Freitag, 24. Februar 2017

Magret Kindermann - Zwei Königinnen. Ein verstörend gutes Buchdebüt

Zwei Königinnen. So lautet der Titel eines meiner Meinung nach genialen Buches. Ich hatte die Ehre und das Vertrauen, diese Geschichte vor der Veröffentlichung lesen zu dürfen und habe keine einzige Seite bereut. Und: ich werde es wieder lesen.

Es geht in dieser Geschichte um die eher introvertierte und angepasste Elin, die bei einer beruflichen Teleportationsreise zum Planeten Kepler, versehentlich kopiert wird. Teleportation ist für mich gleichzusetzen mit beinahe allen großen Errungenschaften unserer Gesellschaft, bei denen die Schattenseiten so gut es geht, verdrängt werden. Atomkraft, medizinische Forschung und künstliche Intelligenz sind nur ein paar Beispiele.

Nicht nur, dass in Elins Welt plötzlich Fragen aufkommen, wie sicher Teleportation generell ist, es ist auch unklar, wie man mit einem plötzlichen Zwilling umgeht. Ein Spiegelbild der eigenen Identität, das sich sowohl an alles vor dem Ereignis erinnert, als auch ein Bedürfnis hat, weiterzuleben.

Zwischen Elin und ihrer neuen Schwester und Doppelgängerin Paula entsteht ein erbitterter Kampf um Anerkennung, Liebe, Selbstfindung und stellt dem Leser die äußerst unangenehme Frage: was macht uns als Person aus, wenn es uns doppelt gibt?

Magret Kindermann hat mit diesem Buch ein Debüt hingelegt, das mich vom Hocker gehauen hat. Es fällt mir schwer, über den Inhalt zu erzählen, ohne zu viel zu verraten. Die Geschichte muss sich beim Lesen im Kopf des Lesers frei entwickeln. Man kann ihr nicht vorgreifen und sollte auch die Richtung, in die sie geht, nicht allzu sehr ankündigen. 

Dieses Buch hat mich in einer ganz bestimmten Art und Intensität mitgerissen, die ich das letzte Mal bei "The Giver" von Lois Lowry hatte. Man möchte sich an der Geschichte reiben, weil sie Spannung, Wut und Hoffnung zugleich weckt. Magret Kindermann spielt mit Ängsten, Zukunftsvisionen und emotionalen Abgründen. Dabei hat ihre Sprache einen klaren und beinahe nüchternen Fokus. Der Rahmen der Handlung ist jedoch hochemotional behaftet und verstört wie verzaubert gleichermaßen. 

Dieses Buch will und muss gelesen werden. Für mich ist es ein wegweisendes Werk in Bezug auf literarische, gesellschaftskritische Auseinandersetzung.

Ich hoffe, dieses Werk wird irgendwann in Schulen gelesen. 

Magret Kindermann - Zwei Königinnen
ISBN: 978-1520652832,
Verlag: Independently published

Foto: https://www.amazon.de/Zwei-K-niginnen-Magret-Kindermann/dp/1520652836/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=





Mittwoch, 15. Februar 2017

Denkanstoß zum Thema respektvoller Umgang mit der eigenen und fremden Sexualität

Was muss einer Mutter im Kopf herumgehen, die ihren Sohn heimlich enterbt? Einen Sohn, der ein erfolgreiches Leben meistert, ein schweres Studium abgeschlossen hat, ein wundervoller Mensch mit Ecken und Kanten ist. 
Er ist ein Sohn, der nicht in ihr Weltbild passt. Nur, weil er Männer liebt, anstatt Frauen. Für diese Frau ist er ein Nichts und für mich ein langjähriger Freund, den ich sehr mag.

Unverständnis, anerzogene Intoleranz und meist in den eigenen Unsicherheiten begründeter Hass, zerstört Existenzen. Menschen, die von solchen verurteilt werden, haben ihnen meist nichts getan. Ich spreche hier nicht von Einzelsituationen und persönlichen Erfahrungen im Bereich Belästigung. Ich weiß, dass es das gibt und ich unterstütze niemanden, der penetrant und persönlich adressiert, in die Privatsphäre eines anderen eingreift. 

Die Faktoren für Belästigung gelten für schwule, wie auch für heterosexuelle Menschen gleichermaßen. Ob ich als Frau von einem Mann oder einer anderen Frau angegrapscht werde, macht für mich keinen Unterschied. Es ist unerwünscht und entweder ich stehe drüber und wehre mich sachlich und verbal, oder ich rufe mir Hilfe hinzu. 

Das Verhalten eines Einzelnen ist kein Ereignis, das man auf eine ganze Sparte Bevölkerung übertragen kann und darf! Diese Menschen, die in sexueller Hinsicht - und auch unabhängig davon - anders sind als andere, sind meist einfach nur da. Und: es gab sie schon immer. In vielen Kulturen gab es Epochen, in denen z.B. gleichgeschlechtlicher Sex kein verwerfliches Thema war. 

Was wir als normal und unnormal definieren, hängt mit unserer gesellschaftlichen Ausrichtung und der Erziehung zusammen, die wir erfahren haben.

Gibt alleine eine persönliche Meinung über etwas, einem Menschen das Recht, einen anderen Menschen durch das eigene Unverständnis oder der eigenen Ablehnung, nieder zu machen? 

Bis vor noch gar nicht allzu langer Zeit waren Frauen generell genauso vom gesellschaftlichen Geschehen ausgeschlossen, wie Farbige, Körperbehinderte und homosexuelle Männer und Frauen. Heute kaum mehr nachzuvollziehen, dass Frauen und Farbige nicht mal wählen durften. Rassismus und Benachteiligung von bestimmten Bevölkerungsgruppen war immer, und ist leider noch immer, an der Tagesordnung.

Erst vorgestern las ich wieder einen Bericht von einem jungen Menschen, der wegen seiner Homosexualität verfolgt und gehänselt wurde. Er brachte sich um. Mit fünfzehn. Und das in der heutigen Zeit, in der wir wissen, dass Homosexualität weder eine Krankheit oder eine Entscheidung ist, die wir treffen, noch anerworben wird.

Es liegt mir am Herzen, Menschen zu unterstützen, die aufgrund ihres Andersseins verfolgt, angefeindet und ausgeschlossen werden. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft - egal, aus welchen Gründen wir anders sind - und müssen unseren Platz darin finden. Es geht hier nicht darum, dass ich alles rechtfertige, das in den Augen der Masse abnormal sein könnte. Nein, es geht mir hierbei um Gedanken, Neigungen und Verhaltensweisen, die anderen nicht schaden und meiner Meinung nach keine Grundlage dafür bieten sollten, von der Öffentlichkeit verrissen zu werden.

Es ist mir egal, wer wen liebt. Solange dadurch für keinen Außenstehenden Schaden entsteht und der Schutz und das Wohl von gerade auch Kindern und Jugendlichen nicht beeinträchtigt sind. (Nicht, dass ich finde, Homosexualität darf von Jugendlichen untereinander nicht ausgelebt werden! Ich spreche explizit von genereller Übergriffigkeit von Erwachsenen gegenüber Minderjährigen.)

Warum zerreißt man sich darüber das Maul, ob eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann? Was ist das für ein Geltungsbedürfnis, dauernd zu pöbeln? Deswegen geht es anderen doch nicht schlechter. Hauptsache der Mensch hat etwas zum Hetzen und Beschweren, damit er sich mit seinen eigenen Problemen und festgefahrenen Denkstrukturen nicht befassen muss. 

Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem jegliche Art von intoleranten und extremen, religiösen Ansichten, sowie vom Grundgesetz abweichende und diskriminierenden Handlungsweisen, für unser Zusammenleben nunmal nicht tragbar sind. 

Ob man etwas persönlich nicht mag und das offen kommuniziert, oder man deswegen andere persönlich zu beleidigen muss und ihnen respektlos zu begegnen, ist ein großer Unterschied. Niemand muss alles gutheißen. Aber eine Meinungsäußerung - egal wie frei sie sein mag - ist nicht immer angebracht. Weder in diesem Zusammenhang, noch in Bezug auf sämtliche anderen Themen. Der Grat zwischen Meinungsfreiheit und taktlosem Rausposaunen einer eigenen Lebenssicht ist schmal.

Es schimpft sich immer so lange leicht auf Menschen, die anders sind, bis wir selbst anecken und Hilfe/Unterstützung/Verständnis brauchen. 

Es hat mich sehr beschäftigt, dass ich diesen Brief lesen durfte. In Absprache mit dem Verfasser teile ich ihn nun mit der Welt. Über 50 Jahre sind in seinem Leben verstrichen und noch immer muss er um Anerkennung der eigenen Familie kämpfen. (Die er liebt, wie jedes andere Kind auch) Kann es etwas geben, das einen mehr entwurzelt, als das? Wir Menschen kommunizieren zu wenig über das, was wirklich zählt. Über Zusammenhalt, Liebe, Ziele im Leben, jenseits von Geld. 

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit dem, was uns Angst oder Abscheu fühlen lässt, weil wir es nicht verstehen und nachvollziehen können. Mit dem, was uns unfair gegenüber anderen werden lässt, deren Glück oder Unglück uns eigentlich nichts angeht, solange es uns nicht persönlich einschränkt.

Vor allem wünsche ich mir mehr Respekt für das, was andere leisten. Einen Schnips vom Schicksal und die vermeintlich "Normalen" sind durch irgendwelche Gründe ebenso aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Bitte denkt darüber nach, weshalb ihr einen Standpunkt gegenüber anderen Lebenskonzepten bezieht. Ist das eventuell nur ein Vorurteil? Einfach eure Meinung und wenn ja, ist sie es wert, manche Menschen schlechter zu behandeln? Betrifft euch das Anderssein eventuell selbst, oder euer direktes Umfeld? Ist es die Angst davor der Außenwelt mit ihrem Hohn selbst nicht standzuhalten? Schämt ihr euch, weil ihr selbst kein Rückgrat habt, um über eure eigenen Interessen hinaus für Fairness und Respekt einzustehen? Weil ihr anders erzogen seid? 

All das ist kein Vorwurf, es sind ernstgemeinte Fragen. Ich stelle sie mir und euch, weil es an uns liegt, besser miteinander auszukommen. Hass und Ablehnung sind für alle Parteien unangenehme Störfaktoren im Alltag und rauben Energien, die man sinnvoller einsetzen könnte.

Bitte, tut euren Kindern und Mitmenschen nicht eure eigenen Probleme mit egal was an, nur weil es leichter ist, alles Fremde zu verurteilen, als einen gesunden Umgang damit und Toleranz anzugehen.

Bitte lest diesen Brief. Es ist furchtbar, mir vorzustellen, wie man mehr als 40 Jahre darunter leidet, dass die eigene Mutter einen als Mensch zweiter Klasse behandelt. 


Hallo Mutti,

seit ich erfahren habe, dass du das Haus verkaufen wolltest und die Hütte schon vor Jahren an R* verkauft hast, ist nun einige Zeit vergangen.


Ich habe viel darüber nachgedacht und mit Leuten darüber gesprochen. Tante E*, die ja schon lange wollte, dass ich sie mal besuche, was ich jetzt endlich auch getan habe, meinte, ich solle es versuchen, das Gespräch aufzunehmen, um zu retten, was noch zu retten
ist.


Ich selbst bin mir da nicht so sicher. Ich kann dein Tun nicht verstehen, ich weiß ja auch sehr wenig
darüber, was da war und was du dir dabei gedacht hast. Ich weiß, dass wir einen seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt haben. Du hast meine sexuelle
Orientierung und damit mich nie wirklich akzeptiert. Auch als ich schon fast 40 war, hast du noch davon geredet, dass ich ja vielleicht doch noch eine Frau finden würde, man hätte ja schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.


Dieser Konflikt zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich bin es so satt, immer wieder und wieder benachteiligt und gedemütigt zu werden wegen etwas, für das ich 1. nichts kann und mit dem ich 2.
niemandem einen Schaden zufüge. Du bist ja nicht die einzige Person, die das nicht akzeptiert.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie im Fernsehen mal der Film über *Schwule lief.
Damals wusste ich noch nicht, was Homosexualität bedeutet, ich wusste auch nicht, dass ich es war.


B* fragte dich, ob du den Film gesehen hättest, du antwortest in etwa so: „Ach, als ich sah,
wie da zwei Männer sich küssten...“ Ich weiß noch, wie wir mal durch die Stadt gingen, in der Bahnhofstraße kamen uns zwei gutaussehende junge Männer in weißen Anzügen entgegen. Ich sagte, dass ich gerne solche weiße Kleidung hätte, du sagtest darauf: „Ach, das waren doch zwei Schwule“.
Ich hatte vor der Willi-Wahl ein Foto von Willy Brandt in meinem Zimmer hängen. R* sprach mich darauf an, und meinte ob ich Männer lieben würde. 


Ich sagte: „das geht doch gar nicht“, sie antwortete: „doch, die Mutti sagte, dass das geht und dass du so sein könntest“. (Ja, du hattest schon immer ein vertrauensvolleres Verhältnis ihr)

Einige Jahre später wurde wegen meiner schulischen Schwierigkeiten bei Großchen und Papa diskutiert, mich in ein Internat zu schicken. Du sagtest, du hättest Angst, dass ich da schwul werden könnte, damit war das Thema erledigt. Ich bin aufgewachsen in einer mir feindlich gesonnenen Familie, die zwar den Sohn wollte, aber nicht den, der dann da war. Man wird nämlich nicht schwul, man ist es. So wie man eine bestimmte Haarfarbe, Fingerabdrücke usw. hat, ist auch die sexuelle Orientierung Teil der Persönlichkeit und unveränderlich.


Als ich dann den A. K.* nach Hause brachte, war es vorbei. Ich war von nun an Mensch zweiter Klasse, unerwünscht, wurde benachteiligt und ausgeschlossen. So erfuhr ich zum Beispiel
erst von P*s Taufe an dem Tag, an dem sie stattfand. Dass ich nach dem Jahr in Essen meine schulischen Schwierigkeiten überwunden hatte, half mir dabei nicht. 


Ich blieb zweitklassig, uninteressant, wurde benachteiligt, R* bevorzugt. Der erste große Streit ließ dann nicht auf sich warten. Ich war müde, wollte schlafen, hatte am nächsten eine Prüfung vor mir, R* hingegen feierte mit Freunden. Kurz nach 11 wollte ich, dass sie jetzt endlich ruhig sind. Aber die wollten keine Ruhe geben, und du ergriffst die Partei der Ruhestörer. Deren Feierei war wichtiger als mein Studienerfolg.

Es gab dann wieder „bessere“ Phasen, du hattest ja Hoffnung auf kotzende Pferde. Aber als ich A* nach Hause brachte, war es wieder soweit. Du warst mit der Beziehung nicht einverstanden und hast dich dementsprechend verhalten. R*s damaliger Freund äußerte sich beim Weihnachtsessen in meiner und A*s Anwesehnheit homophob, worauf Streit entbrannte. Du ergriffst die Partei des Homophoben, das wars. Auch heute noch erlebe ich ständig Benachteiligungen und Ablehnung meiner Person, weil ich schwul bin. Auch im Berufsleben, ständig.


Ich habe es satt. Ich habe keine Energie mehr, mich zu verteidigen, und um meine Stellung zu kämpfen. Es ist aussichtslos. Du meintest ja, ich lebe in einem Wahnsystem, ohne mir sagen zu wollen, worin dieser Wahn bestehe. Er bestand wohl darin, dass ich glaubte Rückhalt und Unterstützung in meiner Familie mütterlicherseits zu haben. Seit Großchen nicht mehr lebt, habe ich den nicht mehr. Großchen hat mir anders als du immer das Gefühl gegeben, wertvoll und erwünscht zu sein. Es war ja auch Großchen, Die Dich dazu gebracht hatte, mir und B* jeweils die Haushälfte als Erbteil zu versprechen, als Du R* das Geld für ihre Wohnung schenktest.


Von der Hütte sollte R* aber trotz ihres Vorteils ein Drittel bekommen, weil sie ja so großen Wert auf die Hütte legte. Kann mich noch sehr gut an deine Worte erinnern. Nun, jetzt sie kein Drittel davon, sondern alles. Diesen Teil des Versprechens hast Du bereits gebrochen, den anderen wolltest Du brechen.


Kennst du Karl von Einem? Der war Gerneraloberst und Kriegsminister im deutschen Kaiserreich. Dem war ein schlechter Offizier lieber als ein guter, wenn der gute homosexuell war. In den Augen dieses Mannes war die Schande der Homosexualität durch nichts wieder gut zu machen. Diesen Geist hat du anscheinend auch verinnerlicht.


Dir wäre ein im Leben versagender Sohn, eine Lusche, wahrscheinlich auch lieber gewesen, als ein
homosexueller, der nach großen schulischen Schwierigkeiten doch ein sehr schwieriges Studium
schafft und sich trotz ständigem Gegenwind auch beruflich einigermaßen behauptet. Oder sehe ich das falsch?


...

Sonntag, 12. Februar 2017

Und der Mörder ist ... Mein Kommentar zu Nicole Neubauers Krimi "Moorfeuer"

Es gibt unendlich viele Bücher. Und ein wirklich gutes ist dieses.

Ich gebe es zu - ich lese sonst keine Krimis und Thriller, weil ich mir dabei ins Hemd scheiße. Wenn man so eine lebendige Phantasie hat wie ich, wird so ein nervenaufreibendes Buch schnell zum Horrortrip.

Vor etwa einem Dreivierteljahr traf ich Nicole das erste Mal. Ich war als Begleitung zu einem Termin beim Piper-Verlag in München eingeladen und nutzte den Abend davor, mich mit ihr zum Abendessen zu treffen. Wir kannten uns flüchtig über Twitter und die #BartBroAuthors. Wir verstanden uns ab dem ersten Moment super.

Ich fragte sie über den Abend über ihre Bücher aus und bekam tatsächlich ein Exemplar des aktuellen Werkes von ihr geschenkt. Mit Signatur. 

Monate verstrichen, in denen ich Nicole noch zwei Mal treffen sollte. Aber bis letzte Woche glotzte ich das wunderschöne Cover immer und immer wieder nur in meinem Regal an, ohne es anzufassen. Ich hatte tatsächlich Angst vor dem Buch. Weil ich ein sehr zartes Nervenkostüm für Gewalt und Psychokram habe. 

Als meine Mutter den Krimi im Herbst las, stand fest, ich werde es lesen. Meine Mutter liest gefühlt hunderte Bücher im Jahr und davon sehr viele Krimis. Ihr Fazit war eine eindeutige Leseempfehlung.

Im Dezember tarf ich Nicole das letzte Mal, gemeinsam mit meiner ebenfalls großartig schreibenden Freundin Julia von Rein-Hrubesch, bei selbiger zuhause. Ein Abend mit Gin, Feuertonne und großartigen Gesprächen über das Schreiben, Kreativität und unsere Pläne. Da war mir klar, ich muss das Buch jetzt endlich lesen.

Vorhin habe ich es zugeschlagen und muss sagen - ich bin ziemlich platt. Das, was Nicoles unverkennbaren Schreibstil ausmacht, ist das Unkonventionelle am Krimi.
Dieses Buch ist so vielschichtig, eine genreübergreifende Mischung aus Psychoanalyse, Gesellschaftskritik und kreativer Sprache.

Nicole schafft es, Ebenen in die Geschichte zu bauen, die man je nach Interpretationsanspruch überlesen, und zugleich weit ergünden kann. Sie spielt dabei mit dem Gegensatz aus Wortwitzen des aktuellen Zeitgeschehens, einer großartigen Brise Sarkasmus, dem Bauerncharme des Freistaats Bayern und einer klaren, knappgehaltenen Satzstruktur. Ihre Art zu schreiben erzeugt intensive Bilder, eine dauerhafte Spannung und überspielt dabei nicht die Banalitäten eines tatsächlichen Ermittleralltags, mit dem Hollywoodfilter des Surrealismus.

Hier findet sich alles: die Kritik an mangelnder Selbstreflexion, Monsanto, Realitätsflucht und dem Verkommen unserer ständig anonymer werdenden Gesellschaft. Dabei schafft sie Bezüge zu Themen und Begebenheiten, die mir ein manches Mal ein Insiderschmunzeln ins Gesicht gezaubert hat. Die versteckten Gags sind nicht notwendig, um das Buch zu verstehen. Aber es ermöglicht dem Einen oder Anderen mit Sicherheit einen sehr viel größeren Einblick in Nicoles Gedankenwelt, als man vermutet.

Das Freisinger Moos ist eine Kulisse, die einen gewissen mystischen Faktor mit sich bringt, ohne überzogen konstruiert zu wirken. Es ist schwer, einen Schauplatz für einen Mord so zu gestalten, dass man wirklich bis zum Ende rätselt, ohne dauernd abgelenkt werden zu müssen. Überhaupt sind die Schauplätze übersichtlich, die Abläufe transparent und genau das macht es auch so schwer, keine Längen in ein so dickes Buch zu bringen.

Alles, was ich ab jetzt sagen möchte, wäre ein Spoiler. Deshalb sage ich abschließend nur:

Dieses Buch ist unkonventionell und sehr gut geschrieben. Ich habe es überlebt. Wenn auch mit Gruselfaktor beim Einschlafen. Volle Punktzahl für diesen Krimi.

Hut ab. Den nächsten Teil lese ich auf jeden Fall!


Nicole Neubauer // Moorfeuer
Blanvalet Verlag
ISBN - 978-3734102127

Foto: https://www.amazon.de/Moorfeuer-Kriminalroman-Kommissar-Waechter-2-ebook/dp/B00XRC6UZC/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1487186706&sr=8-1



Mittwoch, 1. Februar 2017

Kommunikation am Limit - Neurodiversität und die Folgen von Frust und Wut


In letzter Zeit bin ich immer wieder in Diskussionen geraten, bei denen ich, trotz vorhandener Argumente, immer wieder an die Grenzen meiner sozialen Kompetenz gelangt bin.

Weshalb ist das immer wieder mal so? Diese Frage geistert mir schon so lange durch den Kopf, wie ich denken kann. Als ich 23 war, stellte sich in einer Therapie heraus, dass ich Neurodivers bin. Das bedeutet in meinem Fall zum einen, dass ich Synästhetikerin bin (u.a. Töne in Farben höre) und zum anderen, dass ich ein paar mehr austistische Züge habe als andere Menschen. Prinzipiell ist das für mich kein Problem, weil ich die damit verbundene Kreativität sehr mag.

Zumindest dachte ich das lange.

Als Kind fand ich es maximal nervig, dass ich mit den anderen Kindern in meinem Alter nicht viel anfangen könnte und dann lieber alleine vor mich hin tüdelte. Erst als ich feststellte, dass meine phantasiereiche Welt im Kopf und der enorme Speicher für Alles, was um mich herum passiert, meinem Alter nicht entsprachen, und ich deshalb ausgegrenzt wurde, war das für mich ein Problem.

Im Endeffekt war ich emotional unter der Entwicklung meines bereits weiter entwickelten Geistes und diese Diskrepanz macht mich noch heute unsicher. Kurzum: Es gab niemanden, der mich verstand und oder mit mir so umgehen könnte, dass ich mich nicht einsam/unnormal fühlte. Inklusive mir selbst. Und ich liebte schon immer die Melancholie, weil das Nachdenken über dasein und nicht dasein so intensive Gefühle hervorrief. Alleine deshalb war ich für mein gleichaltriges Umfeld irgendwie nicht greifbar. 

Sich mit fünf Gedanken um Leben und Tod zu machen, lieber mit Jungs Baumhäuser zu bauen und Wolkentiergeschichten zu erfinden, als mit Puppen zu spielen, fanden Mädchen in meiner Grundschulklasse eher seltsam. Für mich war das immer cool, weil ich alles um mich herum spannend fand. Die Welt, kreativ sein, Geheimnisse über das Leben zu erfahren. Und das am liebsten mit anderen zu teilen. Vor allem das. Das hat mir leider später den Nachteil gebracht, dass man schnell meinen könnte, ich sei narzisstisch. 

Dabei bin ich gar nicht so gerne im Mittelpunkt. Mein Redebedarf ist einfach enorm hoch, weil meine ganze kommunikative Geschwindigkeit schon immer auf 200% läuft. Das kann und will nicht jeder. Ich sehe das Problem eher darin, dass ich nie ein selbstverständliches Gefühl für mich als Person hatte. Wenn man damit aufwächst, sich selbst nicht zu verstehen und das unverstandene, andersartige Ich, gleichzeitig auch noch immer gegenüber anderen verteidigen muss, übernimmt man dauerhaft dieses ständige Abgleichen des Ichs - Innenwelt vs. Außenwelt. Wo bin ich? Wie reagieren andere? bin ich schuld/die anderen? (Mir kam der Gedanke nie, dass es vielleicht auch niemand sein könnte, der schuld ist) Unsicherheit führt dazu, dass das Thema Ich ganz automatisch immer im Zentrum der Gedanken ist. Und es fühlt sich alles, nur nicht super an.

Wer viel Wissen aufnehmen kann und ein kommunikatiker Typ ist, gibt es auch automatisch wieder, wenn ein Gespräch Themen berührt, zu denen man Infos im Kopf hat. Und das sind bei mir wirklich viele. Leider gebe ich sie seit ein paar Jahren und einem Burn-out nicht mehr immer korrekt wieder und bin dann am meisten sauer auf mich selbst, weil ich ein Klugscheißer zu sein scheine, der zunehmend nicht mal immer recht hat. Schlafmangel und Überforderung/Überarbeitung kill me. Brain is tricky. Das nagt. 


Im Gegensatz zu anderen, von der *gesellschaftlichen Norm abweichend geistig funktionierenden Personen*, bin ich nicht generell mit sozialer Interaktion total überfordert. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie ich sie führe, die mich anecken lässt und die Intensität der Beziehung zu den Menschen, mit denen ich mich umgebe, die mich schlagartig mit dem Fluchtreflex überflutet. Tatsächlich: 

Reizüberflutung.

Solange mein Umfeld bezüglich der gemeinsamen emotionalen Sprache halbwegs stabil ist, und ich mich sozial sicher fühle, ertrage ich extrem viel Nähe. Fühle ich mich verloren in einer Gruppe, die nullkommanull von meinen Gedankengängen nachvollziehen kann (die immer brodeln und einfach irgendwann rausmüssen - wie so ein Gefühlstourette), werde ich zunehmend unsicher. Entweder ich rede andauernd, um das zu überspielen, oder gar nicht.

Dieses Kultivieren von Frage-Antwort-Monologen ist ein ganz wesentliches Problem für mich. Denn: es gab nie wirklich stabile Antworten in mir. Die einen können damit gut umgehen, dass ich immer (und ungewollt, weil ohne Filter dafür ausgestattet) authentisch, ehrlich, unangenehm nah an persönlichen Themen bin, auch, wenn ich jemanden nicht gut kenne. (Wortwörtlich das Herz auf der Zunge trage) Die anderen grenzen mich kommentarlos aus oder führen Diskussionen mit mir, auf die ich aus Frust impulsiv reagiere. Emotional und geisteshorizontal sind das so unterschiedliche Frequenzen, die beinahe unmöglich in Einklang zu bringen sind.

Warum? Weil ich mich nicht verstellen oder weniger emotional machen kann. Es gibt keine "geschützte", oberflächliche Persönlichkeit, die ich auf Smalltalkebene präsentieren kann und eine tiefgründige, die ich rausholen kann, wenn es gefragt ist. Genau da ist mein größter Frustfaktor.

Ein Bespiel: ich kann Ironie und Sarkasmus bei anderen nicht gut lesen, sie aber selbst spontan und präzise einsetzen. Das Lesen von Gründen für das Verhalten von anderen kann ich solange gut einschätzen und flink durchschauen, solange es nicht in Bezug zu mir steht. Durch meine Relation zur Person geht mir die objektive Beobachtung flöten und ich bin verloren in der Interpretation. Interpretieren kann ich wirklich schlecht, wenn es um Interaktion zwischen mir und anderen geht.

Für mich ist es normal - oder besser - ein natürlicher Drang, dass man offen diskutiert, Besonderheiten direkt anspricht. Wenn mir jemand rasch erzählen würde, dass er ein gesundheitliches Problem, eine pflegebedürftige Mutter oder was auch immer hat, kann ICH doch viel sensibler darauf eingehen, wenn die Person sich komisch verhält oder wie ein Arschloch. Meine Toleranz wächst durch Verständnis der Gesamtsituation und ich gehe deshalb so offen auf Menschen zu und erzähle ihnen auch unangenehme Scheiße aus meinem Leben. Ungefiltert. Aufrichtig und ehrlich. 

Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich auch nicht gut, wenn es nicht so ist. Alleine das löst meist schon den ersten unangenehmen Moment mit Menschen aus. Also in denen, nicht in mir.

Ich hoffe auf Toleranz und Verständnis, weil ich es lange für die Welt gehabt habe.
Und da ist auch der Punkt, der gestern in mir ein unglaubliches Loch gegraben hat. Ich bin genau das, was ich nie sein wollte. Intolerant. 
Gegenüber denen, die es mir gegenüber sind, weil sie mich nicht verstehen, annehmen oder ein Problem mit der öffentlichen Behandlung von Schwäche haben. Und das sind wesentlich mehr Leute als die, die Bock, Empathie und Interesse haben, sich in andere hineinzuversetzen. Das hat mich jahrelang so sehr gefrustet, dass ich zunehmend verbitterter wurde. Immer auf Kontra, immer sofort an die Decke. 

Ich wollte immer mit dem Kopf durch die Wand - typisch Stier. Bis mir mal der Spruch begegnete, was ich da im Nachbarzimmer eigentlich wolle. Ab da wurde ich entspannter.

Wenn man es auf den Punkt bringt, bin ich über die letzten 30 Jahre radikal geworden. Gegen Intoleranz. Dabei bin ich das selbst. *Schock* Ich hoffe auf Verständnis und hasse alles und jeden, der mich kritisiert oder für meine unkontrollierte Art nicht leiden kann. Und am meisten die, die mir das nicht mal sagen, sondern mich einfach ignorieren. Ääk, das kann nicht funktionieren.

Zerbrechlichkeit und Orientierungslosigkeit in mir, sind der Grund für die Ablehnung, die ich eigentlich sogar am meisten mir selbst gegenüber pflege. Das muss aufhören. Wen interessiert so sehr, wer, was oder wie ich bin? Nur mich selbst. Und da muss ich anfangen stabiler zu werden. In mir. Was im Klartext bedeutet, dass ich lernen muss, Kritik an meinem Verhalten und Kritik an mir als Wesen, also den damit verbundenen Besonderheiten, zu unterscheiden. Dieses Verpulvern von überemotionaler Energie macht vor allem mich selbst irre, denn ich komme damit nicht weiter. Wut und Impulsivität als Ventil für Frust und Unsicherheit, sind definitiv der falsche Weg, mir Erfolgserlebnisse im Umgang mit meinem Abweichen von der Norm [wie ich dieses Wort ***** (zensiert, weil: nicht zu intolerant werden)], zu erarbeiten.

Nicht weniger emotional, aber vielleicht ein wenig mehr Zeit zum Denken. Bevor ich alles auf dem emotionalen Ohr als persönliche Kritik an mir als Wesen empfinde. Es gibt Dinge, die kann ich aus bestimmten, vorgegebenen Grundeinstellungen meines Hirns nicht gut. Und es gibt Dinge, die kann ich beeinflussen. Meine Sichtweise und den Umgang mit Schwächen. Diejenigen, die das erkennen, sind auch die, mit denen ich emotionale Diskussionen führen kann und muss, weil das meinem Naturell enstpricht, mit dem ganzen Dasein zu diskutieren.

Mit den anderen sollte ich Diskussionen so einfach nicht führen. Da darf mich Kritik an Dingen, die nicht mein charakterbedingtes Verhalten angehen, einfach nicht bocken. Denn: ja, ich will mich weiterentwickeln. Mir liegt die Balance in mir sehr am Herzen. Bin ich unausgeglichen, kann ich mich selbst nicht leiden. Vielleicht ist es für Menschen wie mich, zusätzlich auf einer anderen Ebene schwer, konstant kompetent aufzutreten. Das ist nun mal so und wenn ich selbst nicht dahinterstehe, dass das auch eine Form von normal ist (wie ich denke, analysiere, die Welt wahrnehme), dann wird es auch niemand anderes tun. 

Ich erwartete, dass andere Menschen mich so akzeptieren und tue es bis heute nicht einmal selbst. Und sich selbst akzeptieren heißt nicht, dass man sich darauf ausruhen darf und sollte, dass man eben so ist, wie man ist. Es ist vielmehr die Gelassenheit, die eintreten sollte, dass die Basis in Ordnung ist und die Feinheiten ein Langzeitprojekt, an dem man mit Geduld (!) und dem Annehmen von konstruktiver Kritik arbeiten kann.

Warum?

Weil ich mich so anders mag. Kein Aber. Und auch gerne Menschen um mich habe. Nicht alle, aber einige. Solange ich mich zurückziehen kann, wenn mir soziale Interaktion zu viel wird. Ich lerne daraus, wachse daran. hoffentlich bald gelassener, damit ich die Vorteile des hirnverschaltungstechnischen, kreativen Anderssein, auch mal voll nutzen kann.

Mein Anderssein ist keine Ausrede, mit der Welt pampig werden zu dürfen, nur weil sie pampig mit mir ist.