Mittwoch, 27. April 2016

Wie viel Rechtschreibschwäche darf in einem Autoren stecken?

Kunst ist Kunst, so heißt es doch. Irgendwie sehe ich das auch überwiegend so. Heute früh wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ein Schriftsteller sich eine Rechtschreibschwäche erlauben kann und ab wann Schreibfehler eine Grenze zur vermeintlichen Unfähigkeit überschreiten.

Dazu muss ich einmal sagen, dass ich selbst keine wirkliche Rechtschreibschwäche, jedoch ein Problem mit der korrekten Kommasetzung habe. Im Endeffekt verschwende ich aber nicht all zu viel Zeit damit diese zu beseitigen, weil ich meine Prioritäten aus zeitlichen Gründen anders setze. Genau dafür habe ich außerhalb von Twitter und meinem Blog aber ein Lektorat. Natürlich passieren mir dauernd dämliche Fehler.

(Im übrigen: ist euch mal aufgefallen, dass wir die Begriffe "herrlich" und "dämlich" ständig benutzen und sie eigentlich einen diskriminierenden Hintergund haben? Nur so am Rande. Deutsche Sprache und so.)

Die Fehler die mir am häufigsten passieren, haben in der Regel etwas mit mangelnder Zeit und Konzentration zu tun. Ja, ich habe leider kaum noch Kapazitäten, mich wirklich auf das zu konzentrieren, was ich mache und dafür klappt es mit dem Formulieren eigentlich noch ganz gut. Hoffentlich. Dazu kommt noch die sinnfreie Worterkennung meines Telefons hinzu, welches oftmals ein Wort verschlimmbessert, obwohl ich es richtig eingetippt habe. Das nervt mich extrem. Weil ich so schnell Gedanken formuliere, kommen meine Augen leider oftmals nicht mit und das Multitasking setzt genau hier aus. Ich lese und überlese tatsächlich meine eigenen Fehler, weil mein Gehirn den Satz richtig lesen will. Es ist ja nicht so, dass ich der Sprache nicht mächtig wäre (meistens), meine Auge-Hirn-Korrektur-Koordination ist einfach scheiße. Bei anderen sehe ich Fehler oft sofort im Text und nehme sie ganz anders wahr. Dabei denke ich aber auch nicht parallel im Hintergrund meine eigenen Gedankengänge, die mich davon ablenken. So viel also dazu.

Was mich aber wirklich zum Grübeln gebracht hat, war die Frage, ob man nur ein guter Schriftsteller ist, wenn man sich solche Fehler überhaupt nicht erst zu schulde kommen lässt und erst recht keine Rechtschreibschwäche hat. Wieso sollte das so sein? In Ordnung - wenn jemand Analphabet ist und sich mit größter Mühe die Wörter mit mehr als nur dem Vogel-F und ganz wirren Buchstabenkonstrukten abmüht, wird es schwierig. Hier sollte man dann einfach schauen, ob ein Diktiergerät nicht eine Alternative ist und jemand anderes für diese Person schreibt. Aber ganz generell finde ich, dass eine Rechtschreibschwäche überhaupt nichts über die Genialität eines Gedankenganges aussagt. Und eine ganz wichtige Sache noch hierzu:

Rechtschreibschwäche und Tippfehler haben nichts mit Minderbildung und Wortschatz zu tun. Nur weil jemand die Wörter (und vor allem Fremdwörter) nicht richtig schreibt, heißt das nicht, dass er sie nicht im richtigen Kontext verwendet. Das können ja so manche fehlerfrei schreibende Journalisten leider nicht.
Und solange jemand kreative, clevere und exakte Aussagen tätigt, ist das doch sehr viel mehr wert, als eine korrekte Schriftform. Sollen alle Schriftstteller aus Prinzip Germanistik studieren? Lektoren brauchen ja auch einen Job! (übrigens, nicht alle Lektoren schreiben inhaltlich gute Texte) Ein bisschen anders sehe ich das bei Journalisten. Die machen ja eine Ausbildung um genau das zu können - massentaugliche, möglichst korrekt verfasste Berichterstattung. Ob die nun inhaltlich korrekt ist und oder parteiisch/befangen, bleibt dabei offen. Auf jeden Fall sollten sie der Sprache nicht nur im Hinblick auf eine gute Wortwahl mächtig sein.

Wenn es aber um Belletristik, Sachbücher und andere Bereiche der Schriftveröffentlichung geht, sehe ich Rechtschreibung während der Arbeitsphase eher untergeordent. Was jedoch nicht heißt, dass Rechtscheibung bei Veröffentlichung zu vernachlässigen ist! Genau hierbei sollte man sich als prefessionell arbeitender Schriftsteller die Frage stellen, welches Bild ich von mir selbst vermarkten möchte. Es ist keine Schande, wenn man seine eigenen Texte nicht Fehlerfrei korrigieren kann. Genau dazu sind Lektoren da. Und die machen ebenso Fehler, auch bei großen Verlagen. Aus Erfahrung. Es lohnt sich aber in jedem Fall, einen Text, ein Buch, eine Abschlussarbeit extern korrigieren zu lassen, um einen Abzug in der subjektiv bewertenden Wahrnehmung des Lesers zu vermeiden. Dies gilt vor allem für die Self-Publisher unter uns Schreibern, die sich bei Geldmangel im Zweifel auch erst einmal mittels Online-Wörterbuch helfen können. Sich selbst in unsere verwirrende Rechtschreibung rein zu lesen ist nervig, anstrengend und zeitraubend, aber definitiv kein Nachteil.

Angeblich waren auch Größen wie Hemingway, Hitchcock, Jules Verne und Agatha Christie Rechtschreibversager. Trotzdem haben sie überaus faszinierende und sprachlich hochwertige Werke veröffentlicht. Ob die nun jedermanns Geschmack sind, sei dahingestellt. Jedenfalls haben sie eine breite Masse an Lesern begeistert, viel mehr muss ich dazu eigentlich nicht sagen. Eine kleine Anmerkung für die Schriftstellerei der Neuzeit: ich zähle einen sehr bekannten und erfolgreichen deutschen Autor zu meinem Freundeskreis, der in den letzten zehn Jahren an die 30 Bücher veröffentlicht hat und eine ausgeprägte Legasthenie hat. Das ist bisher wohl nie bekannt gemacht worden und war auch nie hinderlich für den Erfolg.

Gedankengut und Verwendung von komplexen Sprachstrukturen hat also nichts mit Legasthenie, Konzentration und erst recht nicht mit Intelligenz zu tun. Dass es Menschen gibt, deren IQ minderbemittelt ist und die sich leider mit dem Erlernen der Rechtschreibung sehr schwer tun, ist ein ganz anderer Punkt. Dass es dazu auch noch Menschen gibt, deren EQ auf dem Status feuchte Grillkohle kleben geblieben ist, hat ebenfalls nichts mit Legasthenie und Konzentration zu tun, ist aber auch nicht weniger nervig, als Schreibfehler.

Zum Schluss noch folgender Gedankengang:

Es ist doch so - was wir wollen sind gute, qualitativ hochwertige und spannende Geschichten und die enstehen im Kopf, der Wörter nunmal nicht in schriftform verwendet. Solange es Wege und Mittel gibt, die Gedanken mit Hilfe so zu formulieren, dass sie für den Leser keine Hürden enthalten, ist doch alles gut.

Und wer sich jetzt die Zeit und den Spaß erlauben möchte diesen Artikel zu korrigieren, darf das gerne tun. (Ich habe nämlich kein verlässliches Rechtschreibprüfprogramm auf Linux aktiviert)

Presented to you herzlichst mit Ablenkung durch zornenden Nachwuchs,

Eure Prosa


Donnerstag, 21. April 2016

Buchrezension "Endlich schwanger" von Ann Brondhem

-Endlich schwanger-

"Das schrecklichste Ostern seit der Kreuzigung"

"Mireille Matthieu auf Speed"

"Bonjour l'amour, isch bin die Josi aus Kölle, Komma Heia"

"Sexualtherapeutische Ambulanz Reeperbahn"

"Nazi-Oma"

Ein klassischer Fall von Murphy, kreatives, humorvolles Wortspiel und jede Menge Hormonchaos, am Ende natürlich: "Endlich schwanger". Ein erfrischend unkonventionell ehrlich und unverblümt erzählter,  sowie rasanter Roman über die Sehnsucht nach Erfüllung, Liebe und Selbsterkenntnis. Ann Brondhem ist ein gutes Beispiel dafür, dass man beim Erzählen nicht zwangsläufig weitläufige Welten um den Protagonisten herum beschreiben muss, sondern dessen Gedanken so spannend und raumgreifend sind, dass man gar nicht aufhören mag zu lesen. Die Geschichte involviert den Leser durch die Geschwindigkeit der Gedankengänge in eine spannende und doch beinahe verstörend realistische Schwermut des Alltäglichen. Alles in Allem ein sehr empehlenswertes Buch, eine Geschichte wie sie das Leben eben schreibt. Ein gänzlich unerwartetes Ende macht Neugierig auf eine Fortsetzung und hinterlässt im Fazit über die Protagonistin zumindest in mir ein lachendes und ein weinende Auge.

Witzig, frisch und realitäsnah, tabulos aber nicht niveaulos. Weiter so, liebe Ann!

Bild: https://www.amazon.de/Endlich-schwanger-Liebesroman-Ann-Brondhem-ebook/dp/B0196LHXOY/ref=sr_1_2?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1488048879&sr=1-2&keywords=endlich+schwanger

Verlag: Neobooks
Asin: B0196LHXOY

Mittwoch, 20. April 2016

Autistenhirn = Artistenhirn // Manchmal nervt leben


Ab und an ist es einfach zum Kotzen, wenn man ein Gehirn hat, das nicht der Normverkabelung entspricht. Ich bin es so leid mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich anecke. Dann kommen so blöde Fragen wie:
„Wie, du kannst nicht immer mit 80 auf der Autobahn fahren, aber 140 auf der Landstraße?“
Ja. Exakt so ist es. Warum das so ist, verstehen die wenigsten Leute. Ich leide an einer Form von Reizüberflutung, also einem Problem mit dem Umfeld, in dem ich mich befinde. Ganz speziell hat das meine Unfähigkeit Reize zu filtern zugrunde liegen. Ausgelöst durch einen tödlichen Unfall im Freundeskreis, kombiniert mit einer unschönen Trennung aus einer noch unschöneren Beziehung, die mich fast zerstört hätte, sowie darauffolgendes Mobbing auf der Arbeit. Das Motorrad hatte ich schnell verkauft, den Spaß total dran verloren. Da ich zur Arbeit aber jeden Tag ausschließlich Autobahn fahren musste und auch beruflich viel gefahren bin, wurde die Autobahn irgendwann für mich unabhängig vom Motorrad zum Stress-Trigger. Nur die Autobahn. 

Ich bin alles andere als ein Feigling, wenn es um Konfrontation geht. Flugangst und das Unbehagen im Fahrstuhl habe ich mittlerweile ganz gut im Griff, das ist aber auch eine relativ gut zu lösende Konfrontation. Immer und immer wieder ist hier die Devise und auch wenn mit dem Fliegen ein finanzieller Aspekt mitentscheidet, ich vermeide nichts. Bei fast allen plötzlich ausgelösten Phobien und Störungen, hat man die Chance, sich durch geordnete Konfrontation Abhilfe zu schaffen.
Das Gehirn ist clever, es sucht nach dem größtmöglichen Effekt und verfestigt den wie einen breiten Pfad, der irgendwann selbst zur Autobahn wird. Eine Neurotransmitterbahn. Doof, wenn das eine Alltagsstörung ist, die einen plagt. Es ist unheimlich schwer, diese real existenten Verknüpfungen zwischen dem Trigger und dem Effekt zu brechen, weil dafür ein noch größerer Reiz vorhanden sein muss, der das überschreibt. Ein extrem positives Ereignis zum Beispiel, wäre diesbezüglich genial. Manche Menschen schaffen das, indem sie wütend auf ihre Phobien werden und aus sich heraus gehen. Bei Spinnen geht das oft ganz gut, habe ich schon im Freundeskreis erlebt. Spinne ausgehalten, Phobie verbessert. Aber oftmals ist es eben nicht so einfach, ein positiveres Ereignis für das Gehirn zu schaffen, denn das Gehirn entscheidet selbst, was das ist. Menschen mit Depressionen können wahrscheinlich gut nachvollziehen, wie es ist, wenn die Gedanken festgefahren sind. Es geht nicht darum sich nicht vorstellen zu können aus der Abwärtsspirale zu kommen, das Gehirn sieht einfach keine Notwendigkeit dazu.
Ich bin der Meinung, dass man das nicht heilen kann, weil diese Pfade im Kopf einfach da sind, aber man kann sie oftmals so beeinflussen, dass sie an Relevanz verlieren und man gut damit leben kann. Leider ist da jedes Hirn anders und bedarf einer anderen Methode, damit es sich umstellt. Das ist eigentlich das Schwierige an Therapien, denn erstmal wartet man ewig drauf, dann hat man keinen guten Therapeuten oder kann mit dem einfach nicht und die Methoden sind nicht intensiv genug und schon gar nicht maßgeschneidert. Wie fast alles in unserer Gesellschaft, muss es schnell und möglichst pauschal sein. Ich hatte damals wahnsinniges Glück, einen Therapeuten zu bekommen, der selbst Synästhetiker ist und meine Sonderverkabelung schnell erkannt hat. Er sagte, ich habe einfach massiv mehr autistische Züge als Ottonormalbürger und bin durch die Synästhesie einfach schlechter in die Welt der weniger wahrnehmenden Leute integriert. Dazu kommt mein schnelles Denkvermögen bei emotionalen Dingen, leider aber oft nicht in dem Sinne, wie ich es nutzen könnte. Ich kann extrem gut Sarkasmus und Ironie, kann die aber bei anderen nicht gut erkennen. Ich bin ein guter Analytiker mit negativen Stimmungen, aber nicht mit akkurater Auslage von Worten. Also ich erkenne quasi gut emotionale Schwächen anderer, kann die aber nicht beraten weil ich sie auf einer für andere Leute uneinsichtigen Ebene sehe.
Mit besagtem Therapeuten bin ich oft spazieren gegangen, habe die Option auf Motorradausflüge in der Therapiezeit gehabt. Das hat mich extrem weitergebracht, aber wer hat auf Anhieb schon so ein Glück? Die meisten Leute mit ernsthaften Störungen haben eine ganze Odyssee an Therapien hinter sich, die alle nichts bringen und Medikamente helfen auch nur bedingt. Angesichts der Zahlen erkrankter Menschen oder Menschen mit Störungen, die den Alltag unmöglich machen, ist das erschreckend. Ich wollte so fremdbestimmt und rumgereicht nicht enden und habe viele Jahre nach einer Lösung für mich selbst gesucht, eine Lösung, mir selbst zu helfen. Ich habe so etwas gefunden, aber sie ist langwierig und anstrengend, weil nur ich selbst mein Tempo an Konfrontation bestimme.

Das, was mir beim Autofahren passiert, sind die körperlichen Reaktionen ähnlich wie bei einer Panikattacke, nur komprimiert und ohne Angstgefühl. Also quasi nur der Adrenalineffekt bis hin zur nahenden Ohnmacht, jedoch aber keine Angst. Geradeaus fahren auf breiten Straßen mit viel Verkehr um mich herum und am schlimmsten ist es, wenn LKW um mich sind. Viele Jahre bin ich problemlos am Tempolimit des Autos gefahren, hab mir bei 200 Km/h auf der ganz linken von vier Spuren noch eine Fluppe angesteckt, bin hunderte Kilometer aus Spaß mal nach Paris zum Frühstücken gefahren und so weiter. Irgendwann hat sich in meinem Kopf durch den enormen mentalen Stress eine unangenehme Verbindung zwischen meinem liebsten Stressventil Auto + laute Mukke und Reizüberflutung gebildet. Jetzt könnte man ja sagen, „Hey, konfrontiere dich! Fahr doch einfach solange Autobahn, bis es weg ist!“ Jo. War auch mein Gedanke. Ist aber nicht so ganz ungefährlich, wenn einem schwarz wird und man handlungsunfähig wird. Das geht nur nachts und nur, wenn die Autobahn einen Seitenstreifen hat und ich mit dem Verkehrsaufkommen nicht voll durchdrehe.
Normalerweise passiert so etwas wie Ohnmacht bei Panikattacken nicht, aber bei mir kommt leider durch eine unglückliche Verdrahtung etwas echt Bescheuertes dazu, denn ich kann Adrenalin nicht richtig abbauen, eine Art Adrenalinintoleranz. Bei anderen Menschen macht es wach und funktionsfähig, bei mir macht es eine Handlungsstarre. So wie das Kaninchen vor der Schlange. Man verfällt in eine Starre und wird steif wie ein Brett. Das ist gelinde gesagt scheiße. Alles was mir bleibt, ist das so hinzunehmen, mich nicht noch mehr aufzuregen und zu entspannen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich am besten funktioniere, wenn ich dem Adrenalin den Sauerstoffhahn zu drehe, es niedrig halte und den Pegel im Blick habe. An Weihnachten war ich alleine mit dem Auto in Berlin, bin im Durchschnitt 130 gefahren und hatte keine großen Probleme. Erst durch Schlafmangel, den Zeitdruck am Flughafen und den unverschuldeten Unfall wurde es wieder so massiv. Aber wer die A5 am Frankfurter Kreuz morgens um sieben kennt, versteht, wieso mich das zurückgeworfen hat.
Bleibt mir nur immer wieder meinen Frust über Erklärungsgelaber mit anderen runterzuschlucken, mich über mein neues Auto zu freuen und nachts oder auf mir sicheren Teilstrecken solange gechillt zu fahren, bis es besser wird. Mein ganz persönlicher Wunsch ist so Banane, dass andere mich dafür einfach auslachen werden. Ich möchte irgendwann wieder ohne Probleme 200 km/h fahren können, einfach, weil ich mir von meinem Leben nichts diktieren lassen will. Aus Prinzip. Fängt man nämlich an Dinge zu vermeiden, erweitert das Gehirn die Störung auch auf andere Funktionen aus. Keine Lust mehr drauf. Aber: Gemach, gemach.

Das was mich aber am meisten nervt, ist der Gedanke daran, dass ich vor noch nicht all zu langer Zeit einfach von der Natur ausgemustert worden wäre. Untauglich, Fehlproduktion, überlebensunfähig. Das macht mich sauer und vor allem traurig, dass unser Gehirn einfach so viel Macht über unseren Körper hat. Wir sind eben nur ein kleiner Furz im Getriebe des Weltalls, zu doof, dass wir uns immer so wichtig nehmen müssen …

Dienstag, 19. April 2016

Sozialkompetenz 2

Diese Medien machen irgendetwas mit uns und ich bin mir sicher, es hat fatale Folgen. Durch diese Präsenz an digitalen Räumen in unserem Leben verlernen wir sozialkompetent zu sein. Und damit meine ich nicht, dass wir nur noch vor dem Rechner hocken oder das Telefon anstarren, sondern dass wir unsere Sozialkompetenz spalten, in anonyme Sozialkompetenz (vermeintliche) und reale.

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen die ich kenne, sich in einem Social Network extrem gut darstellen können, ja regelrecht einen Kult um sich herum bauen können und im realen Leben einfach massiv an ihrer sozialen Unfähigkeit verkacken. Warum ist das so? Was ermöglicht uns das Interent, dass wir verlernen uns auf ein gesundes Maß an Selbstwert und ein realistisches Selbstbild zu verlassen?
Ich finde es erschreckend, wie viel wir von uns preisgeben, wenn es nur getippte Buchstaben im zweidimensionalen Raum sind, nur ein Foto von uns oder ein anonymer Post irgendwo. Das was viele von uns in solchen Netzwerken von sich geben würden wir in einer realen Konversation nie sagen, uns nicht trauen, nicht für angebracht halten. Egal ob es nun ein politisches Statement ist, etwas Anzügliches oder ein fragwürdiger Kommentar über eine andere Person. Dabei ist das Internet nicht ungefährlicher als die Realität in einem Face-2-Face-Gespräch, denn es vergisst und vor allem, es vergibt nicht. Einmal im Netz, immer im Netz.

Das, was ich aber am erschreckendsten finde, ist die Tatsache, dass wir eher bereit sind unser halbes Leben in Echtzeit zu veröffentlichen, indem wir Fotos vom Essen hochladen, jeden Furz und Feuerstein posten und kommentieren, unsere Gedanken nahezu ungefiltert zur Schau stellen, uns aber im Umgang mit Menschen bei einem echten Treffen, nahezu unnahbar distanziert geben. Was für eine emotionale Sicherheit gibt uns das Internet? Wieso sind so viele Menschen nicht in der Lage so impulsiv und ehrlich in ein echtes Gespräch einzusteigen? Auf einmal kommt die Heimlichtuerei, das Mysterium Mensch, das fehlende Bauchgefühl für Mimik und Gestik. Die Hemmschwelle ist im Internet wesentlich geringer, weil es eben nicht real um uns herum anwesend ist. Der Faktor Realität blockiert uns.

"... meine Seele ist so zerbrechlich, ich möchte dir nichts von mir preisgeben ..."

Ich selbst hatte einen Partner, der kaum in der Lage war mit mir zu kommunizieren, mir aber ellenlange E-Mails schrieb, in denen er sich vorzüglich artikulieren und reflektieren konnte. Er war wohlgemerkt kein Autist. Die digitale Kommunikationsfläche, bzw. das Internet kann Neurosen unterdrücken, vieles an Körpersprache überspielen und es kann uns dabei helfen uns besser zu artikulieren, weil wir vermeintlich weiter weg vom Geschehen sind. Weit genug, damit wir unsere Antworten überdenken, verfeinern und anpassen können, ehe wir sie geben. Wir schaffen uns dadurch Abbilder unsererselbst und ich befürchte, dass meine Generation immer unfähiger werden wird, mit den selbstgemachten Komplexen durch unsere Kommunikationsmethoden umzugehen. Mir ist es noch immer wesentlich lieber, ein reales Gespräch zu führen, offensichtlich unsicher sein zu dürfen, vielleicht auch mal inkompatibel. Aber im Endeffekt schult all das nur das Bauchgefühl und lässt uns viel schneller an den Punkt gelangen, an dem wir begreifen, wo sich ein Mensch in unserem Leben tatsächlich einreiht. Demnach möchte ich lieber ein ungestelltes Erscheinungsbild eines Gesprächspartners haben und selbst auch sein, als mich dem Zwang nach sozialer Optimierung hingeben zu müssen.

Für mehr Fettnäpfchen!

Samstag, 16. April 2016

Autorenseele - sind wir denn alle bekloppt?

Gestern früh habe ich einen interessanten Blogeintrag zum Thema psychische Störungen von Autoren gelesen. Verfasst hat ihn Yannick Signard, ebenfalls Autor und treuer Verfolger meines Twittervogelnests. In seinem Eintrag stellt er fest, wie seltsam das doch eigentlich ist, dass Autoren sich den krankesten Scheiß einfallen lassen können, ohne dass man sie direkt dafür in die Klapse bringen lässt. Aber nicht jeder Mensch wird sein Aggressionspotenzial auch umsetzen und nicht jeder Mensch hat ein offensichtliches Aggressionspotential und kann dennoch unverhofft extrem austicken.

Wie ist das aber nun ganz speziell mit dem Wahnsinn und dem Genie, beziehungsweise mit der Verbindung Kreativität und psychische Störung? Ist da an der Verbindung etwas dran? Mit Sicherheit sind viele Autoren irgendwie seltsam, einzigartig oder sonderbar. Das, was uns Schreiber und Geschichtenerzähler verbindet, ist die Fähigkeit etwas meist Fiktives aus einer für andere Menschen fremden Welt zu erzählen. Was muss man an Eigenschaften mitbringen, um das erfolgreich zu können? Sicherlich ist nicht jeder Schreiber gesellschaftsuntauglich, abnormal im Verhalten, extrem introvertiert oder extrovertiert und schon gar kein krimineller Psychopath. Wobei auch hier einmal gesagt werden muss, dass Psychopathie eigentlich gar nicht das ist, was man immer von ihr denkt, denn echte Psychopathen sind das, was das Wort beinhaltet: 

Empathielos, tote Seele. 

Psychopathen handeln meist im Affekt, sie verlieren zudem auch schnell das Interesse an perfider Planung. Da sind wir soweit ich mich recht entsinne schon wieder eher in der Richtung Zwangsneurotische Störungen unterwegs. Wen das Thema Psychopathie interessiert, sollte sich das dazugehörige Kapitel aus dem Buch 
"Dein Gehirn weiß mehr als du denkst", von Nils Birbaumer durchlesen.

Was aber tatsächlich erstaunlich häufig in Verbindung gebracht wird, ist das Thema Kreativität und Wahnsinn. Wahnsinn im Sinne von psychotischen Störungen oder Episoden, Schizophrenie und paranoider Schizophrenie. Wir alle kennen das, wenn wir etxtrem übernächtigt sind, werden wir irgendwie sonderbar, reizbar, unberechenbar sensibel oder drehen uns andauernd um, weil wir da im Augenwinkel etwas gesehen haben. Ein paar werden auch die eine oder andere Drogenerfahrung gemacht haben, bei der man sich losgelöst vom Körper und oder entfremdet davon wahrnimmt. Gerade Übermüdung und Drogen können solche Episoden auslösen und Schlafmangel ist ein ganz natürlicher Beschleuniger von schizoiden Zügen beim Menschen. Meist sind sie gerade bei solch relativ einfach zu lösenden Stresssituationen gut zu beheben, aber manche Menschen bleiben auf einer Psychose auch kleben. Im Endeffekt löst man dadurch dann im schlimmsten Fall eine bereits bestehende Grunderkrankung der Psyche aus.

Warum leiden im Vergleich zu nicht kreativen Menschen mehr kreative an solchen Störungen? Dazu gibt es einen sehr interessanten Artikel aus dem SPIEGEL, den ich an dieser Stelle zitieren möchte:

"Schriftsteller, Dichter, Musiker, Maler, Erfinder - alle Träger einer Genvariante? Die Rede vom schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn schien ein Fundament zu bekommen. Untersuchungen des Wissenschaftlers Szabolcs Kéri begründeten den Verdacht, dass Neuregulin 1 die Verarbeitung von Informationen im Gehirn hemmt, aber auch frei für Ideen macht. Kéri hatte herausgefunden, dass es zwei Varianten des Gens gibt, die unterschiedliche Ausprägung sei entscheidend.
Bei der Hälfte der Europäer entdeckte der Neuropathologe eine Kopie des Gens, bei ungefähr 15 Prozent waren es zwei. Diese Menschen waren nicht nur anfälliger für Schizophrenie, sondern auch kreativer. Man fragte sie: Stellen Sie sich vor, von den Wolken würden Fäden bis zur Erde herabhängen. Was würde geschehen? Die Träger der beiden Gene beeindruckten mit deutlich originelleren und komplexeren Ideen 

...

Kreative, darin sind sich die Forscher einig, denken assoziativer, weniger fokussiert, offener. Ihre Gehirne filtern weniger stark Wesentliches von Unwesentlichem und ähneln denen von Kranken - aber mit einem entscheidenden Unterschied. Was den Schizophrenen überschwemmt, wird vom Erfinder geordnet, zu sinnstiftenden Einheiten kombiniert, sein Gehirn "bündelt"."

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neuregulin-1-genie-und-schizophrenie-moeglicherweise-folge-eines-gens-a-870089.html


Gerade das Thema Gewalt und Perversion in Krimis, bzw. Thrillern beschäftigt viele von uns Lesern und Schreibern. Einige lesen sie unheimlich gerne, die anderen sind fassungslos, wie man sich sowas nur reinziehen kann. Warum ist das aber so und weshalb hat das so einen großen Reiz für uns Menschen, sich mit dem Grauen der Welt zu befassen? Sind alle, die sich bei Mord, Vergewaltigung, Zerstückelung und anderen Ekelthemen nicht übergeben müssen, gestört? Ich glaube nicht. Unsere Psyche ist unglaublich neugierig auf all das, was wir uns nicht erklären können. Das ist ähnlich wie mit dem Spieltrieb. Wieso hat der Mensch den überhaupt? Er wird uns ja schon recht früh in weiser Voraussicht auf den Ernst des Lebens abtrainiert - Dabei ist er unendlich wichtig für uns, denn durch Spielen lernen wir. Spielen ist eine besondere Form der Wissensaneignung und erlaubt uns Erfahrungen zu sammeln, die wir später in Gefahrensituationen und bei wichtigen Entscheidungen anwenden können. 

Natürlich nicht eins zu eins, aber all die Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, legen Pfade im Gehirn und prägen unsere Denkstrukturen. Und die sind im Endeffekt dafür verantwortlich, wie wir Probleme lösen und Hindernisse umgehen oder aus dem Weg räumen. 

Natürlich fragt man sich jetzt, ob man dazu die Erfahrung gemacht haben muss, sich im Detail einen Mord vorstellen zu können, sich Informationen und Kopfkino reinzuziehen, das eher verstört und einen nachts verfolgen wird. Aber Vieles, was unsere Rasse hat überleben lassen, hat mit Wissensübermittlung zu tun. Wenn jeder von uns nur durch eigene Erfahrungen gelernt hätte, wären wir schon ausgerottet. Der Beruf des Geschichtenerzählers ist also so alt wie Jagen, Sammeln, heilen und prostituieren und dient dem Erhalt der Gruppe. Geschichten erzählen schult das Denken, die Weitsicht, Gefahrenabschätzung usw. Der Mensch ist neugierig, weil er das sein muss, um seine Umwelt zu verstehen. Gerade Dinge die abschreckend sind, haben deshalb für uns einen ganz besonderen Reiz. 

Ich vermute also, dass jeder Mensch instinktiv zu völlig abweichenden Handlungen, Gedanken und Ideen fähig ist, weil das irgendwie als optionales Notfallprogramm in uns einprogrammiert ist. Ob nun zum überleben oder anderen Menschen Geschichten mit (Lern-) Effekt zu erzählen, sei erst mal egal. Birbaumer sagt auch, dass das Gehirn in erster Linie neutral sei, jedoch aber nach dem für sich größtmöglichen Effekt sucht. Adrenalinjunkie sozusagen. Und das, was für uns persönlich am meisten Reiz hat (für das Gehirn, nicht für unseren Willen - falls wir den den haben), verfestigt sich. Leider aber oft auch eben nicht positiv, sondern in Form von Ängsten, Phobien, Gewalthandlungen oder dem Drang, zum Beispiel zu stehlen. Mehr Adrenalin = größerer Kick.

Die meisten von uns, die sich also solche Geschichten reinziehen oder sie verfassen, sind wohl keine gefährlichen Spinner ohne Handlungsbremse im Kopf, sondern eher auf der Suche nach dem Prinzip Adrenalinkick im Kopf, den eine solche Story auslöst. Dabei hat genau diese Art von Kick sogar wieder diesen uralten Warn- beziehungsweise Lerneffekt für die Gruppe.
Dazu habe ich bei Deutschlandradio ein echt gutes Interview mit dem sehr erfolgreichen Autor Sebastian Fitzek gelesen, dessen Aussage zu dieser Frage meiner Meinung nach extrem verständlich ist:

"Aber nicht, dass ich nach 30 Seiten denke, da muss jetzt aber Blut fließen. Der zweite Grund ist, dass wir Antworten suchen: Warum gibt es das Böse? Wieso gibt es Serienmörder, die Frauen vergewaltigen und verstümmeln? Wir wollen nicht wahrhaben, dass Menschen böse geboren werden. Wir wollen irgendeine Erklärung, in der Kindheit muss etwas passiert sein, aber die Realität ist anders, es gibt Mörder, die nur wegen des Kicks töten. Und unsere Aufgabe ist es, das Grauen begreifbar zu machen."
 
http://www.deutschlandradiokultur.de/mordsvergnuegen-warum-lieben-wir-krimis.970.de.html?dram:article_id=150197

Fitzek sagt etwas ganz ähnliches, nämlich dass wir nach Antworten suchen, etwas begreifbar machen wollen. Zwar kann uns kein Krimi dieser Erde darauf vorbereiten, wenn uns wirklich solch grausame Dinge geschehen, aber uns tangieren ja auch Erlebnisse anderer Menschen ganz intensiv. Ein Beispiel:

Als letztes Jahr die Germanwings-Maschine abgestürzt ist, waren wir alle fassungslos und viele von uns haben die Nachrichten massiv verfolgt. Ich glaube ich kenne keinen, der direkt danach gesagt hat, dass er noch bedenkenlos in ein Flugzeug steigt. Es war auch schwer, sich dieser Frage zu entziehen, wieso der Pilot sich nicht einfach selbst getötet hat, ohne so viele andere mitzureißen. Wir wollten es verstehen, begreifen, die psychischen Hintergünde erfahren. Verständnis mildert nie eine Tat, aber man lernt manchmal dadurch, sich selbst zu vergeben.

Unser Gehirn ist noch so unerforscht wie die Weiten des Weltalls und wenn ich mir überlege, dass Menschen nach einem Unfall ihre eigene Muttersprache verlieren können und plötzlich nur noch Französisch reden, ist das schon arg krass. Wenn wir uns so ein paar Beispiele an kreativen oder extrem denkstarken Überfliegern ansehen, wird oftmals ganz schnell klar, was der Preis für eine solche Leistung sein kann (!)

Savants, Autisten, Genies, viele von ihnen sind so enorm sozial eingeschränkt, dass sie ihren eigenen Alltag alleine nicht bewältigen können. Sie können sich Dinge vorstellen und rechnen, die kein anderer sich auch nur annähernd vorstellen kann, können sich aber ,blöd gesagt, oftmals alleine nicht die Schuhe binden. Nicht weil sie behindert sind, sondern weil deren Logik so banale Aktionen einfach nicht einplant. Am interessantesten finde ich diese Sorte kreative Menschen, deren innerer Trieb zu zeichnen, schreiben oder rechnen so enorm ist, dass sie nichts anderes machen können, wenn das Gehirn das so entscheidet.

Völlig unabhängig davon, warum jemand so tickt wie er tickt, lieben wir Geschichten einfach, weil sie uns aus unserer oftmals doch recht festgefahrenen und eintönigen Realität entziehen und sie bringen uns einfach auf andere Gedanken, Ideen und bereichern unsere Fantasie. Und ohne Fantasie wäre es einfach langweilig und trostlos in unseren Köpfen ...


Mittwoch, 13. April 2016

Alles Ansichtssache - Erzählperspektive meiner Bücher und deren Gestaltung

Kürzlich habe ich eine interessante Twitterunterhaltung über Erzählperspektive und Umfeldbeschreibungen geführt, die mich dazu inspiriert hat, mich mit meiner eigenen Erzählweise auseinanderzusetzen. Oft merken Leser Dinge an, die sich einem selbst total erschließen und anderen Probleme machen. Dass ich eine unkonventionelle Erzählerin bin, ist mir bewusst. Da ich aber auch ein unkonventionell denkender Mensch bin, konnte ich vielleicht gar nicht anders, als so zu erzählen.

Vor ziemlich genau fünf Jahren fing ich wieder an mit dem Schreiben. Mein erster Roman fiel 2002 einem Festplattenabsturz zum Opfer. Damals, als es so große externe Festplatten noch nicht gab und ich einen uralten kleinen PC hatte, der nichts konnte außer Floppy. Kaum mehr vorzustellen! Viele Jahre vergingen, ehe ich diese innere Wut überwunden hatte und mich ernsthaft wieder an ein Buch setzte. Mein langjähriger guter Freund Richard Schwartz ermutigte mich lange dazu, sagte dies sei ihm auch schon mal passiert. Wer ein echter Schreiberling sei, könne das verkraften. Recht hatte er irgendwie und nach vielen inneren Kämpfen begann ich zu schreiben.

Für mich war klar, ich schreibe so, wie ich es gewohnt bin zu lesen, nämlich in der Vergangenheitsform. Ist doch klar, ich erzähle eine Geschichte, also ist das rückwirkend. Oder? Ich fing also an das erste Buch von dreien aus Ingas Sicht zu schreiben. Es beginnt 2013 und eröffnet sich mit der Situation, dass sie an Amnesie leidet, anscheinend aus versehen entführt wurde, ihr Therapeut ihr rät, mit ihrem Leben aufzuräumen, weil sie keine Ordnung für den Kopf erwarten kann, wenn sie sich selbst keine schafft. Soweit so gut. Ich hatte 50 Seiten fertig, da gab ich das Skript meinem Freund Richard zu lesen. Seine Meinung bedeutet mir noch heute unglaublich viel, denn nach unzähligen veröffentlichten Büchern, hat er eine sehr kritische und professionelle Sichtweise zum Thema Textgestaltung erlangt.

Noch bevor er den Inhalt des Skripts kommentierte, legte er mir nahe, die Erzählform zu wechseln. Ich solle bei der ersten Person bleiben, aber in die Gegenwart wechseln. Verwirrung. Weshalb? Seine Begründung war logisch. Die Intensität der Wahrnehmung verändert sich. Man ist näher am Protagonisten dran, während man liest. Denn irgendwie hat man das Gefühl, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das leuchtete mir total ein und ich wagte den Versuch. Während ich schrieb, veränderte sich tatsächlich die ganze Geschichte und aus dem geplanten Krimi wurde etwas ganz anderes. Nämlich eine erotische Tragikomödie.

Ich stellte das Buch innerhalb von elf oder zwölf Wochen fertig und weil ich einen zweiten Teil schreiben wollte, ging ich ein erneutes Experiment an. In Ingas Buch geht es viel um ihren Exfreund Lukas, der sichvon ihr getrennt hat. Weshalb er das nach so vielen Jahren getan hat und sich dabei noch in sein Heimatland Frankreich verdrückt hat, war ihr nie wirklich klar. Also wollte ich für mich als Autorin selbst verstehen, weshalb er das getan hat. Ich begann Tagebucheinträge aus seinem Leben zu schreiben, damit ich mich als allwissender Autor mit ihm als Charakter besser auskenne.

Tadaaa - So ergab sich eine ganz neue Möglichkeit für mich. Teil 2 wurde dadurch automatisch zu Teil 3 verschoben und aus den Tagebucheinträgen wurde ein ganzes Buch. Klingt vielleicht nach Klischee, aber tatsächlich begann ich den Charakter Lukas mehr und mehr zu favorisieren, weil er so viel krassere Abgründe innehatte. Weil ich diese unkonventionelle Art, Geschichten zu erzählen selbst sehr mag, blieb ich auch dabei. Erste Person, Gegenwart. Aber reine Tagebuchform. Chronologisch. Sein Buch beginnt mit der Trennung im Jahr 2010. Die ersten 50 Seiten Word sind eine Erklärung seines inneren Konflikts, das, was dem Konflikt mit Inga später zugrunde liegt. Für den einen Testleser ist das eher unspektakulär, für den anderen bereits so voll mit Informationen, dass das Lesen ungewohnt anstrengend ist. Dabei liegt das nicht an der verwendeten Sprache an sich, sondern an der gedanklichen Perspektive.

Ich vermeide bewusst ausladende Beschreibungen von Landschaften, Umgebungen, Orten. Warum? Naja, wenn wir etwas erzählen, packen wir auch nicht immer solche Informationen hinein. Worum es uns bei der emotionalen Berichterstattung geht, ist meist ganz klar die Emotion daran. Wenn es allerdings von Nutzen ist, eine Beschreibung des Umfelds einzubringen, weil es um genau diese auch geht oder sie dem Ereignis dienlich ist, kommt sie natürlich vor. Was ich damit sagen möchte, ist folgendes:

Umso mehr ich die Wahrnehmung des Lesers von der Innenwelt eines so verkopften Protagonisten auf die Außenwelt lenke, desto eher stört es den Gedankenfluss.

Wie bei allen Büchern, ist auch meine Geschichte in der Erzählweise Geschmackssache, eine Frage der Lesegewohnheit und des Wunsches, sich mit einem Charakter auf eine sehr intime und ab und an verstörende Weise identifizieren zu können. Das was meine Bücher ausmacht ist eigentlich die Sprache an sich, nicht deren Rahmen. Dabei versuche ich bildgewaltige Gedankenlandschaften zu erschaffen, die ich ebenso liebevoll beschreibe, wie z.B. ein Fantasyautor seine Welten um die Charaktere herum. Und damit meine ich keineswegs die Fülle der Informationen der Gedanken, sondern deren Aussage. Ein konkretes Beispiel für die Sprache meines Protagonisten Lukas:

"Bei mir hat es so oft geschneit, wie bei meinem Bruder das Gras gemäht wurde ..."

"Glaubst du, dass du sie besser verstehst, wenn du ihren Ohrfeigen zuhörst, anstatt ihr welche zu erteilen?"

Leider irgendwie doch amüsant, wenn man bedenkt, dass es nicht so der Hit ist, sich die Probleme weg zu koksen und auch Kiffen nicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Aber durch die Art wie er sein verkacktes Leben selbst für sich erklärt, macht ihn schon wieder fast herzlich, seltsam sympathisch, liebenswert und irgendwie mag man ihm eine Chance auf ein Happy End geben. Er ist irgendwie der Antiheld in seinem eigenen Leben und wäre gerne besser als das. Das was ihn daran hindert, ist seine Angst vor dem Versagen und vor allem die Angst vor der Ex, die er nie wirklich loslassen konnte.

Ich liebe Sprache, Neologismen, den Mix aus klassischer Literatur und zeitgenössischer Sprache. Ich arbeite viel mit Metaphern und schwarzem Humor, weil man ein ernstes Thema nur dann gut vermitteln kann, wenn es nicht zu arg schockt, sondern einen Lichtblick lässt. Deshalb auch Frankreich, denn ich liebe Marcel Proust. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ein Roman über Scheitern mit Lichtblick, Ein Ende mit Schrecken, aber weder ein Happy End, noch ein klassisches Scheitern. Ich habe bewusst auf zu explizite Sprache in den doch recht reichlichen Sexszenen verzichtet, weil mir das Setting wichtiger war, als das Bild. (Ich fand Analsex auf Koks als Setting zum Beispiel schon intensiv genug, ich muss das nicht im Detail zerpflücken und auch die Farbe vom Bettlaken ist dabei egal.) Jeder Leser kann somit die Intensität des Bildes selbst bestimmen, die FSK des Kopfkinos selbst wählen.

Die Einen werden sagen, sie lesen sonst wesentlich krassere Erotik, die Anderen werden vielleicht sagen, dass es ihnen schon zu extrem ist. Das war mein Kompromiss und ich hoffe, dass er durch den Witz an der Sprache gelungen ist. Wer Spaß an Bezügen zu klassischer Literatur, Wortspielen zu hessischem Lokalgedankengut und oder Anspielungen auf aktuelle Probleme der Gesellschaft hat, kommt hoffentlich auch nicht zu kurz. Vermutlich kann man meine Bücher auf sehr vielen Ebenen lesen und mögen, oder auch nicht. Aber ich mag auch nicht jeden Autor, nur weil er erfolgreich ist.

Im Endeffekt ist der eigentliche Gag an der Trilogie (Neben dem Fakt, dass es ein klassischer Tragödienaufbau in 5 Akten ist), dass man sie unabhängig voneinander lesen kann. Somit wird ein ganz anderer Aspekt der Problematik dargestellt und wer Buch 3 zuerst liest und danach noch das Hintergrundwissen haben möchte, kann die anderen beiden Bücher auch hinterher lesen. Wieso ich mich dazu entschieden habe, das Buch von Lukas anstelle des Buches aus Ingas Sicht zuerst zu veröffentlichen, hatte einen ganz klaren Grund: Es liest sich boshafter und man versteht danach Inga in ihrem Verhalten einfach besser. Ziel war es für mich selbst, am Ende der Bücher einen Aha-Effekt zu erhalten. Keinen Schock, sondern etwas, dass einen zum Nachdenken anregt. Etwas, das Fragen stellt - Fragen darüber, wie man als Leser selbst gehandelt hätte, um sich zu retten.

Ab und an werde ich bis zur VÖ von Teil 1 im Herbst 2017 (voraussichtlich und spätestens!), noch ein paar Sidekicks dazu schreiben. Über Anregungen, Kritik und Lob freue ich mich immer und hoffe einige von euch neugierig gemacht zu haben.

Herzlichst,

Eure Prosa!


Samstag, 9. April 2016

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Ab wann verliere ich den Bezug zu dem, was ich leisten kann und will?

Ein riesiger Haufen Scheiße türmt sich ab und zu mal vor mir auf und ich bin gänzlich unfähig, den rechtzeitig wegzuschaufeln. Rechtzeitig, bevor ich anfange hohl zu drehen. Konkret sieht das dann so aus, dass ich alles so hinnehme wie es ist, bis ich kaum noch atmen kann und jedes erstbeste Opfer in meinem Umfeld bekommt das dann beim nächsten überfordernden Ereignis ab. Bombastisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Hochexplosiv, cholerisch und oder verstörend sentimental. Kann ich wirklich gut. Dabei wäre es mir anders wesentlich lieber.

Wieso gelingt es mir also nicht, diesen Berg einfach erst gar nicht so krass anwachsen zu lassen? Vermutlich liegt das daran, dass er sich als brauner Eisberg getarnt hat. Im letzten Moment dreht er sich ganz dreist um und die Spitze zeigt mach unten, sodass sich mir das wahre Ausmaß zeigt. Mein halbwegs gesunder Verstand sagt mir, dass ich überhaupt gar keinen Nutzen davon habe, wenn ich mich aufrege. Eigentlich wird dadurch alles nur schlimmer. Ich blamiere mich eventuell, ziehe mich nur noch mehr runter, bestätige dadurch meine eigene Unfähigkeit und verliere den Antrieb. Vor allem überflute ich mich dadurch mit jeder Menge Stresshormonen und die führen dazu, dass ich noch viel eher (Meist mit Latenz) reizüberflutet bin.

Viel mehr sollte ich darauf achten, dass ich alle kleinen, nervigen Dinge sofort erledige, bevor sie im Untergrund des Eisbergs mit Kackegeschmack versumpfen. Wie ich ja schon festgestellt habe, irgendwann taucht das ganze Gerümpel wieder auf und treibt unüberschaubar an der Oberfläche rum. So auf Nasenhöhe, aber nicht unbedingt auf Augenhöhe, die mache ich dann so oder so aus Prinzip lieber zu. Was nicht bedeutet, dass ich vor den Problemen weglaufe, ich falle nur zuerst in ein ziemliches Tief, das gar nicht so tief sein müsste.

Im Optimalfall halte ich meine Scheißebalance so ausgeglichen, dass es gar nicht erst zu solchen krassen Tiefschlägen im Stimmungs-EKG kommen kann. Falls dann mal wieder wirklich ein Schlag von außen kommt, den man nicht selbst verschuldet hat (zum Bleistift ein Wisch vom Finanzamt oder ein - aus aktuellem Anlass - Autounfall mit Totalschaden), kann man den auch wesentlich besser wegstecken.

Selbstkonditionierung, die selbstverursachte Gehirnwäsche, der Endorphinrausch des kleinen Mannes, der wie immer alles unter Kontrolle haben will. Ich eigentlich auch, aber wenn meine Stimmungskurve zu lange eine Gerade zu werden droht, verliere ich die Lust an der Ordnung und springe mit beiden Beinen ins Chaos. Möglichst folgenreich und intensiv. Eine sinnfreie, nervenaufreibende und unprofitable Affäre zum Beispiel, Liebeskummer ist auch ganz weit vorne dabei, dicht gefolgt von Versprechungen, die ich wegen Antriebslosigkeit nicht halten kann und Übermäßig feiern. Auch, wenn ich in meinen Geschichten fleißig übers Feiern auf Koks schreibe, ich habe tatsächlich nie welches genommen und auch nie mehr als Gras probiert. Dafür kenne ich zu viele abschreckende Beispiele und habe meine Exzesse fürs schlechte Gewissen immer anderweitig erfüllt. Alkohol. Zigaretten. Peinlich daneben benehmen. In Ordnung, jetzt habe ich Verantwortung, bin Mutter, lebe in Trennung, gehe Vollzeit arbeiten, fühle mich ausgebrannt ... Oha! Da ist sie wieder, die Abwärtsspirale.

STOPP. Ich sollte es anders herum sehen. Ich bin zwar IMMER müde und pleite, Autobahnfahren ist gerade wieder ein Horrortrip für mich, ich habe aber ein ganz tolles Kind, eine Geschäftsidee für die ich brenne, den Luxus durch den Unfall ein neues Auto kaufen zu können, hatte zwei tolle Ehejahre ... Aha. Auf einmal dezent Aufwärtsspirale. Klar nerven mich viele Dinge, aber als mir Vera letztlich den Begriff BRUCHLANDUNG in die TL warf, dachte ich, ich brauche gar keine Kurzgeschichte dazu schreiben. Mein ganzes Leben ist eine Bruchlandung. Abheben, fliegen, landen, wenn auch unsanft. Aber LANDEN. Nicht zerschellen. Danach halt in die Wartung, Ersatzteillager und ein bisschen Schweißen, geht schon gerade noch so klar.

Ich bin sowohl ihr, als auch einem meiner Ex-Kollegen gerade sehr dankbar dafür, dass ich deren Zeit für Gespräche über das Leben beanspruchen darf. Ich bin verdammte 28-elfzwölftel und beschwere mich über die Ausweglosigkeit meiner Inkompatibilität mit der Welt und den Menschen an sich. Gerade bin ich genervt vom Alleinsein, hätte aber zum jetzigen Zeitpunkt gar keine Zeit und keinen Platz in meinem Leben, für eine neue Vollzeitbeziehung. Die lenkt mich wahrscheinlich vom beruflichen Werdegang ab und oder von meinem Kind. Und mit diesen beiden Punkten bin ich schon voll ausgelastet. Nur eben nicht emotional entspannt. Aber wenn mein besagter Kollege mit 50 noch den Neustart hinbekommt, schaffe ich das bestimmt auch. Mit einer sehr harten Schule für die Geduld, meine Libido, meinen Entdeckergeist und der Vorliebe für dekadente Special Nights mit Champagner.

Alles zu seiner Zeit, sprach die ungeduldige, philosophische Autorin und sah nörgelnd auf die Uhr. 

Aber mit einem Schmunzeln darüber, dass ich mir einfach nicht einreden brauche, dass ich zu denen gehöre, die alles problemlos erreichen. Das war ich noch nie und ich habe auch glaube ich kein Interesse daran. Aber nur wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, denn nicht mal ich will das hören.

Vielleicht fehlt den Überfliegern durch den erleichterten Weg auch ab und an die Reflexion, die Erkenntnis, die Weitsicht und die Erfahrung eines unendlich intensiven Gefühls. Kaum etwas fühlt sich intensiver und lebendiger an wie Scheitern, Liebe, Liebeskummer, Hass, Angst und pure Freude. All das erfährt man nur, wenn man dieses Auf und Ab im Leben annimmt, anstatt es zu verteufeln oder zu resignieren. 

Jetzt geht es mir halbwegs gut und ich ignoriere in vollen Zügen meine fünf Kilo zu viel weg, die ich wegen dem Sportverbot angehäuft habe. Haufen. Again. Deshalb werde ich heute Abend einen Haufen Spaß haben, einen Haufen essen, einen Haufen dummer Sprüche bringen und einen Haufen netter Leute treffen, die gemessen am Uhrwerk des Universums auch nur kleine Sandkörner sind. Genau wie ich. 

Neulich, beim Zeitunglesen...


E i n f a c h

m a l  

l o c k e r  

b l e i b e n 

und den Eisberg anlächeln, nicht anschreien. Der ist eh taub.

Ps. Ich schicke mal einen Gruß an meine Inspiratoren nach Frankreich und nach Frankfurt. Danke.