Donnerstag, 26. Januar 2017

Eigenverantwortung und Sicherheit - was ist berufliche Freiheit?

Gestern wieder. Die Diskussion, weshalb meine Selbstständigkeit schon "so lange dauert" und dass das eben nichts Sicheres sei. Das Schreiben natürlich. Und überhaupt, ein unbefristeter Arbeitsvertrag bei einer großen Kette ist ja sicher. So schnell gehen die ja nicht pleite und wenn - na, das merkt man doch vorher!

...

Ich habe vier Jahre lang den Ablauf von großen und kleinen Insolvenzverfahren miterlebt. Beruflich, aus der Sicht derer, die mit dem Untergang der Anderen ihr Geld machen. Und ich kann sagen: Nein. Nichts ist sicher. Manchmal von heute auf morgen - wenn auch nur für den kleinen Arbeitnehmer ... Das Einzige, was ich mich deshalb immer wieder frage ist das hier:

Will ich mich ein Leben lang hart für jemand anderes buckeln oder für mich; mit etwas, das mich erfüllt und mir Spaß macht?

Jetzt sagen ein paar andere bestimmt wieder, dass ihnen der Posten als Angestellter mit eight to five Mentalität Spaß macht, das Team gut ist, der Chef ok, das Geld, der Urlaub schon so passt ... etc. Klar, warum nicht? MIR reicht es einfach nicht, mich in eine Arbeitswelt einzufügen, in der ich daran zerbreche, wie die Menschen miteinander umgehen. Dazu austauschbarer zu sein wie eine Unterbuchse, sich geistig nicht entfalten zu können, den ganzen Tag über davon zu träumen kreativ zu arbeiten. Ja, ich habe aus Doofheit einen Berufsweg gewählt, der mich nicht erfüllt. Ich dachte, ich mache es mal allen recht und nehme etwas "gesellschaftlich fundiertes - mit Sicherheitsbonus", weil Bürokauffrauen immer gebraucht werden. Bla. Ich bin 30. Jetzt mache ich das Beste draus. Was anderes nämlich.

Tja. Ich bin weder ein Wahnsinnsorganisationstalent für andere, weil ich so verpeilt bin, noch bin ich damit glücklich, den ganzen Tag zu sitzen. Ich brauche geistigen Anspruch, gute Gespräche, Bewegung, Input, Input, Input für die Denkmurmel. Und das, was ich am besten kann, ist eben kein Ausbildungsberuf. Ich reflektiere am besten emotional die Welt, schreibe und zeichne. Auf eine ganz spezielle, intuitive Art. Das kann man nicht lernen, liebe Omis - um gut zu Schreiben muss man nicht Literatur und Germanistik studieren. Ernsthaft. Ich kenne genug lebende Beispiele. Welche, die richtig Asche damit machen. Talent, Marktgespür und Hartnäckigkeit sind alles.

Aber das ist gar nicht wirklich der Punkt - oder nur am Rande. Das eigentliche Problem ist die Sichtweise der konservativen Menschen, die glauben, jede Form von kreativer Selbstverwirklichung sei unsicher, zu durchgeknallt, normabweichend. Klar könnt ihr so leben und alles kann gut gehen. Manchmal aber auch nicht. Manchmal gar nicht so selten. Wir reden noch einmal darüber, wenn euer Konzern auch euch ausbeutet, ihr euer Geld nicht mehr bekommt, es euch keiner dankt, was ihr leistet und krank werdet. Der Eine leistet ja mehr und der Andere weniger (...)

Leistung - gutes Stichwort. Ich leiste wesentlich mehr, wenn ich das gerne mache, was ich eben mache. Arbeit ist es immer und ich glaube, die wenigsten Menschen machen sich darüber Gedanken, dass eine Selbstständigkeit vor allem eines ist: 

selbst und ständig. 

Aber ich sehe mich - achtung - VERPFLICHTET, mein Leben so zu verbringen, dass ich das Bestmögliche an Erfahrung und Möglichkeiten für mich raushole. Weil ICH eben so bin. Ich verlange das von keinem Anderen, sondern wünsche mir Verständnis und Toleranz. Ohne uns Träumer und Denker gäbe es viele tollen Sachen nicht, von denen alle profitieren. Es kann nicht für jeden derselbe Weg der beste sein. 

Risiko habe ich auch, wenn ich mich verausgabungstechnisch auf meinem Arsch ausruhe, brav angestellt bin und später meine (vielleicht) nicht mehr vorhandene Rente genieße. Zack - Herzinfarkt, vorbei. Nur ein Beispiel. Meistens sehe ich aber die, die sich für andere krummbuckeln, es nicht gedankt bekommen und ihren persönlichen Lebenssinn dann aus einem fetten Audi, dem 8000 Euro Fernseher und Netflix ziehen. Erschreckend viele wieder mit dem Gedanken an "Hauptsache Zuhause ist schön, Tür zu, Welt aus" bis hin zu rechts angehauchten Heimatparolen. Was bei so manchem vermeintlich glücklichen Menschen so in der Tiefe an Missmut schlummert - gefährlich unreflektiert, weshalb das so ist. Alles gerade erlebt. No brain, no pain. Honestly? Ok. Not my thing.

Ich sage nicht, dass Selbstständigkeit in Bezug auf Geld und Sicherheit einen enormen Vor- oder Nachteil gegenüber einem Angestelltendasein hat, sondern, dass ich, als Sicherheitsliebender Mensch, dafür verantworlich bin, alles an Absicherung für mein Dasein zu tun, was ich kann. Wenn ich der Meinung bin, dass ich zusätzlich zu diesem Angestelltendasein eine Selbstständigkeit aufbauen kann (Weil es mir liegt), mache ich das. Im besten Fall geht das in Erfolg und reine Selbstständigkeit über. Ich muss ja keine große Firma gründen, es reicht doch, wenn ich ein für mich ertragreiches Einfrauensemble der Wirtschaft bin. Ein Miniunternehmen mit Chance andere davon profitieren zu lassen wäre mir jedoch lieber. Idealismus.

Es geht mir darum, durch harte Arbeit, kreative Ideen und Eigeninitiative immer wieder Möglichkeiten zu finden, ein weiteres Standbein zu haben. Das sind Notfallabsicherungen für später und das wiederum finde ich sehr bodenständig. Zurück ins undankbare Angestelltendasein kann ich immer noch, aber wenn ich die Chance habe, es nicht zu müssen, weil ich eine gute Geschäftsidee habe (vielleicht) oder mal einen Bestseller (oder drei. Oder vier.) schreibe, wähle ich das.

Warum? Weil ich mir damit selbst den Wert gebe, den andere nicht in der Lage sind, ihren Angestellten zu geben. Diese Erfahrung habe ich mehrfach gemacht und ich bin einfach nicht der Typ, der sich das ein Leben lang antun kann. Beleidigung der Kollegen, katastrophaler Umgang mit den Kunden, Geld, Geld, Geld und Ellenbogenmentalität. Hier in Frankfurt sowieso. 

Wir zählen alle, jeder kann was anderes am besten und DAS muss man fördern. Manchmal reicht das Ausbildungsangebot einer Gesellschaft eben nicht aus. Manche fallen aus dem Raster mit ihren Fähigkeiten und selbst wenn nicht, sind sie vielleicht einfach nicht erfüllt damit. Und diejenigen, die das nicht nachvollziehen können, dass man gerne aktiv leben will, dass der Job nicht nur Job ist, sondern die Hälfte des Lebens, kann ich nicht verstehen. Die drei Stunden am Abend, in denen ich tun kann, was ich will (neben Kind und Haushalt) reichen MIR nicht aus, um den langen ätzenden Arbeitstag mit einem erfüllenden Sinn zu ergänzen.

Da arbeite ich lieber etwas, das hart, auch mal unsicher, aber erfüllend ist. Und zwei Jahre (neben dem noch vorhandenen Alltag) auf eine gut durchdachte Selbstständigkeit hinzuarbeiten ist nichts. Ein Furz im Zeitgetriebe quasi. Ich rechne mal mit 5 - 10 Jahren, bis sowas in den meisten Fällen richtig läuft.

Vielleicht haben diese ganzen angepassten und schmalspurdenkenden Lemminge recht und ich scheitere damit. Na und? Ich muss mir wenigstens nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben. Mein höchstes Gut ist Freiheit. Freiheit, etwas leisten zu können, was mir Spaß macht, anderen einen Nutzen und oder Freude bringt, mich täglich fordert und sich entwickeln kann. Kein Auto (und ja, ich stehe sehr auf Autos) und kein anderes Luxusgut der Erde (leider auch kein Champagner) kann das aufwiegen. Geld alleine macht mich nicht glücklich, nur entspannter. Vor allem nicht, wenn der Rest nicht passt.

Frei nach Deichkind:

Denken Sie groß.

Und dabei verstehe ich groß nicht als utoptisch verklärten Wahnsinn, sondern als Teil von etwas anderem großen - dem Leben. Denn nichts kann es ersetzen. Wir müssen sorgsam damit umgehen.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Gedankengänge zu "Narbenherz" - eine Momentaufnahme aus dem Leben von Jessica Wagener

Wer ist diese Jessica Wagener? Das war eine der ersten Fragen, die ich mir selbst stellte, als ich sie in meiner Twitterliste fand. 

Da stand: Jessica bloggt, schreibt und ist als Journalistin tätig. Weil ich der Meinung bin, dass das noch gar nichts über einen Menschen aussagt und mir der Link zu ihrem Buch Narbenherz direkt ins Auge fiel, habe ich es gekauft.

Nun ist das schon wieder ein paar Wochen her und ich habe das Buch ausgelesen. Ich sitze am Rechner und überlege, was ich dazu schreiben kann. Der Kopf ist voll und ganz leicht zugleich. Vermutlich werden meine Gedanken zum Buch der Autorin in ihrer Gesamtheit als Mensch nicht gerecht. Aber vielleicht ist das auch gerade gar nicht so wichtig, denn eigentlich geht es darum, was diese Momentaufnahme aus Jessicas Leben mit mir als Leserin gemacht hat. 

250 Seiten Lebensgeschichte über eine Reise, Sorgen und Erkenntnisse. Und noch immer kenne ich die Autorin nicht wirklich, obwohl sie über sich selbst geschrieben hat. Ich kann über ihre Gedanken, ihr Umfeld und das Leben, das sie führt kaum etwas sagen, weil das was sie erzählt ein ganz besonderer Blickwinkel ist. Dieser ist aber so intensiv nah an unseren intimsten Ängsten und der damit verbundenen Hilflosigkeit gebunden, dass die kleinen Dinge im Leben auf einmal ganz groß werden.

Dieses Buch ist deshalb ein guter Ratgeber für den Umgang mit uns selbst, weil es kein wirklicher Ratgeber ist. Es geht um die Verlagerung des Fokus von der Innen- auf die Außenwelt, der Entscheidung für Freude und gegen Angst. Um uns in Bezug zu dem was unsere größte Freiheit im Leben ist - frei von Angst zu sein. Die meisten Menschen haben diesen Blick für das Jetzt schon lange nicht mehr. Entweder es geht um die Vergangenheit oder die Zukunft. Wo ist das Jetzt? Wo sind wir?

Ich kann viele der Sorgen nachvollziehen, die Jessica in ihrem Buch beschreibt. Die gescheiterte Ehe kommt mir bekannt vor und auch der Körper, der mal eben gegen mich geht. Bisher ist es mir in diesem Ausmaß erspart geblieben, aber ihre Erkrankung tangierte auch mein Leben an derselben Stelle meines Körpers. Immer wieder. Denken, denken und immer wieder denken. Hat bisher nie geholfen. Dabei geht so unheimlich viel kostbare Zeit verloren, die man mit viel schöneren Dingen verbringen kann. Reisen, Lachen und Tanzen. Zum Beispiel.

Was mich beim Lesen am meisten bewegt hat, ist die wertfreie Erkenntnis, dass alles irgendwann vorbei ist. Die Liebe, das Geld, das Leben. Aber zwischen dem Anfang und dem Ende unseres Daseins gibt es so viel zu erfahren, dass ich mir einmal mehr denke: 

Sie hat recht. 

Ich bin für mich selbst verantwortlich, weil ich leben will. Nicht nur, weil ich weiß, wie schnell das Ende kommen kann. Auch, weil ich oft aufgebe, bevor ich alles versucht habe. Wertschätzung muss ich mir vor allem selbst schenken und das geht am besten, wenn ich versuche, die Angst aus meinem Leben zu verbannen und es zu genießen.

Zweifeln, besorgt sein, unsicher sein - all das hat seine Berechtigung. Aber das darf mein Leben nicht so überfahren, dass es mich auffrisst. Viele Menschen werden krank, erleiden harte Verluste oder scheitern hier und da mit Anlauf in den Scheißhaufen. Jessica schreibt, sie findet sich gar nicht mutig, weil sie dem Krebs den Kampf angesagt hat, sie habe schlicht keine Wahl gehabt. Das sehe ich auch so. Leben wollen oder aufgeben. Leben wollen ist vielleicht einfach ganz tief in den meisten von uns verankert und das ist auch gut so. Jessicas Buch hat mir das wieder bewusst gemacht.

Was diese Frau über den Wunsch zu leben hinaus so unglaublich faszinierend und stark macht, ist die Ehrlichkeit, mit der sie sich selbst beschenkt. Sie will nicht einfach nur da sein, sondern bestmöglich daran teilhaben. Es ist mutig, sich in die Unsicherheit zu stürzen, nachdem man fast alles verloren hat. Reisen macht stark, wirft zurück, konfrontiert, tut weh und beendet so manches Miteinander, das man als feste Größe um sich glaubte. Die Erfahrung, über die Angst hinwegzugehen, macht uns stark, größer und zuversichtlicher, dass wir nicht mehr sofort verzweifeln. Und es ist völlig in Ordnung, dass uns diese Momente der Angst auch zwischendurch wieder einholen können. Die Frage ist doch nur, wie wir damit umgehen und wie viel Raum wir ihnen erlauben einzunehmen.

Dieses Buch ist mittendrin, rasant, besticht durch eine kreative und wortgewandte Sprache und ist dennoch fern einer Hollywoodpointe. Es ist auch nicht mit einer ultimativen Weisheit konstruiert, bezaubert durch die banale Erzählung eines ganz normalen Lebens. Eines Lebens, das irgendwie jeder von uns führen könnte und genau deshalb ist es so nah an mir dran gewesen.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe oder irgendwer anderes. Was ich aber weiß, ist dass ich dafür verantwortlich bin, das Beste aus meiner Zeit zu machen. Für mich, mein Kind und die Menschen um mich herum, die mich gerne in ihrem Leben haben.

Danke. Für dieses wundervolle Buch und diese Reise. 


Wer mehr über Jessicas Gedanken erfahren möchte, kann dies hier tun:

https://jessyfromtheblog.wordpress.com

oder auch hier:

Jessica Wagener - Narbenherz 
Verlag Rowohlt // ISBN:
978-3499628962



Freitag, 13. Januar 2017

Einmal eh 'den und nicht mehr zurück - Buchrezension für Andreas Hagemann und seine Xerubian Trilogie

Bereits über ein halbes Jahr ist es her, dass ich den ersten Teil von Andreas Hagemanns (wirklich großartiger!) Trilogie über den Planeten Xerubian gelesen habe. 

Gerade habe ich den dritten Teil mit Titel eh 'den ausgelesen und bin noch immer so begeistert wie zu Beginn - wenn auch mit ein bisschen Sehnsucht nach dem unübertreffbaren Impakt des ersten Teils. Die Dynamik der Charaktere und deren Zusammenspiel ging in den beiden darauffolgenden Teilen nebst dem Plot ein wenig unter. An anderer Stelle jedoch nicht zum Nachteil. Man mag meinen, die Geschichte wächst beim Lesen und wird erwachsen. Für mich durchaus ein angenehmer Effekt. Wer will schon dreimal dasselbe in grün lesen, dem es an Anspruch und Seele einer Geschichte liegt?

Vorab möchte ich unabhängig der Handlung an sich erwähnen, dass Andreas einer literarischen Sprache mächtig ist, die ich sehr bewundere. Er vereint den Witz eines Terry Pratchett, die Absurdität des Science Fiction Trashs à la Spaceballs und den Sog einer guten Detektivgeschichte. Wenige Bücher haben mich in diesem Genre so mitgezogen, wie diese. Auch, wenn der zweite Teil mit Titel barb ylon ein wenig schleppend daherkam. Das mag mitunter an der gefühlten Länge der Mission der Protagonisten liegen, sowie den weniger rasanten Schauplatzwechseln.

Dennoch hat alles daran seine Berechtigung und man muss aufpassen, den Anschluss der Intrige unterhalb der Charaktere im Blick zu behalten. Diese ziehen sich bis zum Schluss des dritten Teils fortlaufend durch. Absolutes Highlight neben der passiv-aktiven Präsenz Gottes und dessen verpeilter Spielunfähigkeit, all den versteckten Wortwitzen und Anspielungen auf reale Begebenheiten, ist die Sprache der Drachen. Im dritten Teil bekommt Drache Nerol eine Liebesgefährtin namens Elsa, die mit dem Charme einer waschechten Berliner Schnauze den kompletten Laden aufmischt. Ganz großes Kino.

Vierzehn Jahre hat Andreas Hagemann insgesamt an dieser Reihe gearbeitet und man merkt auch nach so langer Zeit noch deutlich die Liebe zum Schreiben, der Sprache, dem Entwerfen von Welten und dem Dahinträumen.

Man muss diese Trilogie einfach mal gelesen haben, sich vom ganz eigenen Zauber dieser - in jeglicher Hinsicht - ungewöhnlichen Fantasyreise einfangen lassen. 

Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Buch von Andreas, an dem er, wie ich vernommen habe, schon fleißig arbeitet.


Wer mehr zu der Welt, den Charakteren, dem Autor und weiteren tollen Büchern anderer Schreiber erfahren möchte, kann dies hier tun:



Andreas Hagemann - xerubian // eh 'den
Erschienen bei Books on Demand
ISBN: 978-3741281457
Foto: https://www.amazon.de/Xerubian-EhDen-Andreas-Hagemann-ebook/dp/B01LYZJRRL/ref=sr_1_fkmr0_3?ie=UTF8&qid=1488047847&sr=8-3-fkmr0&keywords=xerubia+ehden