynismus nicht abstellen kann und rollt mit den Augen. Einfach so halt. Nachrichten nerven, Schule nervt, Job nervt... Mannigfaltig und Weihnachten steht ja auch noch vor der Tür. Alljährliches Familienzusammenführungsroulette. Wer wird dieses Jahr die Feier mit einem unangebrachten Spruch sprengen? Ganz ehrlich? Ich freue mich darauf, weil ich es dieses Jahr nicht erleben werde. Dieses Jahr werde ich mein allererstes, zweisames und veganes Experimentweihnachten feiern. Ohne Braten, ohne Familie, nur mit meiner besten Freundin, die vegan lebt. Weil Essen ein wichtiger Teil unsere Feierkultur ist, werde ich mich dieses Jahr komplett von den Selbstverständlichkeiten entreizen. Aus Prinzip, denn ich bin ein meist empathisches, soziales Wesen. Wenn ich in einem veganen Haushalt eingeladen bin, bringe ich kein Steak mit. Auch nicht wenn ich wie jedes Jahr nicht irgendeinem vielleicht existenten Messias huldigen werde, der schon lange durch seine ganz eigene Kapitalismusindustrie ersetzt wurde. Weihnachtsmann von Cola vs. Christkind. Egal, Hauptsache einer bringt das, was auf dem Wunschzettel steht. 

Zumindest für den Großteil der Bevölkerung, denke ich. Dabei erfreue ich mich an der Einstellung meines iranischen Bekannten, der Weihnachten feiert. Nicht wegen dem Jesusding, sondern weil er sagt, jedes Fest hat einen Reiz, wenn dabei Menschen zusammenkommen und sich freuen. Top! Ich werde demnächst auch alle Kulturfeste feiern, bei denen es gutes Essen und Musik gibt und ich nicht wegen einem Dress-fail rausgeworfen werde. Im Übrigen feiere ich dieses Jahr Weihnachten ausnahmsweise nicht am 24., sondern am 25., weil sie Engländerin ist. Die Zeit zwischen den Jahren werde ich nutzen, um mich mit der Frage nach dem Wesentlichen in mir und dem Jahresrückblick zu befassen. Viele Ideen, Worte und Erkenntnisse haben dieses Jahr mein Leben bereichert, erschwert und verändert. Ohne all dieses Chaos und die Geschehnisse, gäbe es nichts zu reflektieren. Keinen Input, um nach der besseren Lösung zu suchen. Inspiration, Kreativität und große Emotionen, die wir uns wünschen und verdammen, schenken können und für immer mit uns rum tragen. All das kommt von außen und wäre ohne all die Nachrichten nicht greifbar. An dieser Stelle möchte ich aus ganz persönlicher Sicht einfach all denen Danken, die aus Überzeugung dazu beitragen, dass die Welt voller Informationen ist. Vielen Dank liebe Blogger, Forscher, Journalisten, Aktivisten, Politiker und Unternehmen, deren Denken und Handeln unsere Welt mit Inhalten füllen.

Kommukation ist die einzige Waffe, die ich dulde.