Donnerstag, 27. April 2017

Gibt es eine Verantwortung der Buchbranche?

Gestern gab es auf Twitter eine angeregte Diskussion zum Thema Verantwortung der Buchbranche. Auslöser war ein Zitat aus dem Buch "Trinity - Verzehrende Leidenschaft", erschienen bei Ullstein.

Wir Autoren fragten uns, wie man mit Büchern umgeht, deren Inhalt sensible Themen aufgreifen, die der Leser kritisch betrachten sollte. Auch der Titel "Paper Princess" aus dem Piper Verlag fiel in der Diskussion häufig. Schnell war klar, dass es sich um die Frage dreht, ob Verlage eine Schutzfunktion übernehmen müssen. 

Was bedeutet das?

In erster Linie folgendes: 
Lesen ist Denken, Denken ist Bildung, Bildung ist Meinung und Meinung prägt unsere Gesellschaft.

Wenn wir also Literatur im Mainstream platzieren, deren Inhalt sich an Grundgesetz, Strafgesetzbuch und sämtlichen moralischen und ethischen Grundwerten unserer Gesellschaft reiben, müssen wir als Autoren, Agenten und Verlage dafür sorgen, dass dies dem Leser ebenso bewusst ist.

Es geht nicht darum, etwas zu verbieten. Wobei es hier noch einmal gesondert zu klären gilt, ob es sich um Propaganda handelt, bei der eine Zensur angebracht ist.

Was ist das Problem mit Büchern, die u.a. Rape Fiction und ähnliche Themen behandeln, die sich moralisch rechtlich in einer Grauzone bewegen?

In erster Linie: Das Publikum.

Warum? Es ist so:

Die Buchbranche unterliegt natürlich den Fesseln der Wirtschaftlichkeit. Bücher sind ein nicht so schnelllebiges Medium wie ein Fernsehfilm, jedoch ist auch hier der Konsum auf einen sehr schmalen, meist auf wenige Wochen ausgelegten Zeitraum begrenzt, in dem ein Buch beworben werden kann. In dieser Zeit muss es möglichst viel Aufmerksamkeit erzielen, um Absatz zu machen. Ganz ähnlich wie in der Modeindustrie. Und auch hier werden meist diejenigen (Autoren und Leser) am meisten für den Absatz be- und ausgenutzt, die die Branche repräsentieren - nämlich die Models.

Absatz. Genau darum geht es. Bücher sind neben dem Medium der geschriebenen (Kunst)form, Gedanken und Abläufe derer darzustellen, vor allem ein Wirtschaftsfaktor. It is all about the money!

Die Buchbranche ist ein hartes Pflaster, in dem es nicht um ein cooles, tolles, außergewöhnliches und neues Buch geht. viele von den wirklich guten Werken sind aus Verlagssicht "Nische" und werden abgelehnt, mit Vorsicht platziert. Sie sind ein Wagnis, das der Buchmarkt tragen muss. Never touch a running system! Es geht um Geld, Fortbestand des Verlages, Marktanteile, Trend erkennen usw. 

Trends sind ein schwieriges Thema. Wie entsteht ein Trend? Durch viele kleine Faktoren, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammenlaufen. Angenommen, wenn jemand, der in der Branche Einfluss hat, ein Buch empfiehlt, dessen Inhalt aus irgendeinem Grund grottenschlecht ist, und die anderen auf seine Meinung spekulieren, kann das ziemlich schnell gehen. Warum kann ein schlechter Inhalt empfohlen werden? Weil er mit großer Wahrscheinlichkeit Skandalpotenzial hat und dadurch Geld bringt. Aber Skandal und skandalös sind zwei verschiedene Dinge. Mehr dazu gleich.

Damit ein solches Buch den Weg zum Leser findet, muss es beworben werden. Marketing ist ein unglaublich starkes Instrument. Wir denken als Konsumenten oft, dass wir der Werbung nicht auf den Leim gehen, aber dem ist nicht so. Es frisst sich in unser Unterbewusstsein hinein und prägt unser Bild vom Markt.

Wenn also ein Buch mit sensiblem Inhalt so (top-) platziert wird, dass es sofort gesehen wird, wird es gekauft. Der Mainstream-Leser kauft das, was er in der Auslage sieht. Das ist ein Schneeballprinzip. Die einen kaufen es, weil sie es sehen, die anderen, weil es verrissen wird. In jedem Fall erregt ein Buch dieser Art Aufsehen kann zum Bestseller werden, obwohl es inhaltlich totaler Murks ist.

Was macht ein solcher Inhalt mit dem Leser? Es formt ihn. Denn, wenn ein Buch in Top-Platzierung erscheint, kann es ja nicht so verwerflich sein, dass ich mich als Leser fragen muss, ob ich den Inhalt kritisch sehen muss, oder? Doch! Und genau da liegt das Problem. Es geht nicht darum, die Bücher vom Markt zu nehmen, sondern zu verhindern, dass der Konsument etwas als allgemein vertretbar und moralisch geltende Norm ansieht, das es offensichtlich nicht ist oder sein sollte. 

Ein Leser, der Bücher über fragwürdige Geisteshaltungen, emotionale Ausbeute und Kink liest, weil es ihn kickt, findet diese Literatur. Auch ohne, dass man diese so offensichtlich platziert und eventuell noch für die falsche Altersgruppe. 

Es ist demnach egal, wer welchen Fetisch, welche Neigung und Vorliebe hat, die man in der Psychologie als krankhaft, oder als rechtlich nicht vertretbar diskutieren könnte.
Dies hier ist keine Grundsatzdiskussion, ob etwas krank oder gesund ist, ob Gewalt verboten gehört. Es ist eine Bitte, nicht leichtfertig etwas zu kommerzialisieren, das in den falschen Händen viel Schaden anrichten kann. Auf jedem PC Spiel ist eine USK!

Verlage sind demnach auch in der Pflicht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie sind diejenigen, die Autoren vertreiben, die jene Inhalte geschrieben haben, welche ein Gesellschaftsbild formen. Der Autor allein ist nicht der Grund, dass etwas bagatellisiert wird, das hochbrisant ist. Verlage sind im besten und schlimmsten Fall Meinungsmacher. Potenzial = Risiko.

Wie kann diese Aufklärung aussehen?
Das ist eine gute und wichtige Frage. In erster Linie, in dem man versucht, dem Leser durch cleveres Marketing und Platzierung einen emotionalen und geistigen Anspruch "anzutrainieren", auf dessen Basis er künftig auch im Mainstream auf sein Bauchgefühl hören kann, wenn es um das Annehmen einer Haltung geht. Lesen ist Bildung und Bildung ist das, worauf wir unser Gesellschaftsbild aufbauen. Warum gibt es keine Kurzempfehlungen auf Büchern?

Wenn  z.B. ein Jugendbuch publiziert wird, bei dem blind davon ausgegangen wird, dass ein junger Leser (ab etwa 14), der gerade erst die Basics an Sexualität erlernt und erfährt, bereits ersehen kann, dass ein bestimmter Umgang im Miteinander ihm schadet, wenn er sich darauf einlässt, verfehlen die vertreibende und die erschaffende Instanz ihren Bildungsauftrag.
Denn das ist nicht so. Gerade junge Menschen brauchen Anleitung, emotionale Zusammenhänge in einer Weise kritisch zu betrachten, dass sie selbst keinen Schaden nehmen. Es geht um eine Vorbildfunktion, die wir an allen anderen Stellen fordern!

Wir als Bevölkerung beschweren uns zunehmend über den Verfall der Gesellschaft und schauen an den Stellen gerne weg, an denen wir eingreifen und präventive Arbeit leisten können. Warum? Weil es zu wenig um leistbare Bildung und Verantwortung geht, statt um Finanzen. Die sind wichtig, ohne Frage, von ihnen hängt der Fortbestand ganzer Zweige ab. Die Frage ist nur, wie kann man die Kunden dieser Zweige dazu bringen, etwas weniger emotional exhibitionistisches als gemäßigte Grundlage zu sehen? Mainstream ist Mainstream, weil die Masse es kauft. Das Ziel ist nicht, dem Leser im Mainstream einen Goethe zu verkaufen, sondern einen Inhalt, den er selbst gerne hinterfragt. 

Bücher sollen auf allen Stufen des Anspruchs an den Leser begeistern, fesseln, amüsieren, entspannen, beflügeln, bekümmern und noch vieles mehr. Aber sie sollten für die Masse nicht durch etwas gehypt werden, das ohne kritische Hinterfragung bloßer Voyeurismus von Ausbeute und falsch verstandene Meinungsfreiheit ist. Durch zu viel Auslegung auf Ertrag, erzielt auch bad publicity irgendwann keinen Effekt mehr. 

Kommentare:

  1. Wow, toller Beitrag. Die Diskussion geht ja eigentlich schon etwas länger. Das gestern auf twitter habe ich gar nicht so mitbekommen, aber ich habe noch einige andere Beiträge dazu gelesen.
    Dein Beitrag ist unaufgeregt, spricht aber die wichtigen Punkte an. Die Diskussion wird ja doch teilweise sehr emotional geführt. Da finde ich deinen Beitrag dazu echt erfrischend.

    LG, Moni

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  2. Ein toller Beitrag!
    "Der Mainstream-Leser kauft das, was er in der Auslage sieht." Das ist ein riesiges Problem, finde ich. Nicht nur, dass Geld die Welt der Buchbranche regiert, sondern auch, dass "every news is good news" zählt, besorgt mich zunehmend.
    Das ist eine positive Rückkopplung: Wer Geld reinpumpt, bekommt Geld raus. Wer Aufmerksamkeit erzielt, erzielt Verkäufe.
    So einfach sind die Gleichungen des Buchmarktes und genau diese Gleichungen sind es, die Verlagsautoren von Selfpublishern so sehr abtrennen wie die namhaften Verlage von den Kleinverlagen, die sich ihrerseits auch durchschlagen müssen. Ich glaube, wir müssen bei den Buchhandlungen genauso ansetzen wie bei der Verantwortung der Autoren selbst.
    Grüzie
    Kia

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