Sonntag, 24. Januar 2016

Schneesturm - eine Beobachtung

Mein Blick verfolgt ihr eisiges Lächeln, gleich klammert sie sich an die einzige verbleibende Scholle, die sie greifen kann. Verloren ist sie, wie so viele Andere auch. In einem Meer aus Erlebnissen, Erfahrungen und Fehlentscheidungen. Die Kälte zieht angenehm in ihren Kopf ein, erfüllt ihren Horizont mit dem beruhigenden Gefühl, dass sie ihr Leben liebt. Das Leben, das ihr alle Möglichkeiten geschenkt hat. Ein super Gehalt, den Zugang zur Bildung, den Spaß am Arbeiten und Feiern. Vor allem viel davon. Von beidem. 

Das Leben ist zum verfeiern da, sagt sie sich immer. Irgendwann ist es vorbei und man nimmt nichts mit, außer den Erinnerungen an eine großartige Zeit zwischen Erfolg, Erfüllung und Druckbetankung mit Nuttendiesel. Ganzjähriger Winter herrscht in ihrem Leben. So viel wie es in ihrer Nase schneit, hat sie schon lange mit dem Frieren aufgehört. Zu tot um irgendwas zu empfinden. Aber so oder so mag sie die Wärme nicht, denn die kann einen schnell verbrennen. Mit der Wahrheit über das Wesen der Menschen, die ausschließlich ihren eigenen Weg verfolgen und Andere als Wegzehrung konsumieren. Manchmal reicht es nicht einmal für den Mülleimer, man landet leer und benutzt auf dem Boden und keiner kommt, um einen wieder aufzuheben. Kaum einer füllt Einwegflaschen wieder auf, aber so ist das eben wenn man eine Flasche ist. Die einzigen Flaschen mit Wert sind die mit den seltsamen Namen drauf, meist hunderte oder tausende Euro jede einzelne davon. Aber auch die sind irgendwann leer und ein Fall für den Altglascontainer. Da landen auch die zerbrochenen Seelenspiegel derer, denen das Leben einen so derben Faustschlag verpasst hat, dass sie sich selbst nicht mehr zusammenkitten können. 

Es heult sich leider nur schöner im Ferrari als auf dem Fahrrad, auch wenn die Komplexe dieselben sind. Die Einen ersetzen sie mit Hass, Neurosen, Hilflosigkeit oder Stille und die Anderen eben mit dem weißen Gottkomplex, wahlweise auch mit alledem. Reich ist man am Ende nicht an Geld oder leeren Illusionen, nur an Lebensfreude und der Erkenntnis, dass alles nur geliehen Ist. 

Keine Erstattung, nur Umbuchung - Ein Gedicht zum Sonntag



Hab meine eigene Reise umgebucht, Schluss damit. Zu lange das Ziel gesucht.

Am Ende dreht man sich doch nur im Kreis, zu einem viel zu hohen Preis.

Abheben, durchdrehen, abgeben, drüber weg sehen.

Ich will dich umarmen, mein Leben, dir all meinen Optimismus geben.

Schenkst du mir noch mehr Zeit? Ich bin nun zu einem Aufbruch bereit.

Ich würde gern mein Tempo verändern, zugleich rennen und durch deine Felder schlendern.

Dabei die Aussicht genießen und übers Ziel hinausschießen.

Will mich an deinem Fluss betrinken und in meiner Seele versinken.

Du leihst mir dein Herz und ich nehme es an, weil ich ohne den Beat nicht leben kann.

Manchmal muss man den langen Weg gehen, um sich am Ende des Horizonts selbst zu sehen.







Samstag, 9. Januar 2016

Wort zum Sonntag - Ein zeitgenössisches Gedicht

Die Achse des Bösen expandiert,
Während das Volk ekstatisch die Medien seziert.

Der Premier lobt, der Mob tobt,
Diskussionen über ein Versammlungsverbot.

Die Täter in Köln waren wohl keine Weißen,
Sofort müssen wir uns über Recht und Unrecht das Maul zerreißen.

Konfrontation bei der Demonstration,
Verhungernde Kinder, wen juckt das jetzt schon.

Hunderttausende kommen hier her in Booten,
Ihre Kultur und Religion hätten viele gern verboten.

Integration und Aversion,
So nah beieinander wie Arbeit und Lohn.

Unsicherheit, Angst und Hass,
Selten war die Stimmung in Deutschland so krass.

Eine öffentliche Stelle überschreitet die Schwelle,
Erntet Spott und Hohn für den unverzeihlichen Ton.

Kennst du einen, kennst du alle,
Rufen viele von Köln über Dresden nach Halle.

Ungefiltert liest sich die Meinung derer,
Toleranzverweigerer, Allgemeinbeschwerer.

Die Optionen sind keine und doch stellen sie sich zur Schau,
Verallgemeinern Job- und Frauenklau.

Es schert sich kaum einer um den deutschen Nächsten,
Uns fehlt es massiv an aufrichtigen Gesten.

Doch keiner will das wahre Problem benennen,
In das wir uns offensichtlich verrennen.

Wir fürchten den Verlust der Tradition,
Gleichzeitig fragen wir uns, wer sind wir denn schon?

Der demografische Wandel stand nie still,
Auch wenn das die Mehrheit nicht hören will.

Nur zur WM ist der Stolz gerngesehen,
Da kann Deutschland sich selbst mal so richtig feiern gehen.

Kultur im Wandel, was macht uns Deutsche aus?
Alle lieben Döner, doch die Türken sollen raus.

Anscheinend wissen wir noch immer nicht wer wir sind,
Die gebrochene Nation Deutschland ist allem Fremden skeptisch gesinnt.

Dabei könnten wir so viel von Anderen profitieren,
Anstatt wieder mit dem rechten Arm zu gestikulieren.

Noch immer sind wir nur auf unseren Vorteil bedacht,
Obwohl es überall sonst schon lange kracht.

Im Vergleich zu vielen Anderen geht es uns noch gut,
Das Ausmaß gemessen am Ganzen, ist sinnfreie Wut.

Es muss sich was ändern, keine Frage,
Aber Hass und Verachtung ändern nirgends die Lage.

Zu lange wurden Probleme einfach verdrängt,
Wir wundern uns nun, dass es in den Ghettos klemmt.

Einen schlechteren Zeitpunkt könnte es auch nicht geben,
Hitlers Hetzlektüre wieder zu beleben.

Aber Wortmüll kommt auch aus den vereinigten Staaten,
Von frauenfeindlichen, rassistischen Schwachmaten.

In jedem Land gibt es nunmal Verbrecher,
Vergewaltiger, Räuber und Messerstecher.

Von vornherein verurteilen wir gern jeden Fremden,
Anstatt unsere eigenen Problemfälle in den Knast zu senden.

Es ist nicht leicht, sich aus der Affäre zu ziehen,
Die Situation zieht Kreise weit hinaus über Berlin.

Leider denken Viele nur noch schwarzweiß,
Das dazwischen interessiert doch fast Jeden 'nen Scheiß.

Viel zu oft lese ich nur dafür oder dagegen,
Ein bisschen weniger extrem wäre ein Segen.

Erst denken, dann sprechen und sich im Klaren sein,
Es ist nicht lange her, da war jeder Deutsche woanders ein Nazischwein.

Unsere Gesellschaft ist träge, will sich ungern verändern,
Unaufhaltsam naht trotzdem die Welle aus anderen Ländern.

Es ist an der Zeit den Verstand zu benutzen,
Anstatt sich wieder auf falsche Werte zu stützen.

Deutschland, was ist aus deinem Potential geworden?
Made in Germany steht heute für ein unsicheres Morgen.



Mittwoch, 6. Januar 2016

Die Ratten betreten das sinkende Schiff - Gedankensport bei der Titanic Dath WM 2016 im Club Voltaire

Es ist kurz nach sieben am Abend des mit verwerflichem Humor geschwängerten fünften Januar. Ein Dienstag. Dienstage sind, wie ich finde, gute Tage für unanfechtbar ernste Angelegenheiten, in deren Dienst, wie der Name schon sagt, wir alle stehen sollten. Heute im Programm: freudiges Abtauchen in die Tiefen des schwarzen Humors mit dem Titanic Magazin und einer Gedankensporteinlage von Dietmar Dath in eigener Disziplin. Voltaire sagt: „Du. Kommst. Nicht. Mehr. Rein. Außer du hast vorreserviert.“ Freudestrahlend zeige ich auf meinen Namen auf der Liste und zahle den Zoll für die nahende, geistige Verwirrung. Verzeihung - Bereicherung.

Ich zeichne bereits weit vor Beginn der Veranstaltung und beobachte dabei mein Umfeld. Nerdbrillen-bunte-Halbglatzen-Einhornpublikum. Sozusagen der Ponyclub der Satire, die Leichtigkeit des Verneinens. Dabei hatte ich die Hoffnung auf einen Smombiefreien Abend – Leider reicht ein Kellerbalken auf Edge noch aus, um zu whatsappen. Twitter, mein untreuer Seelenknechter, hat mich bereits verlassen.

Smombiemode on


Es wird voll. Sehr voll. Roter Kuschelkurs und auf 12:00 Uhr betritt das sinkende Schiff unserer unterhaltsamen Erlösung die Bühne. Untermalt mit der eingängigen und braunflauschigen Achtzigerjahremelodie aus meiner unbeschwerten Kindheit. Die Titanic ist nah am Leser und am Volk, immer wieder besticht sie durch die Herausgabe brisanter Informationen, akkurat recherchiert und formuliert. So erfreuen wir uns bereits zu Beginn an der liebevollen Frage, ob zwischen Helene und dem Führer was geht. Bereits bei den Leserkommentaren zur Letzten Titelstory, verläuft mir die Schminke beim Lachen. Die bald darauf folgende Leserfrage, ob sich die Titanic trauen wird, Mohammedwitze zu reißen, bleibt leider offen. Eines meiner persönlichen Highlights, ist der bildliche Jahresrückblick. Ein Kackhäufchen auf der Fifa, dem Eiffelturm ... Äußerst liebevoll gestaltet und in wahrheitsgetreuer Scharfsinnigkeit zusammengestellt. Das nächste große Ereignis am heutigen Abend ist der Attentatort mit Til Schweiger alias Nick Tripper, der zweimal undercover den Kiez aufgeräumt hat und alles im Alleinganz zu erledigen vermag. Double, Regie, Catering by Til Schweiger. Der Attentatort besticht durch ausgefeilte Dialoge und ein bildgewaltiges Szenenbild.

Auszug:


Ich knall mich im Uhrzeigersinn durch dein Organigramm.
Explosion der roten Eichel.
Sackbombe. Eiersalat.
Sexy Unterdrückung.
Ich spreng mir die Welt, wie sie Allah gefällt.
Wahahahabitischer Islam.


Es folgt der Jahresrückblick der liegengebliebenen Meldungen. Die reizüberfluteten Franzmänner haben dabei eine Germanwingsmaschine abgeschossen und die Damen Ferres, Furtwängler und Wulff sind jetzt nach ihrem Brüstetausch wohl Breast friends forever. Bereits jetzt ist die Stimmung hier maximalheiter und rotwolkig, der nahende Dritte Weltkrieg und seine düsteren Vorboten verpuffen im Äther. Das nächste Thema behandelt die Technikseuche des letzten Jahres, Selfiesticks. Frei nach Karl Lagerfeld: Die Armleuchterverlängerung des kleinen Mannes. Der krönende Abschluss findet sich in der traurigen Berichterstattung über zwei Krankenschwestern des Wolfgang Joop-Klinikums, die sich totgelacht haben. Der Grund hier für gestaltet sich tragisch: Der dafür verantwortliche Patient wurde mit einem Selfiesticksexunfall eingeliefert, bei dem der Versuch, sich die professionelle Darmspiegelung zu sparen, leider missglückte.

Weiter geht es mit praktischen Tipps zur Verhütung von islamistischen Zwischenfällen. Um den Attentätern den Showroom für ihre bombastische Darbietung zu verhageln, schlägt das vertrauensürdige Magazin vor, man könne Massenveranstaltungen verhindern, indem man die Besuchermassen auf Randsportarten verteilt. Basketball oder Handball zum Beispiel, die Ultras könnten da auch mal vorbeischauen. Somit hätten Islamisten nicht mehr genug Publikum bei einer einzigen Veranstaltung. Optional könne man auch Islamistenattrappen aufstellen und oder das Fußballstadion per Knopfdruck zur Moschee umfunktionieren. Der darauf einsetzende Gebetsruf würde die Attentäter somit Handlungsunfähig machen, durch ihre Gebetspflicht in die Knie zwingen.

Nach diesem äußerst vielversprechendem Programm an Vorschlägen, folgt der sportliche Teil des Abends. Gedankensport. Dazu sind wir ja erschienen, denn wir sind Zeuge der diesjährigen Dath WM, bei der der Meister Dietmar Dath selbst antreten wird. Gleich zu Beginn seiner ersten Runde stellt er klar, dass er bereits vor 25 Jahren bei der Titanic angeheuert hat und seitdem immer weiter runter gereicht wurde, sodass er jetzt im Gallus versauert. Desweiteren stellt er fest, dass man früher Freunde ans Internat verloren hat, jetzt sei das das Internet. Es folgen Erinnerungen an die Kindheit, den Sprachlaut der preußischen Oma "Fäige Merrrder" und die wohl einzig verbliebene Option eines linkischen Schreibers: Akif Pirinçci.

Pause.

Nach der Pause erfreuen wir Zuhörer uns an einem rechtsradikalen, zeitgenössischen Gedicht mit dem Titel “Refugees welcome” und einer wundervollen Büttenrede. Dietmar Dath bereichert wieder den Abend und liest mit 1000 wpm (words per minute) seine Gedanken vor, ohne Punkt und Komma, aber akkurat und scharf wie eine Rasierklinge. Unverrostet. Dabei geht es um den Suhrkampbandnachbarn Enzensberger. Tausendsassa. Siegfried Lenz und den bereits viel zu lange nicht erwähnten Joachim Gauck. Der Name Gauck irritiere Dath, vernehmen wir. Gauck – das klingt nach Krankheit. Nierengauck. Oder nach einer alten Maßeinheit. Ein Gauck Mehl. Der Kantenkieferbrüllnacken Gauck habe im Gegensatz zu Angela Merkel aber zwei entscheidende Vorteile, denn er kenne zum einen die Stasiakten auswendig und rückwärts und zum anderen habe er einen Penis. Und Hoden. Zwei sogar, immerhin einer mehr als Hitler. Den Abschluss des grandiosen Einblicks in Dietmar Daths Gedankenwelt bilden das Thema erotische Konkurrenzfähigkeit und Kinder. Grenzwertig aber genial und als Vorbote auf die darauffolgende Erörterung der Frage nach einer tatsächlichen, rechtsradikalen Absicht hinter Angriffen auf Ausländer, auch effektiv. (Vielleicht verstecke sich auch nur eine false flag Aktion der Linken dahinter)

Titanic, das sei das mutigste Magazin zwischen Offenbach und Oberursel, heißt es danach und auch die Prognose auf 2016 und seine Meldungen, sowie Geschichte der Dammhirsche und der Neunaugen erfreut noch einmal zum Anschluss das schwarze Herz.


Titanic Dath WM - Club Voltaire. Mainhattan, 05.01.2016
Es war ein herzlich-schmerzlich erfrischender und tiefschwarzer Abend im Club Voltaire und hat zumindest bei mir ein entspanntes und zustimmendes Nicken über den groß angelegten Untergang unserer Gesellschaft verursacht. Volle Fahrt Voraus.

Anmerkung:

Rohrbruch an der Club Mate Bar.
Au, au, fuck, doppelfuck, wie das zwiebelt.



Vielen Dank an die Titanic und ihre Besatzung:


Tim Wolff
Torsten Gaitzsch
Moritz Hürtgen
Elias Hauck
Leonard Riegel

Dietmar Dath

Montag, 4. Januar 2016

Zu Tisch mit Tifet. Gemeinsam anders sein – Autismus light und die Frage nach Inklusion

Rucula schmeckt braun. Zumindest für Tifet, denn sie hat auch synästhetische Züge, wie ich. Tifet und ich kennen uns schon 22 Jahren. Wir sind Grundschulleidensgenossinnen gewesen und verstehen uns auch heute noch fast blind. Das was uns verbindet, ist unsere Neurodiversität. Sie bekam irgendwann Aspergers diagnostiziert und ich Synästhesie. Ob ich nicht eigentlich auch Aspergers habe, wurde nie geklärt. Wir sitzen gemeinsam in meiner Küche rum und brunchen, zum Glück wohne ich wieder nur eine Straße von ihr entfernt und wir sehen uns wieder häufiger. Ich kann mich nicht daran entsinnen, auch nur ein einziges Mal eine bessere Erinnerung an ein weit zurück liegendes Ereignis zu haben, als sie. Und mein Gedächtnis für unsinnigen Kram ist schon hervorragend.

Tifet erzählt mir, wie sie damals von unserem Dorfgymnasium an die ISF kam. Eine Schule, die auf Englisch unterrichtet. Eine Schule, die eine Menge Geld kostet und auf die die ganzen Managersöhne und -töchter gehen. Auch jetzt noch. Damals verbrachte sie einen Sommer dort in einer Art Ferienspiele und weil sie sich dort gut integrierte, meldeten ihre Eltern sie dort an. Am Anfang war sie froh, dem Tischnachbar auf Englisch sagen zu können, dass er einen Stift hat fallen lassen. Innerhalb eines Jahres beherrschte Tifet die Englische Sprache so perfekt, dass sie als Muttersprachlerin eingestuft wurde und sogar ein Stipendium bekam. Von da an veränderte sich vieles in ihrem Leben.

Eine gründliche Einschätzung des Chefarztes für Kinderpsychologie in Frankfurt an der Uniklinik, führte zur Medikamentengabe und der Diagnose Aspergers. Ritalin. Etwas anderes gab es damals noch nicht wirklich und der Arzt nahm sich viel Zeit, um die Risiken abzuwägen. Heute ist das anders. Es wird viel zu oft und viel zu leichtsinnig Zeug verschrieben, das vor allem Kindern massiv schaden kann. Erschreckender weise kenne ich ein paar Leute in meinem Alter, die im selben Zeitraum (sehr früh, Grundschulalter und kurz darauf) Ritalin bekommen haben und irgendwie haben alle ab und an denselben, seltsamen Redeverzug. Es ist wie ein Rhythmus im Sprechen, kein Stottern. Eher ein langgezogener Takt. Vor ein paar Monaten habe ich ein Gespräch mit Tandrin gehabt, der sagte, dass er als Kind einfach aufgedreht und nicht ausgelastet war. Bis heute glaubt er, dass er Ritalin nicht gebraucht hätte und es ihn in seiner Entwicklung verändert hat.

Aber dank den Medikamenten gelang es Tifet damals weitestgehend ohne Nebenwirkungen, sich wesentlich besser zu konzentrieren. Sie war weniger hibbelig und lernte mit der Zeit, Gesichtsausdrücke und Ironie besser zu lesen. Es folgten andere Präparate, manche mehr und manche weniger sinnvoll. Heute nimmt sie Concerta und kommt auch mal gut ohne aus. Ich erinnere mich an Phasen, in denen Tifet depressiv, antriebslos und matt war. Definitiv eine Folge falscher Medikamentengabe. Die einzige bedrohliche Situation, die ich mit ihr erlebt habe, war ein epileptischer Anfall. Der kam unangekündigt nach einem Festival mit Liebeskummer, Alkohol und Schlafmangel. Diese Kombi hat einen Kurzschluss in ihrem Kopf ausgelöst. Der einzige bisher. Bei Tifet und ihrem Kopf wundert mich allerdings gar nichts, denn sie denkt so schnell, dass ihr kaum einer folgen kann. 

Ich kenne das schon. Nur weil ich ein ähnlich verdrehtes Gehirn habe, kann ich ihren Dekaden-umfassenden Gedankensprüngen meist folgen. Dabei kann sie auf Erinnerungen zurückgreifen, die die meisten anderen Menschen schon längst nicht mehr auf dem Schirm hätten. Winzige Details und Bruchstücke, Farben, Gerüche und Geräusche lösen sowohl in ihr, als auch in mir Erinnerungen aus, die völlig unwichtig zu sein scheinen. Für uns machen sie Sinn und sie prägen auch unser aktuelles Handeln immer mit einer Absicht.

Tifet

Tifet sagt, sie kennt fast nur Aspergers-Leidensgenossen, die ebenfalls so einen hohen IQ haben, wie sie. Dabei kann sie gar nicht alles gut, sondern am besten den Bezug zwischen Praxis und Formel herstellen. Kreatives, Handwerk und Sprachen sind ihr Ding. Deshalb hat sie auch nach dem Abi viele Jahre rum probiert, bis sie letztendlich im Senckenberg-Museum gelandet ist. Derzeit macht sie dort ihre Ausbildung zur technischen Assistentin für naturkundliche Museen und Forschungseinrichtungen. Davor war sie auf einer Odyssee. Studium für Germanistik und Anglistik, Archäologie, Japanologie, Kunststofftechnik, Praktika als Restaurationschreinerin und als Buchbinderin. Das wäre auch was gewesen, sagt sie. Aber sie hätte vier Semester warten müssen. Archivkunde in Marburg wäre eine Option gewesen, aber dann kam die Zusage für die Ausbildung in Frankfurt. Ob ihr nicht der Kopf platzt bei dem Denktempo, will ich wissen. Sie lacht. Ne, sagt sie, da sei noch Platz für Niederländisch oder Finnisch oder sowas. Ich beneide sie um ihre brutal große Auffassungsgabe. Was sie einmal gelernt hat, bleibt in ihrem Gedankenknast drinnen.
 

Tifets andauernder Basteldrang live und in Farbe. WGT 2009.

"Stell dir mal vor, ich wäre Lehrerin geworden, Herrjemine, Katastrophe", wirft sie ein. Ja, gut, dass sie das mit der Germanistik nicht beendet hat. Egal wo sie ist, sie bastelt und pfriemelt immer irgendwas und am Ende des Tages hat sie was Produktives geleistet. Und wenn es nur ein Dampfschiff aus Flyern auf einem Festival ist. Zum letzten Geburtstag hat sie mir Zucker in Totenkopf-Förmchen gepresst und mir eine Flasche Absinth dazu geschenkt. Top. Ich verstehe aber trotzdem, wenn andere sagen, dass Tifet anstrengend ist. Sie ist eben nicht wie der Durchschnitt. Ihre Stimme ist so hoch wie die von Verena Pooth und ihre gesprochene Anschlagsstärke ist bestimmt 500 words per minute. Aber 500 words mit Inhalt. 

Ich habe über die vielen Jahre gelernt, wie ich ihr sagen kann, etwas runterzuschrauben. Das ist das, was Menschen mit autistischen Verhaltensmustern oft brauchen. Klare Anweisungen und einen roten Faden, an dem sie sich orientieren können. Ein gutes Beispiel für sowohl mich als auch sie, ist das Thema Zeitmanagement. Wenn sich spontan eine Planänderung ergibt, kann das schon mal unverhofft zu einem Heulanfall eskalieren, weil wir emotional vor einer Wand stehen. Andere würden drum herum laufen, wir bleiben wie hypnotisiert vor dieser Wand stehen. Lange. Irgendwann ergibt sich eine Lösung, aber plötzlich eintretende Veränderungen sind für uns oft ein Problem. Und das hat nichts mit genereller Flexibilität zu tun, sondern mit dem Wegfall einer Orientierung. Wir planen selten ein B mit ein, weil unser Kopf zu voll ist, um sich mit Abweichungen zu befassen. Deshalb dauert es dann eben manchmal eine Weile, bis der Ausflall oder die Veränderung eines Ereignisses abgespeichert ist. Wenn ich weiß, dass ich flexibel sein muss, bin ich das auch. Im Job funktioniert das seltsamerweise. Eine Trainingssache.

Wir reden über soziale Kompetenz und auf einmal sind wir im Gespräch ganz woanders. Eigelb-Patina, das was passiert, wenn man ein Ei totkocht. Bestimmt im Hochdruckkocher. Der Kärcher für Eier. "Ein totgekochtes Eigelb wird grau-grün. Ach ja, wusstest du, dass unsere Hühner aus Südostasien kommen und eigentlich gar nicht so unfähig sind, zu flattern? Im Gegensatz zu den Pfauen. Hast du mal gesehen, wie so einer versucht auf eine Mauer zu kommen? Die brauchen ewig dazu. Ach ja, meine erste Erinnerung an uns. Gute Frage ..." So in etwa. Tifet findet, dass die meisten Aspergis dappich sind. Also tollpatschig. Sie kann sich allerdings in einer Menschenmasse ziemlich gut durchschlängeln, ohne anzurempeln. Irgendwie stellen wir fest, dass Menschen mit Aspergers Syndrom sowas wie das Verbindungsstück zwischen der Standardnormwelt und den Hardcore-Autisten und Savants sind.




Tifet

Die autistische Frau, die Kühe versteht und danach Schlachthöfe entworfen hat, um den Stress für Kühe zu minimieren. Wir beide denken gerade daran.


Ob sie oft aneckt und wo ihre sozialen Fähigkeiten am meisten Probleme verursachen, möchte ich wissen. Tifet überlegt, sagt dann, dass sie das größte Problem mit fremden Menschen und Vorstellungsgesprächen hat. Es ist die Mimik, die sie irritiert. Menschen in die Augen zu sehen, macht sie unsicher (mich auch). Sie kann sie einfach nicht lesen, wenn sie die Person nicht kennt und versucht, sich so gut es geht immer objektiv und voll empathischem Elan, in andere hinein zu versetzen. Tifet kann den eigenen Gefühlshaushalt und ihr Mitgefühl für andere extrem gut trennen. Dabei hat Tsie ein unglaublich gutes Verständnis für Botschaften zwischen den Zeilen. Nur eben nicht auf die normalverständliche Weise. Ihre liebevollen Neurosen unterstreichen den Eindruck, dass sie unsicher ist. Oft ist sie es dabei aber gar nicht. 

Sie streicht unentwegt durch ihre Haare, blinzelt, knabbert am Saum vom Pulli und setzt sich tausendmal anders auf den Stuhl. "Ist das ein nervöser Tick oder Zeitvertreib, weil dein Hirn auf 200% läuft?", frage ich lachend. "Beides", sagt sie ohne nachzudenken. Am besten geht es ihr, wenn sie etwas eng um sich hat. Ein nicht all zu großes Bett, massives Chaos und ihren Freund, mit dem die sie schon viele Jahre zusammen ist. Sie ergänzen sich so gut, dass mein Mann die Beiden schon ewig liebevoll Jesse und James nennt und ihre zweitälteste Schwester ihnen T-Shirts geschenkt hat, auf denen das doppelte Jottchen steht. Teil eins und zwei. Ihre Beziehung läuft nur so gut, weil sie unheimlich viel und vor allem sofort über Spannungspunkte reden. Respektvoll. Beide sind besonders in ihrem Bezug zur Außenwelt und bewältigen den Alltag an ein paar mehr Fronten gleichzeitig, als andere Menschen.


Team Rocket, Jesse & James und angewandte Festivalkunst


"Ich muss nicht repariert werden. Ich handle logisch und objektiv, aber nicht emotionslos. Ich würde mir wünschen, dass andere das auch tun. Nachdenken, bevor sie mit ihrem Tun alles einreißen, wie eine Abrissbirne. Ein bisschen mehr Toleranz und Respekt. Am liebsten kläre ich Probleme noch vor dem Schlafengehen", sagt Tifet. Das sehe ich auch so. Gleich muss ich meine Tochter von der Kita holen und Tifet noch was erledigen. Mein Tag hat auf jeden Fall entspannt und mit einem guten Gespräch über Diversität und Toleranz angefangen.

Tifet ist der coolste Geek, Freak und der treueste, rollenspielende Freund mit Mass Effect - Mantel, den man sich als irgendwie-auch-Freak nur wünschen kann. Wenn es irgendwo in Japan Mikado-Schokolade mit Blaubeergeschmack gibt, sie hat sie schon daheim. Am besten aufgehoben fühlt sie sich bei anderen unserer Sorte. Da ist die Toleranz fürs Anderssein einfach eine ganz andere. 

Sonntag, 3. Januar 2016

Frager- oder Versagergeneration? Depressionen, politische Ohnmacht, Angst vor dem Leben und ein bisschen LMAA

Beunruhigt. Das ist das Wort, das mich seit vielen Monaten am meisten beschreibt. Angefangen hat es mit Fukushima, da dachte ich mir schon, dass wir langfristig Probleme bekommen werden. Spätestens ab der Sache mit der Krim war mein Zweifel am Wie auch immer gearteten WW III verflogen.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob und wie ich diesen Eintrag irgendwann schreibe und als ich gestern das Buch fertig gelesen habe, kam mir der passende Bezug. „Sind wir eine Versagergeneration?“, kam mir am Ende in den Kopf. Nicht der Autor des Buches ist damit gemeint, der hat es nämlich frei nach dem Selbstvermarktungsprinzip in die Hand genommen. Nein, gemeint ist der Teil der Bevölkerung, vor allem meiner Generation und älter, die gerne über alles und jeden urteilen und verurteilen. Das Wort Versager hat einen Bedeutungswandel vollzogen, so scheint es mir. Heute ist man schon gescheitert, wenn man Tutorial XYZ auf Youtube nicht gesehen hat und oder am besten noch, in keinem (un)social Network vertreten ist. Hauptsache nicht ausgegrenzt sein, im Mainstream irgendwie individuell bleiben, im Trend liegen, Trendsetter sein, Likes ergattern. 

Likes – das Heroin unserer Zeit

Wie ein Versager fühlt man sich heute auch, wenn man es nicht schafft, drei Jobs, zwei Kinder und den Hund unter einen Hut zu bekommen, egal ob man dabei Hipsterhelikoptermutter ist oder nicht.
Ja. Meine Tochter war anstrengend als sie ein Baby war und ich fand diese dämlichen Penisneidgespräche unter Müttern irgendwann so nervig, dass ich mir sogar den Rückbildungskurs ab der Hälfte geschenkt habe.

„Mein Kind kackt blau.“ „Meins rot.“ „Meins schläft total super durch.“ „Meins schreit nie.“ (Schreit im Hintergrund) „Meins kann schon sitzen.“ „Meins kann schon Desoxyribonukleinsäure sagen.“

Die haben sich dabei alle selbst übertroffen, wenn sie nachmittags bei 30° C im Garten unseres Mütterzentrums Kaffee getrunken haben, während sie die klinisch totgeschwitzen Babys im Wagen hin und hergewiegt haben.


„Meins kann schreien, in die Windel machen, nachts nerven und mich dabei noch fröhlich anlächeln und mir geht’s 23 Std am Tag scheiße“, habe ich gerne gesagt und mir dabei die Augenringe der anderen genauer angesehen.

Meine Louis Vuitton, mein SUV, mein Baby.

Und das hat gefälligst voll in meinen Terminkalender zu passen. Im Großraum Frankfurt die Kernaussage vieler Mütter mit Erstlingsgeburt 40+ und ich kam mir mit 26 vor wie eine Teeniemutter aus einer RTL 2-Sendung. Als meine Tochter mit 10 Monaten dann tatsächlich konstant durchgeschlafen hat, kam ich mir fast peinlich vor, wenn mich Leute nach meinen Problemen als Mama gefragt haben und ich außer meinen eigenen keine anzugeben hatte. Ein ganz normales Kind, mit einer ganz normalen Mutter. Eine Mutter, die vor der Schwangerschaft Gebärmutterhalskrebs in der Vorstufe und nach der Schwangerschaft eine unerkannte, schwere Schwangerschaftsdepression hatte. Eine Mutter, deren Schilddrüse durch die viel zu schnell wieder verlorenen 27 Baby-Kilos einfach mal versagt hat. Zwar hat keiner Versager zu mir gesagt, aber ich habe mich so gefühlt. Und das, obwohl ich wusste, dass die anderen genauso heimlich das Wasser aus dem leckenden Familienboot geschaufelt haben.

Ich hatte viel Zeit, mich mit dem Beobachten der Anderen zu befassen, weil ich nach dem Baby nicht in meinen Beruf zurück durfte, obwohl ich gerne gewollt hätte. Fast zwei Jahre habe ich daraufhin damit verbracht, mir zwischen Selbstzweifeln, kritischer Meinung über die Gesellschaft und beruflicher Verwirklichung, einen Weg zurück in mein Leben zu bahnen. Nach dem dritten Bewerbungsverfahren, in dem ich durch alle Tests voll gepunktet habe und am Ende wegen absoluten Lappalien nicht eingestellt wurde (Z.B. meinem winzigen Tattoo am Handgelenk, das eigentlich abgesprochen war), war ich es leid. Das Versagergefühl hatte sich schon so durch mich hindurch gefressen, dass ich behandlungsbedürftig depressiv wurde. Als ich gestern den Fruchtfliegendompteur (siehe vorheriger Eintrag) zu ende gelesen hatte, fühlte ich mich bedrohlich an meine eigene Erfahrung mit der Verurteilung als Hypochonder erinnert. Ich litt seit der Pubertät viele Jahre an Schwindelattacken, Nervenversagen, Bewegungsausfällen ganzer Gliedmaßen und als ich 2014 negativ auf ALS, MS, Hirntumor und sämtliche Hormonstörungen getestet war, fühlte ich mich hilflos und vor allem perspektivlos.


Als Ehefrau, deren emotionale Auffassungsgabe zunehmend gegen Null lief, als Mutter, die keinen Job bekam, obwohl sie qualifiziert ist und als Frau, deren Körper die selbstgesteckten Ziele des dazugehörigen Geistes nicht mehr verfolgen wollte. Die schlimmste Erkenntnis für mich war irgendwann die, dass ich mir eingestehen musste, vor allem und jedem Angst zu haben. Vor dem Autobahn fahren, dem Fliegen, dem Ausgehen. Dabei liebe ich mein Leben und gerade diese Dinge waren mal meine Entspannung. 240 Km/h Anschlag auf der A5, mit dem Audi meines Exfreundes und ich war die Ruhe in Person. Die letzten Jahre habe ich schon Panik bekommen, wenn vor oder hinter mir ein LKW war. Schweißausbruch und nahende Ohnmacht. Ein akutes Angstgefühl war das nicht, nur die körperliche Reaktion. Nach einer wahren Odyssee von zehn Jahren Therapeutentum hatte ich Ende 2014 endlich den einen gefunden, der mich in einer halben Minute zurück ins Leben geholt hat.

„Wann haben Sie das letzte Mal in der Wüste Urlaub gemacht?“, hat er mich gefragt.

Dieses therapeutische Urgestein in Frankfurt Sachsenhausen kannte meine Geschichte grob und offensichtlich auch meine blanke Panik, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Ich saß völlig ungehemmt in seinem Büro und habe geheult. Meine Antwort fiel wie zu erwarten aus. „Noch nie.“ Alleine diese Erkenntnis hat gereicht. Ich wusste, auf was er hinauswollte. Entreizung, Entschleunigung, Filtern. Und genau das habe ich danach getan. Gefiltert. Menschen, Fernsehen, Gedanken. Alles rausgeworfen, was mich behindert hat. Nach einem halben Jahr konnte ich wieder ein bisschen Autobahn fahren. Letzte Woche war ich alleine mit dem Auto in Berlin. Auch wenn es zwischendurch anstrengend war, ich stelle mich dem Leben wieder auf eine gesunde Weise, ohne mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. So hat das auch mit dem beruflichen Wiedereinstieg geklappt, denn durch meine entspanntere Einstellung habe ich letztes Jahr auch wieder eine Stelle genau da gefunden, wo ich hinwollte. Zurück an den Flughafen. Mein absolutes Panikzentrum, inmitten von tausenden Menschen, denen ich hilflos ausgeliefert bin und mich jeden Tag der Herausforderung öffentlicher Platz stellen muss. Konfrontationstherapie in einem Job, den ich liebe. Und solange ich auf die Veröffentlichung meiner Bücher warte, die ich letztes Jahr geschrieben habe, kann und will ich nicht verantwortungslos rumsitzen und nichts tun, wenn ich nicht gerade blogge, schreibe oder zeichne. Nichtstun verplempert man erfahrungsgemäß zu schnell mit Dr. Google und Katzenvideos. (NICHT TUN!)

Schon vor Jahren habe ich festgestellt, dass ich diese Masse an Katzenvideos im Netz nicht mag, damals, als ich noch einen Facebookaccount hatte. 2007 bis 2011 war das. Auf einmal kamen diese Realitätsfluchtverstärkenden Videos wie eine Seuche über das Netz. Das Katzenaids des Internets. Überall Katzenvideos, -GIFs und -fotozitate. Hauptsache dämlich oder süß. Später habe ich festgestellt, dass ich genauso die Krise bekomme, wenn ich mir den ganzen Tag nur ernste Nachrichten reinziehe, weil die mich depressiv machen.

Jedes Mal, wenn ich wieder ein Video aus dem Krisengebiet gesehen hatte, überkam mich das Bedürfnis nach einem Katzenvideo. Das konnte ja nicht die Lösung sein. Hilflosigkeit überkam mich. Um diese zu vermeiden, begrenzte ich die Zeit, die ich auf Nachrichtenportalen verbrachte eine Weile und stellte fest, dass hinter der Berichterstattung ein Muster steckte, eine Art Hypeverhalten. Bewusst wurde mir das nach dieser unsagbaren Katastrophe für und mit Malaysia Airlines, die im letzten Jahr gleich zwei Großraumjets des selben Typs verloren haben. Hype, Hype, Hype und irgendwann waren sie spurlos aus den Medien verschwunden. Dass der eine Flieger dabei nicht am Stück gefunden wurde und vom anderen nur ein einzelnes Stück, besiegelte die Informationsaufräumarbeit. Gerade letztlich musste ich meine DGR (Gefahrengut im Flugverkehr) Schulung auffrischen und wir kamen auf genau dieses Thema. Die Berichterstattung über Flug MH 370 und potenziell gefährliche Ladung, die sie an Bord gehabt haben könnte. Nur ein einziger kleiner Artikel hat damals meine Aufmerksamkeit erregt. Nicht nur meine, wie mir scheint, sondern auch die meiner Kollegen, denn ein paar von denen erinnern sich daran. Angeblich soll MH 370 Lithiumbatterien an Bord gehabt haben. Nicht gerade nur drei Laptops, sondern gleich so viel davon, dass es für einen Großbrand ausgereicht haben könnte. Wenn man weiß, dass Lithiumbatterien leicht brennbares Gefahrengut sind und so ein Feuer in der Belly nicht zu löschen ist, wenn man sich in der Luft befindet, kann man sich die Bedeutung dieser Fracht vorstellen. Es dauerte damals nicht lange und diese Information war vorerst aus dem Ticker verschwunden.

Im Zuge dieser Unterhaltung kam die Folgeunterweisung, clever mit dem Umgang von Katastrophen zu sein. Wir leben in einer Zeit, in der man für 50 Euro Taschengeld gerne mal eine Auskunft oder ein Foto/ Video an eine Zeitung (oder ein Klatschmagazin, das sich gerne so nennt) abdrückt. Die Menschheit ist überfordert mit den Ereignissen und trotzdem unendlich geil auf möglichst krasse Informationen. Effekthascherei. Wie mit den Gaffern auf der Autobahn, wenn's mal wieder gekracht hat.

Auf der anderen Seite unserer vermeintlichen, allgemeingesellschaftlichen Versagerfront formiert sich gerade eine aktivistische Bevölkerungsschicht, deren zwanghafte Suche nach jedem noch so kleinen Quantenlüftchen Meinung, ebenso ungesund wirkt. Zweiklassengesellschaft, Ignorant oder übereifrig? zumindest scheint es mir oft so. Burger oder Peta. Politischer Aktivismus, die Volksrede des kleinen Mannes, alles ist möglich. Und irgendwie finde ich das auch gut so, wie man am Beispiel der überaus talentierten New Yorker Künstlerin Molly Crabapple sehen kann (siehe Buchrezension Drawing Blood). Aber es ist wie mit allem auf dieser Erde – Der Mensch neigt zum Extrem aller Handlungen, die Grenzen verschwimmen auch hier oft. Es ist einfach und schwer zugleich geworden, sich die Information raus zufiltern, die man zum inneren Abgleich wirklich braucht. Da bekommt der Begriff Netzneutralität eine ganz andere Bedeutung.

Berichterstattende Reizüberflutung, jeder Hans Wurst kann seinen Senf dazugeben und jeder hat vermeintlich was zum Frühstück der Kanzlerin zu melden. Manchmal lese ich Kommentare in den Online-Artikeln großer Zeitungen und bin regelrecht schockiert, wie frei und ungeniert, unzensiert und ungeschickt sich mancher Verfasser in die Nesseln setzt. Alle waren sie wohl dabei, im Krieg, im Flüchtlingslager, bei der Sitzblockade im Altersheim – gegen die schlechte Versorgung, die sie erst in vierzig Jahren erhalten. Weil es ja keine Renten mehr geben wird. Zumindest erweckt es den Anschein. Stille Post, digital.

Die Presse war noch nie gänzlich unbefangen, neutral oder unfehlbar. Aber nie gab es mehr Möglichkeiten, sich eine zweite, dritte und vierhundertste Meinung dazu einzuholen, ohne dafür den Hintern vom Sofa erheben zu müssen. Seit geraumer Zeit entwickelt sich eine ganz neue Art der Informationsverbreitung, eine, die jeden von uns zum potentiellen Autor einer Schlagzeile macht. Ob das nun besser ist, als die herkömmliche Pressemaschinerie, bleibt für mich fraglich. Überall dort, wo Menschen über menschliche Ereignisse und menschliche Bedürfnisse berichten, finden doch eine potentielle Bewertung und oder eine mögliche Fehlinterpretation statt. Betriebsblindheit ist das keine, eher Übersättigung an Horror. Dabei frage ich mich, wieso wir es nicht schaffen, uns gerade aufgrund dieser Vielzahl von Quellen und dem relativ einfachen Zugang zu diesen, rechtzeitig zusammen zu tun um etwas zu bewegen. Und zwar keinen Faschingsumzug in Dresden. Das was fehlt ist ein gescheites Netzwerk an Lösungsvorschlägen und schnellen Umsetzungen. Das Bürokratiemonster Deutschland macht nicht alles besser durch Ordnung, oft einfach nur komplexer und langsamer.

Das Angebot an Brandherden überflutet einfach den Markt. Alle rennen mit ihrem Eimer voller Tatendrang (oder Multikultirassenhass) im Kreis, weil es einfach überall brennt. Inklusion, Pöbelpolitiker auf Facebook, Paris, Waffenlobby, Pegidahymne, Asylpolitik, und dazwischen immer wieder Katzenvideos. Und Fußball. Solange das alles nur im Internet stattfindet, geht es uns zu gut, um uns für einen Brandherd zu entscheiden, ohne das Feuer sinnfrei anzubrüllen. Intelligentes Leben und Lösungsorientiertes Handeln gehen eben nicht miteinander einher.

Resultat sind Hass, großflächige Unsicherheit, Unwissenheit, Ablehnung, polarisierende Medien. Wir leben in einer Zeit, in der es so leicht ist, andere zu verurteilen, zu zerstören und uns zugleich zu enthalten, wie nie zuvor. Anonymisierte Konversation, feige und effektiv, ein wütender Mob tobt im Internet über alles und jedem, so schnell kann man gar nicht schauen. 500.000 Follower, ein „falscher“ Tweet, Massenhysterie im Netz, Rufmord. Sein Fähnchen in den Wind drehen, Meinung ist Schall und Rauch, gleichsam mit Namen und wieder muss ich es erwähnen: was uns fehlt ist das Bauchgefühl und der Arsch in der Hose, nicht weg zu sehen. Wir sind alle wer und das waren wir auch immer. Nämlich Menschen. Und wer dabei unbedingt ein nationales Gefüge braucht, bitte. Der demografische Wandel stand nie still und wir sollten uns vielleicht fragen, wo wir alle hergekommen sind. Es ist ok für mich Deutsche zu sein, ich bin hier geboren, ich mag Deutschland. Meistens. Ich bin aber auch nicht sonderlich stolz drauf, weil ich das laut Erziehung nie sein durfte. Das liegt aber an meiner ganz eigenen Familiengeschichte, denn ich bin sozusagen Sudetendeutsch-Ösi V3.

Wenn meine Oma auch mit (diesen Monat) 80 noch mit ihrem Bandana auf dem Kopf, einen Schrank alleine in der Wohnung verrückt und sich dann den fünften Bandscheibenvorfall gehoben hat, lasse ich sie einfach in Ruhe. Sie beschwert sich nämlich nicht. Frei nach Christian Hubers Resümee, dass wir früher nichts hatten und vor allem weniger davon. Weder Fernsehen, noch Gebrechen. Sie gehört zu der Generation, die hier in Deutschland Dinge erlebt hat, vor denen wir gerade woanders gerne wegsehen und uns noch darüber beschweren, weil sie hier her kommen. Vertrieben, verfolgt, auf sich alleine gestellt. Wenn sie heute sagt, sie will keine Nachrichten mehr sehen, kann ich sie absolut verstehen. Sie ist alt und hat ihren Teil geleistet. Nicht mal zehn war sie, als sie nur mit der halben Familie (Eltern kurzzeitig im Arbeitslager), bestehend aus drei Geschwistern, mit einem ganzen Dorf vor den Russen geflohen ist. Deutsche in der tschechischen Enklave waren sie, fernab vom Hitlerzentrum. Klar waren die alle in der Partei, aber dass die Partei in Deutschland Menschen verschleppte, haben die im Dorf im tschechischen Hinterland gar nicht mitbekommen, bis es zu spät war. Das riesige Hofgut, das meiner Familie einst gehört hat, ist heute verfallen. 

Meine Oma sagt, sie will es nicht noch ein weiteres Mal so sehen, ein Besuch hat gereicht. Die Russen haben es damals verwüstet, die Frauen vergewaltigt und die Tiere erschossen. Meiner Großtante sogar den Schäferhundwelpen aus dem Arm heraus. Da war sie fast noch ein Kleinkind. Weil es weder richtig gute Karten, noch Ortskundige gab, ist der Treck genau im Kreis und somit den Russen in die Arme gelaufen. Ende. Alle Mann zurück, Belagerung, spätere Reise nach Deutschland zu Fuß. Dabei haben die Frauen im Winter ihre toten Kinder durch die Eiseskälte getragen und die Nachbarskinder sind beim Spielen im verlassenen Auto am Wegrand in die Luft geflogen. Weil man damals nur das Nötigste mitnehmen konnte, war das meist das Beste, was man hatte. Daraufhin durfte man sich dann auf dem Dorf im Odenwald noch anhören, dass man unverschämt sei. Nur, weil man die Sonntagskleidung die ganze Woche über trägt. Verkehrte Welt.

Das waren die vierziger Jahre, in Tschechien und Deutschland. In den Fünfzigern hat meine Oma einen Fußballspieler geheiratet, der das Geld versoffen hat und sie betrogen hat. Meine Mutter pflegt jetzt dessen Witwe, quasi ihre Stiefmutter. In den Sechzigern hat meine Oma sich wegen seelischer Grenzbelastung scheiden lassen, gewagt. Wie durch ein Wunder hat sich die gesamte Familie wiedergefunden und wurde im Rhein-Main-Gebiet durch einen günstigen Kredit und harte Arbeit beim Tiefbau des S-Bahntunnels unter dem Main, ansässig. Meine Oma hat von da ab zwei kleine Kinder fast alleine groß gezogen, sich die Wohnung und das Geld mit den Eltern und der jüngeren Schwester geteilt, bei einer Versicherung gelernt, bei der sie 40 Jahre angestellt war und drei Mal Krebs überlebt. Sie ist heute alleine geblieben und körperlich fast noch fitter als ich. Dass sie für meine „Wohlstandsdepressionen“ und meine komische autistische Ader kein Verständnis hat, kann ich ihr nicht verübeln. Das was mich so nachdenklich macht, ist die Tatsache, dass all das hier geschehen ist. Hier in Mittel- und Westeuropa und es ist noch nicht all zu lange her.

Ich glaube, wir sollten uns nicht die Frage nach dem Ob, sondern nur nach dem Wann stellen. Wie es sich gestalten wird, dass wir uns mit dem Thema Krieg und dem Wegfall der deutschen Sicherheit auseinandersetzen müssen, bleibt offen. Aber eines ist mir in den letzten Monaten klar geworden: Angst verhindert nichts. Angst blockiert nur das eigene Leben. Viele Monate bin ich panisch geworden, wenn ich an den Begriff plötzlicher Kindstod gedacht habe. So panisch, dass ich damals eine Sensormatte für meine Tochter gekauft habe. So panisch, dass ich ein halbes Jahr kaum geschlafen habe, bis mein Körper es verlernt hatte. Daher kamen meine Nervenprobleme. Schlafmangel. Ich war so panisch, dass mein Mann letztes Jahr nachträglich in ein Burnout geraten ist und wir uns auseinander gelebt und letztendlich getrennt haben.

An dieser Stelle möchte ich dir aufrichtig für deine Unterstützung danken, lieber noch-Ehemann, dessen Namen nicht genannt werden darf.

Ich mache mir jetzt nicht weniger Gedanken als vorher, aber ich versuche die daraus resultierende Angst nicht wieder Überhand nehmen zu lassen. Depressionen sind gemessen an unserem gesellschaftlichen Standard ein mehr als ernstes Problem, aber leider nicht das Einzige. Es gab Depressionen schon immer, aber die Zeiten haben dich früher einfach überleben lassen oder auch nicht. In meiner Familie wurde nach Kriegsende nie mehr über die Erlebnisse meines Urgroßvaters geredet. Es ging für ihn voran und gesund war er im Kopf bestimmt nicht ...

Eben kam das beklemmende Gefühl, mein Kind verlieren zu können, wieder hoch und im selben Augenblick wacht meine Tochter weinend auf. Fast schon muss ich lächeln, dass wir so eine enge Verbindung haben und ich ihr Händchen nur kurz streicheln muss, damit sie wieder einschläft. Diese Verbindung haben wir aber heute nur, weil ich auf die harte Tour, mit allen Konsequenzen gelernt habe, mich zu finden und sie ein bisschen mehr loszulassen. Man kann sich nicht nur den ganzen Tag mit dem Horror auf dieser Welt befassen, aber wegsehen geht eben auch nicht. Zumindest nicht für mich. Jeder so, wie er es leisten kann und das möglichst überlegt. Ein Versager ist für mich nur einer, der aufhört sich die wichtigen Fragen im Leben zu stellen. 

Beauty Tutorials und Hartz IV-TV haben ihre Daseinsberechtigung ebenso wie die unermüdlichen Berichte der Journalisten, die ihr Leben für unsere Tagesschau riskieren. Alles in Maßen und hoffentlich nicht in denen, die mit Bier gefüllt sind. Zweiter Weltkrieg: Krieg und Jazz-Abende, Bomben und Swing. Missstände können und müssen kreativ machen. Ernsthaftigkeit und Lebensfreude sind eben schon immer ein schmaler Grat gewesen und werden es auch immer bleiben. Angesichts der Tatsache, dass meine Oma schon alt ist, genieße ich die fünf Kilo Extrahüftgold aus den letzten Wochen einfach. Wenn sie mal nicht mehr für uns backt, werde ich die Weihnachtskalorien vermissen. Nicht alle Jahre bleiben fett, wir kennen es nur nicht mehr anders. Ein bisschen weniger Vorsatzparade fürs neue Jahr und ein bisschen mehr Fokus auf eine ausgewogene LMAA- Einstellung zu Wohlstands-Luxus-Problemen. Bitte.

Vielen Dank fürs Lesen und gute Nacht.

Samstag, 2. Januar 2016

Fruchtfliegendompteur - Ein guter Auftakt in ein neues Bücherjahr

2016 beginnt für mich fast wie 2015 geendet hat, mit einem Buch. 222 ist das neue 666. Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen steht meine zweijährige Tochter vor mir und hält mir das giftgrüne Taschenbuch hin, das auf meiner Kommode liegt. „Mama vorlesen“, nuschelt sie mir an ihrem Schnulli vorbei entgegen. Marketing geglückt denke ich mir, ich habe es auch entdeckt, weil es so geil geleuchtet hat. (Leider falsche Altersgruppe – ich tausche es gegen die grüne Raupe Nimmersatt, aus der ich ihr dann vorlese)
Philosophisches Dinner ohne geistiges Fast Food.


Das Buch um das es sich handelt ist der Fruchtfliegendompteur, geschrieben von Christian Pokerbeats Huber. Ich habe es vor etwas mehr als einer Woche in Berlin am Alexanderplatz gekauft, weil mein unbefriedigtes Konsumverhalten am Ende eines Kacktages, in der weiß-rosa-KaDeWe-Hölle nach ausgleichender Gerechtigkeit geschrien hat. Ein Buch. Wenigstens EIN Buch musst du kaufen, habe ich mantraartig gedacht. Twitter hat das Buch zuvor an allen Ecken und Enden immer wieder erwähnt, wie eine versteckte satanische Botschaft. Yvan eht nioj

Die ersten dreißig Seiten habe ich noch in der Bahn gelesen, danach war ich drei Tage lang brutal zerfeiert, im Wurmloch von Lafayette und Crémant verschollen. Weihnachtliche Spätfolgen, sozusagen. Wieder zuhause in Frankfurt angekommen, hatte ich erst einmal vier Tage Nachwuchsprogramm. 90° Schleudergang, ohne Vorwäsche. Weil ich das Buch aber schon in seinen Anfängen bestechend amüsant fand, wollte ich mir die Zeit nehmen, es in Ruhe zu lesen. Als getrennt lebende, halb alleinerziehende Mutter hat man die ja quasi nie, weshalb ich als selbst bloggende Amateurmusikerin und -Schriftstellerin irgendwann gelernt habe, so schnell zu lesen, wie meine Katze frisst. Wenn meine Tochter in ihrer Nähe ist. Optional geht auch nachts lesen und arbeiten, Schlaf wird eh überbewertet – führt aber zu massivem Tastatur-Tourette und schwer verständlichen Ergüssen an Ironie, wie ich wieder festgestellt habe. Heute Nachmittag nutzte ich dann das kleine Zeitfenster im Kosmos meines Doppellebens und habe das Buch weitergelesen.


Der erste Gedanke, der mir beim Weiterlesen in den Sinn kommt, ist: kreative Prokrastination. Der zweite Gedanke: Christian Huber ist der Yoda der liebevoll erzählten Alltagskatastrophen. Ausdrücke wie Circe de bouteille, MC Raupensacker und der beturnende Polo-Mops, verleihen dem Buch eine so authentische Aura, dass man als Leser permanent zwischen Mitleid und Applaus schwankt. Spätestens ab der äußerst bildgetreuen Beschreibung vom Kreuzberger Asizentrum, bin ich voll dabei. Was Christian über Berlin und dessen Ghettostilblüten erzählt, habe ich live erlebt. Inklusive Heroinsessions in der Sparkasse am Kotti. Gerade erst letzte Woche. Christian Pokerbeats Huber ist irgendwie ein ambitionierter und kauziger Verpeiler und Überlebenskünstler. Einer, der eigentlich mit sich selbst im Grünen ist und doch immer wieder überlegt, ob ein Leben als Mainstreamalleskönner nicht besser wäre. So ein Leben, in dem alles furchtbar langweilig glatt läuft und die Tomaten in ihrem Überreifeprozess nicht zum Hamster mutieren. 

Dabei schafft er es, den banalen Alltag so selbstironisch und reich an Wortwitz darzustellen, dass der Gedanke an so ein aalglattes Leben beim Lesen im Äther verpufft. Fast nebensächlich erzählt er dabei seine eigene Geschichte, in der er sich gekonnt vor der Frage drückt, ob er wegen seinem Schwindelgefühl nicht vielleicht doch ein Hypochonder ist. Wer einmal erlebt hat, wie sich der Körper entgegen dem Geist verselbstständigen kann, wird sich in diesem Buch eindeutig wiederfinden. Vor allem das Damoklesschwert Aidskrebs, das Synonym für die Angst vor Krankheiten. Entschleunigung, Entreizung und das Bewusstsein für die nicht all zu lang vergangene Zeit, ohne all die Lebensraum raubenden Dinge, wie (un)Social Networks, Smartphones und so weiter, werden immer wieder aufgegriffen.

Zwischen all den in überzeugenden Neologismen formulierten Alltagsherausforderungen, geht es für mich beim Lesen vor allem um eins: eine konstruktive, kritische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir Leben. Durch alle Schichten hindurch wird hier der Unmut bekundet, angefangen bei den Real Life Cindy aus Marzahns (In allen Gewichts- und Alterssparten), über Dr. Google, das Ärztesystem, pseudo intellektuelle Hipster, bis hin zum Realitätsverlust unseres Fernsehverhaltens und dem multimillionen schweren Fernsehaushängeschild Die Geissens.

Und vor allem ist Christian als Erzähler dabei eines: herrlich normal. Wer sich auf so eine wortreiche und aufmerksame Weise mit dem Leben und dessen Abgründen auseinandersetzt, muss einem einfach sympathisch sein.

Dieses Buch ist eine wunderbar erfrischende Persiflage auf fast alles - den Autor selbst, Helikoptermütter, Lebensmittelreligion, Volksverblödung und dem Freistaat Bayern. Geistiger Anspruch, verpackt in die Sprache meiner Generation. Definitiv ganz nah am Zeitgeist - ehrlich, kritisch, lustig, boshaft und absolut liebens- wie lesenswert.


Danke Piper!


Anmerkung:


Glööckler auf LSD.

Fäkalgeysir.

Eater Parker.

Müttermiliz.

Instrumentalkorsett.

Fruchtiges Napalm.

Düsseldorf Ostdeutschlands.

Die Unken-Ultras.


Großartig, Kafkabeats! 

Und: Entschuldigung Christian, ich habe dein Buch verunstaltet. Dafür kann der Esel jetzt richtig gut hören, so viele Ohren wie er hat.